Ein Interview mit  Josep Ricart Ulldemolins, Harquitectes, Barcelona

Es zählt die Erfahrung der Architektur

Das spanische Architekturbüro Harquitectes mit Sitz in Barcelona tut sich seit vielen Jahren mit Bauwerken hervor, die sich nicht nur durch die Fügung in ihr Umfeld, originelle Raumgefüge und einen bemerkenswerten Umgang mit Materialien auszeichnen, sondern auch durch weitgehend passive Planungsstrategien. Mit ihren radikal reduzierten Ansätzen, die sie nach eigenen Aussagen eher nachrangig aus Gründen der Nachhaltigkeit verfolgen, stellen sie in Europa ein Ausnahmephänomen dar. Neben vielen weiteren Auszeichnungen erhielten sie 2021 von der Akademie der Künste in Berlin den Kunstpreis in der Sparte Baukunst. Elina Potratz, Redakteurin von Die Architekt, sprach mit Josep Ricart Ulldemolins, einem der vier Gründer von Harquitectes.

Elina Potratz: Wir haben Sie als Architekturbüro mit Fokus darauf angesprochen, wie man mit einfachen und zumeist passiven Strategien angenehme klimatische Bedingungen in Gebäuden erzeugen kann. Gefällt es Ihnen überhaupt, so stark mit diesem Thema in Verbindung gebracht zu werden? Oder empfinden Sie das als Reduktion Ihres Schaffens?
Josep Ricart Ulldemolins: Tatsächlich fühlt man sich ein bisschen auf einen einzigen Ansatz reduziert. Schon als wir vor 18 Jahren begannen, uns nachhaltigen Strategien zuzuwenden, wurden wir fortan vor allem mit dem Thema Nachhaltigkeit in Verbindung gebracht. Doch im Grunde genommen kann diese Art von grundlegender Nachhaltigkeit durch einfache Strategien des gesunden Menschenverstands entwickelt werden: dicke Wände, gute Querlüftung, gute Ausrichtung, energiearme Materialien und so weiter. Wir entwickeln die passiven, einfachen Strategien nicht nur aus Gründen der Effizienz und um weniger Energie zu verbrauchen, sondern auch, weil wir bemerkt haben, dass in dieser Art von Räumen gute Bedingungen für die menschliche Erfahrung herrschen – es ging nicht nur um objektive Parameter, sondern eher um subjektive Erfahrungen. Um es zusammenzufassen: Wir haben uns nie um Nachhaltigkeit gekümmert. Was uns immer am Herzen lag, war die Idee, dass Architektur etwas ist, das wir spüren, das wir erleben. Und auch klimatischer Komfort ist etwas, das man erlebt.

Was genau meinen Sie mit Erfahrung? Geht es dabei auch um das verstandesmäßige Durchdringen der passiven Prinzipien oder nur um die sinnliche Wahrnehmung des Klimakomforts?
Es geht um all die Erfahrungen, die man durch die Haut macht, in Bezug auf Feuchtigkeit oder auf Temperatur. Wir sollten Architektur als einen Prozess verstehen, bei dem das Produzieren von Erfahrungen im Vordergrund steht. Es geht darum, eine bestimmte Erfahrung in Form von Temperatur, Feuchtigkeit, Emotionen, Licht, Wind und Windgeschwindigkeit zu entwerfen und die Bedingungen zu definieren, unter denen diese Erfahrungen entstehen.

 

