Buch der Woche: Zum Werk von Cäsar Pinnau

Argumentensammlung

Cäsar Pinnau, 1906 in Hamburg geboren, 1988 ebenda gestorben, zählt sowohl zu den wichtigen wie auch zu den umstrittenen Architekten Deutschlands. Nach einer Tischlerlehre und anschließendem Architekturstudium arbeitete Pinnau von 1930 bis 1937 für Fritz August Breuhaus de Groot. In dieser Zeit entwarf der junge Pinnau unter anderem das Interieur für das Luftschiff „LZ 129 Hindenburg“ und den Schnelldampfer „Bremen“. Ab 1937 machte er sich selbständig – im gleichen Jahr trat er in die NSDAP ein. Nach der Übersiedelung nach Berlin verschaffte Albert Speer dem damals 31jährigen Architekten bis Kriegsende kontinuierlich Aufträge – unter anderem die Innenraumgestaltung der Neuen Reichskanzlei. Dass Pinnaus Schaffen bisher im Vergleich zu dem anderer Berufskollegen kaum Gegenstand intensiver Untersuchungen und Darstellungen wurde, hängt im Wesentlichen mit seinem Wirken in der NS-Zeit zusammen, in der er auch substanziell an den städtebaulichen Planungen für „Germania“ beteiligt war.

Im Mai 2015 fand ein öffentliches Symposium im Altonaer Museum statt, das eine ebenso adäquate wie historisch-kritische Annäherung an die Person und das Schaffen Pinnaus auszuloten versuchte. Unmittelbar nach dieser Veranstaltung erschien im letzten Jahr zudem die Pinnau-Monografie „Zwischen Avantgarde und Salon“ von Ulrich Höhns – mit dem Untertitel „Architektur aus Hamburg für die Mächtigen dieser Welt“. Die nun vorliegende Publikation „Cäsar Pinnau. Zum Werk eines umstrittenen Architekten“ –  bei Dölling und Galitz verlegt –  zeigt, dass das Vorhaben des Symposiums des letzten Jahres als gelungen angesehen werden darf.

Der Hamburgischen Architektenkammer und dem Altonaer Museum ist es zu verdanken, dass genau diese Mischung aus kritischer Annäherung, geschichtlicher Verortung und gestalterischer Einordnung gelingt. Das Buch ist als Begleitband der gleichnamigen Ausstellung im Altonaer Museum konzipiert – funktioniert aber auch als eigenständiger Band hervorragend. „Cäsar Pinnau. Zum Werk eines umstrittenen Architekten“ vereint die im Symposium erstmals systematisch zusammengetragenen wissenschaftlichen Erkenntnisse über den Architekten mit der reichen Bebilderung  aus der Ausstellung zum Œuvre Pinnaus.

Zunächst einmal jedoch ist es die Zugehörigkeit Cäsar Pinnaus zum Stab um Albert Speer bis in die letzten Tage des sogenannten „Dritten Reichs“, die eine Auseinandersetzung mit diesem Teil der Geschichte des Architekten unumgänglich macht. Das Buch beleuchtet dies entsprechend: Fundierte Beiträge von Sylvia Necker, Olaf Bartels, Ullrich Schwarz und Giacomo Calandra di Roccolino gehen den Verflechtungen Pinnaus und seinem direkten wie indirekten Wirken für die Nationalsozialisten nach. Dabei begeht die Publikation nicht den Fehler des Versuchs einer Verharmlosung, sondern legt sachlich dar, an welchen Projekten Pinnau beteiligt war und ergänzt die Faktenlage des Bekannten um bis dato nicht gesichtete Informationen. Nicht zuletzt ist dies dem Projekt als Verdienst hoch anzurechnen.

Vielen Berufskollegen der Nachkriegszeit galt Pinnau in der Folge des Zweiten Weltkriegs als „unzeitgemäßer Architekt“. Den Initiatoren von Symposium und Publikation ist es gelungen, diese eindimensionale Sicht aufzubrechen. Buch wie Ausstellung zeigen, wie Cäsar Pinnau aus einer Feder herrschaftliche Villen entwarf, die teilweise „einfachen“ klassizistischen Vorbildern, oder subtiler, einer Art nordischer Variante US-amerikanischer Südstaaten-Architektur folgten, er aber gleichzeitig deutlich moderne Klarheit wie im Fall der Frankfurter Binding Brauerei oder dem Sitz der Reederei Hamburg Süd zu Papier brachte. Dazu kommt die maritime Eleganz, die seine Entwürfe für Schiffe und Yachten atmen – zum Beispiel bei den Frachtern der „Cap“-Klasse für die Reederei Hamburg Süd oder beim Umbau eines ehemaligen Kriegsschiffs zur Yacht für Aristoteles Onassis. Dass die Beschäftigung mit der Person Cäsar Pinnaus damit noch nicht abgeschlossen ist, verdeutlicht auch Eduard Führs Studie „Identitätspolitik“, die just im Transcript-Verlag vorgelegt wurde. Führ zeigt auf, wie Pinnau selbst in seinen Werken für Staat, Unternehmen und Eliten Identitäten gestaltete –  seine eigene wie die seiner Bauherren.

Das reich bebilderte Buch bietet mit Beiträgen von Olaf Bartels, Giacomo Calandra di Roccolino, Hartmut Frank, Eduard Führ, Marion Hilliges, Vanessa Hirsch, Ulrich Höhns, Ralf Lange, Sylvia Necker, Hans Ottomeyer, Kerstin Petermann, Heino Schmidt, Frank Schmitz, Angela Schönberger, Ullrich Schwarz, Lu Seegers und Elke Katharina Wittich einen wahrlich tiefen Einblick in das Wirken eines Architekten über die Zeiten hinweg. Den Machern gelingt das Kunststück, eine Publikation vorzulegen, die das Urteil den Lesern überlässt, ihnen dafür aber alle notwendigen Argumente einer Abwägung von Werk und Person an die Hand gibt.

David Kasparek

Hans-Jörg Czech, Vanessa Hirsch, Ullrich Schwarz (Hrsg.): Cäsar Pinnau. Zum Werk eines umstrittenen Architekten, 320 S., Hardcover mit Fadenheftung und Lesebändchen, 250 Farbabb., 34,– Euro, Dölling und Galitz Verlag, München/Hamburg 2016, ISBN 978-3-86218-089-9

Cäsar Pinnau. Zum Werk eines umstrittenen Architekten
Ausstellung: bis 26. März 2017
Di – So 10.00 – 17.00 Uhr
Eintritt: 7,50 Euro (ermäßigt 4,50 Euro)
Museumsstraße 23
22765 Hamburg

Hans-Jörg Czech, Vanessa Hirsch, Ullrich Schwarz (Hrsg.): Cäsar Pinnau. Zum Werk eines umstrittenen Architekten, 320 S., Hardcover mit Fadenheftung und Lesebändchen, 250 Farbabb., 34,– Euro, Dölling und Galitz Verlag, München/Hamburg 2016, ISBN 978-3-86218-089-9

Hans-Jörg Czech, Vanessa Hirsch, Ullrich Schwarz (Hrsg.): Cäsar Pinnau. Zum Werk eines umstrittenen Architekten, 320 S., Hardcover mit Fadenheftung und Lesebändchen, 250 Farbabb., 34,– Euro, Dölling und Galitz Verlag, München/Hamburg 2016, ISBN 978-3-86218-089-9

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