Heiner Farwick

Damnatio Memoriae

Die immaterielle Bedeutung der Architektur

Entsetzen und Fassungslosigkeit überkommt den Betrachter angesichts der Zerstörung jahrtausendealter Kulturgüter im Irak und in Syrien durch fanatisierte Kämpfer des sogenannten „Islamischen Staats“. Die Zerstörungswut gipfelte (vorerst) in der Sprengung archäologischer Stätten von Palmyra im Jahr 2015.

Unmissverständlich haben die Kämpfer des „IS“ vor Augen geführt, dass hier materielle Zeugnisse der gemeinsamen kulturellen Wurzeln von Christentum und Islam ausgelöscht werden sollen. Doch jenseits der Erschütterung, jenseits des Gefühls von Ohnmacht und Hilflosigkeit angesichts des unwiederbringlichen Verlustes eines authentischen Weltkulturerbes stellt sich die Frage, warum die Zerstörungswut sich ausgerechnet gegen solche baulichen Relikte richtet. Welche Kräfte sind es, die von Bauwerken ausgehen, so dass sie solchen Ingrimm mobilisieren? Welche Werte symbolisieren der Tempel des Baal, das Hadrianstor oder die Grabtürme vor der Stadt, welche Botschaft der Geschichte wohnt ihnen inne, die es zu vernichten gilt? Diese Bauwerke sind Symbole unserer gemeinsamen kulturellen Geschichte, und ihre Architektur ist als Zeugnis dieser gemeinsamen Vergangenheit offenbar so bedeutsam, dass sie zerstört werden muss, um ihren inneren Gehalt auszulöschen.

Ausgehend vom Beispiel der Vernichtung Palmyras will diese Ausgabe unserer Zeitschrift in einem weit gespannten Bogen die mentalen, politischen, psychologischen und kulturellen Hintergründe des gewaltvollen Handelns gegenüber Architektur beleuchten. Denn nicht nur fanatischer Furor führt zur Zerstörung. Die bewusste Vernichtung von Bauwerken – und damit ihrer symbolischen Kraft – zieht sich durch die Geschichte der Menschheit: Die „damnatio memoriae“, die „Verdammung des Andenkens“ wandten schon die Ägypter an, als die Namen Echnatons und Hatschepsuts durch ihre Nachfolger von den Wänden ihrer Tempel getilgt wurden. Im antiken Rom fielen der „abolitio nominis“, der Vermeidung des Namens, eine ganze Kette von Kaisern zum Opfer: Münzen, Büsten, Inschriften und Gebäude von Caligula, Nero, Domitian, Commodus, Geta, Elagabal und Maximinus Thrax wurden entfernt, zerstört, umgearbeitet, abgerissen oder umgebaut.

Dass sich diese Praxis bis heute erhalten hat, erscheint aus anthropologisch-gesellschaftlicher Sicht bemerkenswert. Das trifft auch auf unser eigenes Land zu: Intendierte der Abriss des „Palasts der Republik“ nicht die gleiche, geschichtsauslöschende Absicht wie die Sprengung des Berliner Stadtschlosses? Und sollte die Zerstörung von Gotteshäusern und Schlössern auf dem Gebiet der DDR nicht auch die staatlich gewollte Abkehr von einer kirchlich und feudal geprägten Vergangenheit markieren?

Ein zeitliches und räumliches Kontinuum, das sich auch und besonders in der Architektur manifestiert, hat eine hohe identitätsstiftende Kraft, die die Selbstvergewisserung von gesellschaftlichen und politischen Gruppen, Nationen und Religionen, ja ganzer Kulturkreise ermöglicht. Dabei sind gerade Bauwerke wie die Hagia Sophia in Istanbul, die Alhambra in Granada, die Städte Damaskus und Aleppo und auch die geschändeten Stätten in Palmyra Zeichen einer über Religionen, Gesellschaften und Kulturen hinweg greifenden Offenheit, Anerkennung und Akzeptanz des Anderen.

Angesichts der seit Jahren zunehmenden Reduktion des Gebauten auf seinen ökonomischen Wert und die Degradierung des Entwerfens auf die Gestaltung des Fassadenbildes führt uns die Erkenntnis der Bedeutung solcher Verluste auf die immaterielle Bedeutung von Architektur zurück.

Dipl. Ing. Heiner Farwick (*1961) studierte Architektur und Städtebau an der Universität Dortmund. Von 1990 bis 1991 arbeitete er im Architekturbüro Hans Busso von Busse (München). 1992 erfolgte die Gründung des Büros farwick + grote architekten und stadtplaner, Ahaus / Dortmund. 1996 wurde Heiner Farwick in den BDA berufen. Von 2007 bis 2013 war er Mitglied im BDA-Präsidium und seit Dezember 2013 Präsident des BDA.

Foto: Lena Wimmer

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