Klimatischer Schnitt (Detail), Abb.: Harquitectes

Das Centro Civíco Cristalleries Planell (Barcelona 2010 – 2016) beherbergt auf dreieckigem Grundstück ein Zentrum für Erwachsenenbildung. Zwei der drei Seiten des Grundstücks werden von einer denkmalgeschützten Fassade einer ehemaligen Glasfabrik von 1913 begrenzt. Die vier Stockwerke des Gebäudes sind von der nach Süden ausgerichteten historischen Fassade zurückgesetzt. Der so entstandene Zwischenraum – eine Art langgezogener Hof – verbessert die natürliche Belichtung der Klassenzimmer und bildet eine Wärme- und Schallbarriere. Die beiden grundlegenden Instrumente des Klimakomforts sind die Aktivierung und Nutzung der thermischen Trägheit und die Querlüftung. Es gibt keine künstliche Klimatisierung, die Luft muss daher kontrolliert bewegt werden: Sie wird mithilfe der Solarkamine, die auch das transluzente Dach des Gebäudes bilden, nach oben gesogen, sodass ein permanenter Luftaustausch stattfindet.
Die vier Solarkamine stellen multifunktionale Belüftungssysteme dar, die durch ihr Material und ihre Geometrie aktiviert werden: Der Kamineffekt wird durch den Höhenunterschied zu den Innenräumen erzeugt; der Venturi-Effekt, der die nächtliche Belüftung gewährleistet, hingegen durch die Schornsteinkappen; der Treibhauseffekt schließlich wird durch eine transparente ETFE-Schicht auf einer schwarzen Oberfläche ausgelöst. Im Winter ist es notwendig, den Wärmeverlust durch die Lufterneuerung zu begrenzen, im Sommer wird die überschüssige Wärme abgeführt und frische Luft aus den schattigen, begrünten Innenhöfen zugeführt. Die vorrangige Energieeffizienzstrategie des Gebäudes basiert auf der Senkung des Bedarfs durch optimierte natürliche Belichtung, natürliche Belüftung und thermische Trägheit. Um das geforderte Komfortniveau zu erreichen, mussten jedoch hocheffiziente Wärme- und Kühlsysteme (Geothermie) eingesetzt werden. Flexible Solarpaneele, die in den Solarkaminen integriert sind, erzeugen Strom.

 

Harquitectes, Centro Civíco Cristalleries Planell, Barcelona, Spanien 2010 – 2016, Foto: Adrià Goula

Es geht also nicht etwa darum, die Funktionsweise des Gebäudes zu verstehen – etwa die Solarkamine beim Centro Cívico Cristalleries Planell?
Nein, tatsächlich können die Solarkamine gar nicht von innen besichtigt werden, da die Temperatur im Sommer es unmöglich macht, sich darin aufzuhalten. Aber man spürt die Kamine, weil 15.000 Kubikmeter Luft pro Stunde im Gebäude bewegt werden, um eine ausreichende Belüftung und gute Bedingungen zu gewährleisten. Man sieht die Kamine also nicht, aber man spürt sie.

Können Sie zusammenfassen, was die Kernelemente zur Steuerung des Klimas in Ihren Projekten sind?
Als wir anfingen, uns über Nachhaltigkeit Gedanken zu machen, ging es viel darum, mit Materialien mit niedrigem Energie- und CO2-Verbrauch zu bauen. Diese Herangehensweise haben wir ein wenig hinter uns gelassen, wir glauben jetzt mehr an langlebige Materialien, mit denen man Nachhaltigkeit in Bezug auf die Lebensdauer erhält. Die zweite wichtige Strategie war und ist, die Nutzung so zu gestalten, dass nicht alle Teile eines Gebäudes die gleichen klimatischen Bedingungen zwischen 22 und 26 Grad benötigen. Zudem berücksichtigen wir, dass nicht alle Tätigkeiten die gleiche Art von Komfort erfordern. Dabei geht es uns nicht darum, wie nachhaltig das Gebäude ist, sondern wie nachhaltig das Gebäude genutzt wird. Die dritte Strategie bezieht sich auf den Klimakomfort. Wenn man gute Innenraumbedingungen allein durch die natürlichen Außenbedingungen schafft, erzeugt das geradezu luxuriöse Innenraumbedingungen. Der menschliche Körper nimmt das als etwas sehr Natürliches wahr, und das ist für uns ein großer Erfolg.

Können Sie die dritte Strategie noch weiter ausführen: Wie genau erzeugen Sie aus den natürlichen Außenbedingungen ein gutes Innenraumklima?
Wir versuchen, so viel Speichermasse wie möglich in das Gebäude zu bringen. Und wenn man eine solche Strategie verfolgt, braucht man gleichzeitig ein sehr gutes Belüftungssystem für die Querlüftung. Wir mögen es überhaupt nicht, diese Art von Belüftung mit künstlichen oder mechanischen Systemen zu gewährleisten und versuchen daher, die Belüftung immer so zu gestalten, dass die natürlichen Bedingungen zu einer Querlüftung im Inneren führen. Diese beiden einfachen Strategien müssen immer zusammen angewandt werden, denn die überschüssige Wärme, die während eines Sommertags im Gebäude verbleibt, muss nachts abgeführt werden.

