16 Stationen. Wanderungen im Remstal

Station 6+7: Plüderhausen bis Urbach

Station 6: Plüderhausen
Uwe Schröder Architekt, Bonn
Geokoordinaten: 48.800239, 9.604695

Uwe Schröder, „Hochzeitsturm“, Plüderhausen, Foto: Andreas Denk

Auf einer der für das Remstal typischen Streuobstwiesen steht über der Ortschaft Plüderhausen der „Hochzeitsturm“ von Uwe Schröder. Der Bonner Architekt hat einen lokalen Ritus zum Ausgangspunkt seines Entwurfs gemacht: In Plüderhausen ist es seit einigen Jahren wieder üblich, wie zu Zeiten der Landesmeliorisation im 18. Jahrhundert, dass Paare nach der Eheschließung einen Obstbaum auf einer „Hochzeitswiese“ pflanzen. Uwe Schröder hat dieser Sitte mit seinem Turmbau einen einprägsamen architektonischen Rahmen gegeben: Die Außenhülle des Turms aus weiß engobiertem Ziegel kontrastiert mit rotem, brandbelassenen Backstein in dem über zwei Stufen betretbaren Innern des Bauwerks. Der Turm ist mit einem Satteldach aus Holzschindeln gedeckt, wie es sich in der Region insbesondere als Wetterschutz an den Außenwänden der Häuser findet. Der kleine Innenraum auf quadratischer Grundfläche öffnet sich mit zwei hohen, schlanken Spitzbögen zum Berg, mit zwei fensterartigen Öffnungen zu den Seiten und und einem großen Bogen ins Tal.

Obstwiese unterhalb des „Hochzeitsturms“, Foto: Andreas Denk

Uwe Schröder, „Hochzeitsturm“, Plüderhausen, Foto: Andreas Denk

Mit Gestalt und Ausstattung des Turms hat Schröder den ländlichen Brauch um weitere Elemente erweitert: Die frisch verheirateten Paare betreten nebeneinander die Stufen zum Turm, können eine Glücksmünze durch einen messinggefassten Schlitz im Turmboden werfen, suchen dann mit Blick auf Ort und Tal einen Platz für den zu pflanzenden Baum, ergreifen schließlich jeweils einen an zwei seitlich angebrachten Ringen befestigten Spaten und schreiten dann gemeinsam durch den großen Spitzbogen den Hang hinab zum ausgewählten Pflanzort. Dem alt-neuen Ritus hat der Architekt einen romantischen Ort gegeben, der Tradition und Zukunftsgewandtheit mit einem räumlich-rituellen Erlebnis verbindet – sicherlich eine besonders gelungene und hintergründige Form des Kontextbezugs, die sich bei den „16 Stationen“ im Remstal findet. Das identitätsfördernde Potential  des Hochzeitsturms hat auch die Gemeinde Plüderhausen schnell erkannt – sie bietet inzwischen vor dem Turm standesamtliche Eheschließungen an.

Uwe Schröder, „Hochzeitsturm“, Plüderhausen, Foto: Andreas Denk

Station 7: Urbach
Achim Menges / Jan Knippers, Stuttgart
Geokoordinaten: 48.802682, 9.565344

Achim Menges / Jan Knippers, Urbach, Foto: Andreas Denk

Auch der Architekt Achim Menges und der Konstrukteur Jan Knippers haben die „16 Stationen“ um einen Turm bereichert: Die zwölf Meter hohe Landmarke liegt inmitten von Wiesen weithin sichtbar auf einer Anhöhe. Die Entwerfer verstehen ihren Beitrag als Hommage an die große ingenieurtechnische Tradition in Baden-Württemberg, die von Fritz Leonhardts Stuttgarter Fernsehturm bis zum Killesbergturm von Jörg Schlaich reicht. Dafür haben Menges und Knippers, die seit mehreren Jahren an der Universität Stuttgart an der Integration von Architektur, Bauingenieurwesen und digitaler Produktion arbeiten, selbst ein schlagendes Beispiel abgeliefert: Ihr Turm besteht aus zwei Lagen dünner Sperrholzstreifen, die bei der Montage elastisch verwunden und miteinander verbunden wurden. Die leichte, aber höchst stabile Tragstruktur ist am Computer entworfen, berechnet und dann mit einer CNC-Fräse gefertigt worden. Durch den hohen Grad der gewissermaßen selbsterklärenden Vorfertigung waren für die Montage am Ort fast keine Pläne mehr nötig.

Achim Menges / Jan Knippers, Urbach, Foto: Andreas Denk

Achim Menges / Jan Knippers, Urbach, Foto: Andreas Denk

Das technologische Kabinettstück ist eine elegante Erscheinung in der umgebenden Landschaft. Das Innere der spindelförmigen, in sich gedrehten Konstruktion, das sich zwangsläufig aus der Formgebung der Außenhülle ergibt, ist über einige Treppenstufen eines Betonsockels zu erreichen. Der Besucher bekommt im Innern den Eindruck eines konisch zulaufenden Zeltes, dessen Spitze in eine – transparent verschlossene – Öffnung in den Himmel mündet. Eine Aussparung in der hangabwärts gelegenen Seite ermöglicht zudem einen Ausblick in die weite Landschaft. Mehr als diese hier fast selbstverständliche Funktion überzeugt indes der Wert des Bauwerks als Denkmal technologischer und fertigungstechnischer Raffinesse.
Andreas Denk

Andreas Denk erforscht in seinem architektonischen Reisetagebuch die 16 „Stationen“ im Remstal und kommentiert die architektonischen Erzeugnisse, die die ungewöhnliche Gartenschau im Schwäbischen hervorgebracht hat. Die bisherigen Stationen finden sich hier:
Station 0: Im Remstal. Ein architektonisches Reisetagebuch
Station 1: Essingen
Station 2+3: Mögglingen bis Böbingen an der Rems
Station 4+5: Schwäbisch Gmünd bis Lorch

Remstal Gartenschau 2019
bis 20. Oktober 2019
Die meisten Gartenschauflächen sind zu jeder Zeit für die Gartenschau-Besucher geöffnet.
Weitere Informationen unter:
www.remstal.de

Artikel teilen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*