Andreas Hild

Denkmalschutz

Vollzug oder Diskurs

Die deutschen Begriffe „Denkmalschutz“ und „Denkmalpflege“ sind vielsagend. Wir schützen und pflegen nämlich ausschließlich Dinge, die wir schätzen. Dem geht eine Bewertung voraus, die das Schützenswerte zuungunsten des Nicht-Schützenswerten auswählt. Der Denkmalschutz versucht im Allgemeinen darzulegen, dass dieser auch für seine Belange grundlegende Prozess von objektiven Kriterien geleitet sei. Wenn wir einmal die theoretische Angreifbarkeit eines solchen Unterfangens beiseite lassen, ist zumindest interessant, dass die Denkmallisten allerorten reihenweise Objekte aufführen, deren Auswahl argumentativ oft eher schlecht zu begründen ist.

Gewiss bemüht sich die Erfassung von Denkmälern redlich um objektive Kriterien, spätestens bei steigender Objektzahl und näher kommenden Erstellungszeiten jedoch wird es schwierig, die Spreu vom Weizen zu trennen. Schon ein flüchtiger Blick in die Geschichte belegt, wie irrig frühere Zeitgenossen ihre nahen Vorgänger bewertet haben. Heißt das, wir pflegen möglicherweise die falschen Denkmäler? Kann es so etwas wie die richtigen Denkmäler überhaupt geben? Und ist es wichtig, die richtigen zu erhalten? Oder ist das vielleicht ganz egal?

Spätestens angesichts dieser grundlegenden Fragen wird deutlich, dass die Debatte um zu erhaltende Gebäude nicht hinter geschlossenen Türen stattfinden sollte. Um einen öffentlichen Diskurs zu ermöglichen, müsste die Denkmalpflege auf ihr liebgewordenes Selbstbild als Vollzugsorgan eines Gesetzes, in dem alles geregelt ist, verzichten. Sie müsste sich in die Debatte begeben und begreifen, dass es nicht um festgeschriebene Positionen mit Verordnungscharakter geht oder um ein Problem der kunsthistorischen Deutungshoheit. Notwendig ist stattdessen eine Auseinandersetzung um gesellschaftliche Werte und Bewertungen, an der sich die Denkmalpfleger als Experten und Moderatoren beteiligen sollten. Gelänge es ihnen damit, sich weniger als bloße Bewahrer, sondern mehr als Diskursführer zu präsentieren, könnten sie der Öffentlichkeit tatsächlich eine Plattform bieten, auf der kompetent und beständig wichtige gesellschaftliche und ästhetische Aspekte unserer gebauten Umwelt diskutiert würden. Im Gegenzug müssten beispielsweise Architekten begreifen, dass Denkmalpflege kein Behinderungsinstrument ist, sondern ein legitimes Interesse vertritt, das – in welcher Form auch immer – zu integrieren ist.

Für die Institutionen der Denkmalpflege birgt die vorgeschlagene Debatte natürlich auch die Gefahr des Verlustes: Verlust  an Macht, aber  auch ein Verlust  von Denkmälern. Dieser würde aber durch einen Gewinn an Renommee und Diskursfähigkeit aufgewogen. Schließlich ist eine Denkmalpflege, der es nicht gelingt, die Menschen mitzunehmen, auf Dauer nicht zukunftsfähig.

Prof. Dipl.-Ing. Andreas Hild (*1961) studierte Architektur an der ETH Zürich und der TU München. 1992 gründete er zusammen mit Tillmann Kaltwasser das Büro Hild und Kaltwasser Architekten. Seit 1999 in Partnerschaft mit Dionys Ottl: Hild und K Architekten. Nach verschiedenen Lehraufträgen und Gastprofessuren wurde Hild 2013 auf die Professur für Entwerfen, Umbau und Denkmalpflege an der TU München berufen. Andreas Hild ist Mitglied des Redaktionsbeirats dieser Zeitschrift, er lebt und arbeitet in München.

Foto: David Kasparek

Sep Ruf, Kanzlerbungalow, Bonn 1963–1966, Foto: David Kasparek

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