 

Die Weinkellerei Clos Pachem (2013 – 2019) befindet sich im Herzen des Dorfes Gratallops in Katalonien, einem typischen historischen Dorf mit engen Straßen und Reihenhäusern. Der Bau gliedert sich in zwei unterschiedliche Zonen: ein großer Raum auf rechteckigem Grundriss für die Weinherstellung sowie eine angrenzende Passage, die die Nebenräume miteinander verbindet.
Der dreistöckige Raum, in dem sich die Gärbottiche befinden, ist das Herzstück des Projekts und versucht die Möglichkeiten passiver Strategien maximal auszureizen. Er enthält ein großes Volumen an Frischluft, das durch tiefe, bis zu 1,75 Meter dicke Wände isoliert wird. Das Gebäude wird durch ein System von tragenden mehrschichtigen Ziegelwänden gekühlt. Auf dem Dach befindet sich ein Wasserbecken als Kühlvorrichtung: Mittels eines Wasserkreislaufsystems werden die nächtlichen Bedingungen zur Kühlung des Innenraums genutzt, zudem wird über das Wasser die Wärme des Innenraums abgeführt. Die technologisch anspruchsvollsten Räume für die Lagerung der Fässer und Flaschenweine benötigen ebenfalls sehr spezifische Feuchtigkeits- und Temperaturbedingungen. Aus diesem Grund befinden sie sich im Untergeschoss, in direktem Kontakt mit dem Erdreich.

 

Harquitectes, Weinkellerei Clos Pachem, Gratallops, Spanien 2013 – 2019, Foto: Jesús Granada

Inwieweit sind die Menschen in die Funktionsweise Ihrer Gebäude eingebunden? In welchem Maße haben sie die Möglichkeit, die Funktionen des Gebäudes zu kontrollieren oder nachzujustieren? Oder geschieht alles automatisch?
Der Komfort sollte durch das natürliche Verhalten des Gebäudes gewährleistet werden. Im Idealfall brauchen wir keine Menschen, um die Leistung des Gebäudes zu steuern. Natürlich ist das nicht immer und über das ganze Jahr hinweg zu 100 Prozent möglich. Wir brauchen also einige zusätzliche Systeme, passive Systeme wie bioklimatische Räume, die die Nutzenden ein wenig mitgestalten – beispielsweise wird ein Raum im Sommer als Veranda oder Terrasse genutzt und im Winter als Atrium. In unseren größeren, öffentlichen Gebäuden tauchen jedoch auch einige wenige aktive Systeme auf, von denen wir die Menschen jedoch weitgehend fernhalten möchten. Grundsätzlich aber ist es nicht nur wichtig, dass die Nutzenden das Gefühl haben, dass der Komfort, den sie erleben, von natürlichen Bedingungen herrührt, sondern auch, dass sie selbst Einfluss darauf haben: ein Fenster, eine Tür oder einen Lüfter zu öffnen, vielleicht einen ganz einfachen Ventilator, diese Art von Teilhabe hilft dabei. Denn die Benutzenden akzeptieren die Bedingungen viel eher, wenn sie diese mit etwas sehr Einfachem wie dem Öffnen eines Fensters oder dem Einschalten eines Ventilators beeinflussen können. Sie akzeptieren diese Art von Komfort viel eher, selbst wenn es dann 28 Grad statt 26 Grad sind, als wenn die Benutzenden die 26 Grad mit einer Fernbedienung oder über ein mechanisches oder künstliches System steuern müssen.

Wie viel Technik ist in Ihrem Gebäude noch notwendig und um welche Art von Technik handelt es sich dabei?
Wir stehen keiner Art von Technik nahe. Allerdings entwickeln wir zum Beispiel in Bezug auf die Kons­truktion sehr ausgeklügelte Technologien, um altmodische Materialien zu verwenden. Wir haben beispielsweise ein Haus mit nur einer Wand gebaut, einer reinen Steinwand. Der dabei verwendete Beton aus großen Kalksteinen war nur durch aufwendige Forschung und zahlreiche Simulationen möglich. Auch beim Centro Cívico Cristalleries Planell haben wir die Solarkamine mit einem Kunststoff namens ETFE gebaut, für den wir ein Jahr lang mit Ingenieuren geforscht und Simulationen durchgeführt haben. Aber letztendlich muss es bei allem, was wir entwickeln, um Architektur gehen, nicht um technische Geräte und Maschinen. Natürlich brauchen wir manchmal Ventilatoren oder Geotechnik, die die Energie des Bodens in kaltes oder heißes Wasser umwandelt. Aber die Art von Technologie, an der wir interessiert sind, ist die, die in die architektonischen Bedingungen integriert werden kann, die wirklich den Raum in der Architektur definiert: unsere Wände, Dächer, Terrassen oder Veranden oder was auch immer. Auch, wenn wir beispielsweise ein Heizsystem brauchen, versuchen wir, Fußbodenheizungen zu verwenden.

