Michael Frielinghaus

Der gefühlte Raum

Zur sinnlichen Wirkung von Architektur

Langsam dreht sich der Kran und befördert seine wertvolle Fracht über die aufgeregte Geschäftigkeit des Hamburger Hafens hinweg auf das Achterdeck der Cap San Lorenzo. Die wertvolle Fracht ist der einjährige Vollblutaraberhengst Shokry, der zusammen mit neun anderen Vollblutarabern die Reise nach Buenos Aires antritt. Mein älterer Bruder und ich begleiten und betreuen die zehn Pferde auf ihrer langen Seereise im Sommer 1974.

I
Fünf Wochen verbringen wir auf diesem Schiff, einem Ort, der sich mir für ein ganzes Leben einprägt. Ein einzigartiges Zusammenspiel ergeben der Geruch von Meer, von frischer Farbe und – untypisch für Frachtschiffe der Cap-San-Klasse, die „weiße Schwäne des Südatlantiks“ genannt werden – der Geruch unserer Pferde. Das Schiff selbst bietet eine beeindruckende Kulisse. Alles ist scheinbar aus funktionalen Gründen zusammengefügt – und dennoch entsteht eine faszinierende Komposition aus hoch hinaus ragenden Kränen und Masten vor eleganten Aufbauten mit feingliedrigen Geländern, die an die klassische Moderne erinnern.

Wir erleben den Bootsmann, die Matrosen, Maschinisten und anderen Besatzungsmitglieder in ihrer abgeschlossenen Welt, endlose Gespräche auf dem „Palaverdeck“ bis in die tiefe Nacht, begleitet von Gesang und Alkohol, bevor Containerschiffe die Schifffahrt von Grund auf verändern werden. Gehe ich heute über das einzige erhaltene Schwesterschiff, die Cap San Diego, im Hamburger Hafen, habe ich das Gefühl, ein vertrautes Bühnenbild zu betreten, das von allen Akteuren längst verlassen wurde.

Frachtmotorschiff Cap San Lorenzo bei der Ausfahrt aus dem Hamburger Hafen, Foto: Hamburg Süd

II
Wir sind in unserem Café verabredet. Mein Lieblingstisch ist frei, die Cappuccinotasse des Vorgängers ist zwar noch nicht abgeräumt, aber ich setze mich auf den Stuhl in der Ecke. Anne ist bisher nicht aufgetaucht, die Bedienung hat mich auch noch nicht entdeckt. Das abendliche Sonnenlicht reflektiert auf der in die Jahre gekommenen Spiegelwand aus den fünfziger Jahren. Viele Details verraten hier die Zeit der Entstehung des Gebäudes und des Innenraums, obwohl im Laufe der Jahre sich die unterschiedlichsten Gegenstände angesammelt haben und diese unverwechselbare Collage dem Ort einen besonderen Charakter verleiht. Ich denke zurück an das lange Gespräch, das wir hier mit Hanno und Tessa geführt haben. Ich fühle mich wohl, kann der lauten Innenstadt und den Gedanken des Alltags kurz entfliehen.

III
Ich unterbreche für einen Moment die geplanten Einkäufe und betrete den mir so vertrauten Kirchenraum. Es ist Samstag, die Kirche geöffnet. Die laute Hektik und der Lärm der Straße sind plötzlich verstummt. Der hohe kühle Raum, der nur über die farbigen Fenster belichtet wird, die das Licht zu filtern scheinen, verändert mich. Ich werde ruhig. Die Stille umspannt den ganzen Innenraum. Die Würde und Klarheit dieses so alten Ortes lässt vieles, was mich momentan bewegt, verblassen und schafft Raum für neue Gedanken.

Das sind drei Bilder eines sehr persönlichen Raumempfindens. Sie spiegeln wider, in welcher Weise wir unsere Umgebung nicht nur sehen und hören, sondern auch fühlen und emotional spüren. Beobachtungen vermischen sich mit Erinnerungen zu einem Gesamtbild, in dem das einzelne Haus, die Architektur oft eine untergeordnete Rolle zu spielen scheinen. Andererseits werden Räume, die als unwirtlich und unsinnlich empfunden werden, häufig als Ergebnis einer – meist „modern“ genannten – Architektur gesehen. Dies führt in letzter Zeit vermehrt zu der Sehnsucht, längst verlorene Gebäude und Stadtbilder durch Rekonstruktionen wieder aufleben zu lassen. Die Illusion, nur schon die reine Wiederherstellung schaffe Orte, die eine sinnliche und emotionale Wahrnehmung der eigenen Stadt erzeugen, trügt. Das „Klonen von Gebäuden“ kann zu spektakulären Orten führen, die aber nicht die innere Ruhe und das theoretisch nicht erklärbare „Sich-Wohlfühlen“ beim Betrachter und Nutzer erzeugen. Kann man als Architekt bereits bei der Planung die sinnliche Wirkung eines Raumes auf seinen Besucher und Nutzer vorausdenken und bestimmen? Nur die Auseinandersetzung mit dem Ort und der Lage einer zukünftigen Bebauung kann zu einer unverwechselbaren und einmaligen Gestaltfindung führen.

Michael Frielinghaus auf der Cap San Lorenzo, 1974, Foto: Harro E. Frielinghaus

Wie ist es möglich, durch ein neu entworfenes Gebäude „Umgebung“ zu schaffen, die in großer Selbstverständlichkeit von der Geschichte des Ortes erzählt und gleichzeitig auch auf das Heute und vielleicht auf die Zukunft verweist und mich dadurch innerlich berührt? Der Antwort auf diese Frage nähern sich die Beiträge des Hefts auf ganz unterschiedliche Weise an.

Dipl.-Ing. Michael Frielinghaus (*1951), Architekt BDA, studierte in Darmstadt Architektur. Er ist geschäftsführender Gesellschafter des Büros BLFP Frielinghaus Architekten BDA in Friedberg und war von 2007 bis 2013 Präsident des BDA (siehe: der architekt 6/13, S. 68-69).

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