 

Das ICTA-ICP-Forschungszentrum (2011 – 2014) der Autónoma-Universität von Barcelona besteht aus einem freistehenden quaderförmigen Volumen. Die Büro- und Laborräume in den oberen Stockwerken haben einen hohen Anteil an interner Kühllast – das Gebäude nutzt diese Wärme im Winter und führt sie im Sommer ab. Die Struktur besteht aus Beton mit hoher Speicherfähigkeit, geschützt wird diese durch eine bioklimatische Hülle: Sonneneinstrahlung und Belüftung werden durch ein industrielles Gewächshaussystem reguliert, das sich automatisch öffnet und schließt.
Im Gebäude befinden sich vier Innenhöfe, die Licht und Luft in alle Arbeitsbereiche bringen. Das Gebäude besitzt verschiedene Klimazonen, die mit unterschiedlichen Nutzungsintensitäten sowie Kühlungs- und Heizsystemen verbunden sind: von ausschließlich passiven Strategien bis hin zu konventionelleren Betriebsweisen. Das Verhalten des Gebäudes wird durch ein Computersystem gesteuert, das eine große Anzahl von Daten verarbeitet, um Komfort und passive Leistung zu maximieren. Die sekundären Trennwände im Inneren bestehen aus organischen und recycelten Materialien, die möglichst wiederverwendbar sind.

 

Harquitectes, ICTA-ICP-Forschungszentrum, Autónoma-Universität von Barcelona, Spanien 2011 – 2014, Foto: Adrià Goula

Beim ICTA-Gebäude beispielsweise gibt es Fassadenelemente, die sich öffnen und schließen. Passiert das rein automatisch?
Es ist ein sehr einfaches System: eine Katalogfassade. Es handelt sich um genau die gleichen Systeme, die an der spanischen Küste beim Bau von Gewächshäusern eingesetzt werden. Die Gewächshaustechnologie muss wirtschaftlich sein, ist also sehr günstig und durchdacht. Bereits vor etwa 25 Jahren wurde die erste Art von Gebäudeautomation entwickelt, die bei starkem Wind die Dächer des Gewächshauses schließt und die Seitenfenster öffnet, wenn die Luftfeuchtigkeit zu hoch ist. Das waren die ersten Entwicklungen dieser einfachen Gebäudetechnik, die auch jetzt noch absolut stabil ist und nie versagt. Das ganze Gebäude ist also mit einer Art Sensorik ausgestattet, mit der die Gebäudeautomation beispielsweise entscheidet, ob die Frischluft im Keller oder an der Fassade besser ist.

Harquitectes, ICTA-ICP-Forschungszentrum, Autónoma-Universität von Barcelona, Spanien 2011 – 2014, Foto: Adrià Goula

In Deutschland wird sehr über die Normierung und Reglementierung der Architektur geklagt. Was sind Hindernisse bei Ihren Projekten – gibt es etwa aktuelle Vorschriften oder Gesetze, die Ihrer Arbeit im Weg stehen?
Bei der Architektur ist der Prozess generell so umfangreich und komplex, dass die Originalität der ursprünglichen Idee, von der Architekten so gerne reden, am Ende gar nicht mehr so wichtig ist. Aber grundsätzlich finden wir es schön, wenn wir Projekte über Wettbewerbsverfahren bekommen. Die erste Hürde besteht also darin, einen Wettbewerb zu gewinnen. Dafür braucht man wiederum kluge Ideen, die alle Umstände berücksichtigen. Aber auch Gesetze und Normen sind natürlich ein großes Hindernis, vor allem bei öffentlichen Gebäuden. Hier in Spanien haben wir ein Gesetz namens RITE (Reglamento de Instalaciones Térmicas de los Edificios, Anm. d. Red.), das sich mit den Klimabedingungen in Gebäuden befasst und von Ingenieuren und Juristen verfasst wurde. Es ist hierzulande viel einfacher, die Effizienz einer Maschine nachzuweisen als den geringen Bedarf eines Gebäudes auf der Grundlage bioklimatischer Strategien. Ich denke, dass es in Deutschland im Grunde das Gleiche ist: Selbst wenn man eine Menge Simulationen gemacht hat, ist es viel einfacher, zertifizierte Technik zu verwenden, als zu beweisen, dass man eine Schule für 1000 Schüler mit reinen Naturmotoren für die Luftbewegung betreiben kann. Die Normen, die von Effizienz und Energieeinsparung sprechen, sind ein großes Problem für uns, weil es um die Effizienz der Maschine geht und nicht um die Erfahrung der Architektur – das ist ein großes Hindernis.

Wie entwickeln Sie Ihre Methoden? Wie kommen Sie von der Idee zur Umsetzung des Konzepts?
Wir gehen von Anfang an, auch während des Wettbewerbs, nie nur mit einer einzigen Idee in ein Projekt, aber es geht gleich zu Beginn darum, das Verhalten des Gebäudes mitzudenken: die Performance des Gebäudes mit einer bestimmten Masse und mit einer bestimmten Geometrie, die Belüftung erzeugt und das Bioklima verbessert. Wir haben Umweltberater, die nicht nur die Performance, sondern auch die Lebenszyklusanalyse unserer Materialien und Produkte in den Projektierungsprozess einbeziehen. Von Anfang an präsentieren wir niemals eine Strategie, bei der es nur um die Beantwortung einer programmatischen Frage geht. Wir geben immer eine ganzheitliche Antwort, bei der es um die Erfahrung der Menschen geht, um die Frage, wie man von den Sonnengewinnen profitieren oder wie man die Ressourcen in wirtschaftlicher oder geografischer Hinsicht nutzen kann.

Klimatischer Schnitt, Abb.: Harquitectes

Wann kommen thermodynamische Simulationen ins Spiel?
Wir arbeiten mit einer kleinen Firma von Umweltberatern hier in Barcelona zusammen, Societat Orgànica. Anfangs sprechen wir mit ihnen noch sehr grundsätzlich über die geplanten Strategien wie Speichermassen und solare Einträge. In diesen Gesprächen stellen sie unseren Ideen bereits einen objektiveren und wissenschaftlicheren Ansatz zur Seite. Sobald wir anfangen, etwas zu demonstrieren oder über Einzelheiten zu entscheiden, wie etwa die Dicke der Wände oder die Höhe der Räume, brauchen wir Simulationen. In den letzten zehn Jahren haben wir eine Menge Simulationen benötigt, auch CFD-Simulationen, um zu sehen, wie sich die Flüssigkeiten in den Gebäuden bewegen. Wenn es sich um einen Wettbewerb handelt, machen wir einen Monat nach Beginn des Projekts sehr kleine, einfache Simulationen, um bestimmte Strategien des Projekts zu demonstrieren und herauszufinden, ob unsere Intuition in die richtige Richtung geht. Wir simulieren jedoch nicht das ganze Gebäude. Bei einem einzelnen Wohnhaus sind solche Simulationen aus Kostengründen nicht möglich, aber ich denke, dass wir aufgrund unserer Erfahrung allmählich genug Wissen haben, um bestimmte Strategien auch ohne Simulationen vorzuschlagen.

Inwieweit sind Ihre Gebäude nach den Simulationen noch als Experimente zu betrachten? Oder würden Sie diesen Begriff eher ablehnen?
Nun, ganz kann ich ihn nicht ablehnen. In Deutschland sind unsere Bauten nicht möglich. Das Problem dabei ist aber nicht, dass das Gebäude ein Experiment darstellt, sondern, dass die Versicherungen in entwickelteren Ländern für alles eine Zertifizierung – nicht nur für die Technik oder die Materialien, sondern auch für das reine Architekturprojekt – verlangen, um jeden Schritt zu überprüfen. Das macht es sehr schwierig, unkonventionell zu arbeiten. In Deutschland kann man zwar sehr viel effizientere Gebäude bauen, aber es ist schwierig, etwas vorzuschlagen, das nicht zertifiziert und geprüft werden kann. Aber grundsätzlich machen wir unsere Experimente nicht im Gebäude, wir machen sie vorher. Wir versuchen, unsere Lösungen so radikal wie möglich zu gestalten, vielleicht sogar zu radikal – weil wir nicht nur versuchen, natürliche Bedingungen zu schaffen, sondern auch, jegliche Art künstlicher oder mechanischer Systeme so weit wie möglich zu vermeiden. Manchmal denke ich, dass wir mit unseren Ambitionen fast ein wenig zu weit gehen. Aber immerhin ist es in Spanien möglich, diese Art von unkonventionellen Lösungen umzusetzen.

 

Das Centro Cívico La Lleialtat Santsenca (Barcelona 2012 – 2017) wurde aus dem Bestandsgebäude einer alten Arbeitergenossenschaft von 1928 entwickelt. Die drei Baukörper des Gebäudes, sowohl bestehende als auch neue, sind durch einen schrittweisen Übergang vom öffentlichen zum privaten Bereich miteinander verbunden.
Durch die Entkernung des inneren Bereichs entstand eine Art innere Straße, die einen bereits vorhandenen Lichtschacht ergänzt. Die notwendige neue Bedachung des Gebäudes orientiert sich volumetrisch an den drei Baukörpern: drei leichte Satteldächer – Polycarbonat auf der Südseite und isoliertes Blech auf der Nordseite – sind im oberen Bereich durchfenstert, um eine natürliche Belüftung durch Konvektion zu ermöglichen und natürliches Licht in das Atrium zu leiten. Die größere Fläche des neuen Dachs bietet Platz für Sonnenkollektoren: Im Winter wird die Wärme durch Wärmetauscher weiterverwendet, während im Sommer die überschüssige Wärme in der obersten Luftschicht des Atriums eine starke Konvektionsströmung erzeugt, die die heiße Luft durch die von automatischen Sensoren geöffneten Fenster im Dachfirst abführt. Im Winter geben die klimatisierten Räume warme Luft ab, um das Atrium zu temperieren.

 

Harquitectes, Centro Cívico La Lleialtat Santsenca, Barcelona, Spanien 2012 – 2017, Foto: Adrià Goula

Wie empfinden Sie die Akzeptanz für Ihre Ansätze in der Architekturwelt?
Wir sind nicht der Meinung, dass wir der Messias sind oder etwas Neues entdeckt hätten. Unsere Strategien beruhen auf vernakulärer Weisheit. Die Materialien ergeben sich aus geografischen Gegebenheiten und verfügbaren Ressourcen. Das Neue oder Interessante an unserer Arbeit ist meiner Meinung nach eher, dass wir uns um Nachhaltigkeit bemühen, aber dass es uns dabei um die Erfahrung von Architektur geht. Wir möchten mit den Grundelementen der Architektur nachhaltige Projekte schaffen, in denen man mit sehr niedrigen Energiekosten auskommt. Aber was uns wirklich am Herzen liegt, ist die elementare und grundlegende Architektur. Wir haben herausgefunden, dass die Räume, in denen wir uns besser fühlen, in denen wir glücklicher sind, in denen wir bessere architektonische und menschliche Erfahrungen machen, Räume sind, die das Gefühl einer Verbindung mit dem Kosmos in einem auslösen, im Sinne der Thermodynamik, der physikalischen Gesetzmäßigkeiten – wenn man das Gefühl hat, dass der eigene Komfort von etwas erzeugt wird, das viel größer ist als man selbst, das viel größer ist als das Gebäude. Ich denke, dass diese Einstellung vielleicht ein wenig anders ist als die übliche Haltung.

Und wie ist es mit den Bauherren?
Mit unseren Auftraggebern führen wir im Allgemeinen sehr objektive Gespräche, die auf Modellen basieren, die leicht zu erklären sind. Wir schlagen zwar womöglich einen sehr originellen Raum vor, dieser lässt sich aber immer mit den Strategien in Bezug auf das Problem, also die menschliche Erfahrung und den Komfort erklären. Durch das objektive und strategische Erklären der Projekte haben wir zu unseren Auftraggebenden im Allgemeinen eine enge Verbindung. Dieses gute Verhältnis zu ihnen ist sehr hilfreich, denn man braucht dieses Vertrauen, wenn man unkonventionelle Lösungen entwickelt.

Josep Ricart Ulldemolins (*1973) schloss 1999 sein Architekturstudium an der Escuela Técnica Superior de Arquitectura del Vallés (ETSAV) in Barcelona ab. Im Jahr 2000 gründete er mit Xavi Ros Majó, Roger Tudó Galí und David Lorente Ibáñez das Büro Harquitectes. Seit 2005 lehrt er an verschiedenen Hochschulen, unter anderem an der ETSAV, der Universitat Internacional de Catalunya (Barcelona, Spanien), der Universitat de Girona (Spanien), der School of Architecture der University of Texas in Austin und der Harvard University Graduate School of Design (Boston, USA).

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