editorial

die späteste moderne

Als der Intercity-Express (ICE) Ende Mai seinen 30. Geburtstag feierte, brandete in journalistischen Rückblicken und sozialen Netzwerken eine Welle der Nostalgie auf. Die Zukunft, die der Innenraum des ICE 1 mit seinen beigen Sitzpolstern und blass-violetten Lehnen sowie den zum Teil mint-grünen Wandverkleidungen anno 1991 versprach, wirkte clean und gemütlich zugleich. Indirekt mitgefeiert wurde zu diesem Jubiläum auch das Ziel der damaligen ICE-Jungfern-Sternfahrt, der gleichaltrige Fernbahnhof Kassel-Wilhelmshöhe (Andreas Brandt, Giovanni Signorini, Yadegar Asisi / Dietrich Guggenberger Waning).

Beinahe zeitgleich zu den ICE-Feierlichkeiten ging im Sommer das Projekt „Best of 90s – Die Architektur der spätesten Moderne“ an den Start, initiiert vom Online-Magazin moderneREGIONAL und föderal unterstützt von Baukultur NRW, dem BDA Hessen, dem Denkmalschutzamt Hamburg und dem baden-württembergischen Landesamt für Denkmalpflege. Die Initiative fürchtet, dass die Immobilienwirtschaft durch Abrisse und Überformung von Architekturen aus den 1990er-Jahren bereits Fakten schafft, während der Denkmalschutz noch mit den 1970er- oder höchstens den 1980er-Jahren beschäftigt ist. Nach gängiger Auffassung sollte mindestens eine Generation, also jene 30 Jahre des ICE, vergangen sein, bevor der institutionalisierte Denkmalschutz mit gebotener historischer Distanz eine fundierte Einordnung vornehmen kann. Für einige Zeugnisse der Zeit dauert das zu lange. Die Zeilgalerie in Frankfurt am Main (Kramm & Strigl Architekten, 1992) wurde bereits 2016 abgerissen, das Terrassenhaus in der Potsdamer Siedlung Nutheschlange (Doris und Hinrich Baller, 1996 – 2002) ist zum Abriss vorgesehen und das zweiflügelige Berliner Büro-Hochhaus „Pyramide“ (Fundus-Gruppe, 1995) von Leerstand geplagt.

Solche und ähnliche Bauten diskutierte die Initiative „Best of 90s“ bei einem Studientag, dessen Ergebnisse jetzt im von Karin Berkemann herausgegebenen Tagungsband „Das Ende der Moderne? Unterwegs zu einer Architekturgeschichte der 1990er Jahre“ (Urbanophil, Berlin 2021) erschienen sind. Der Titel drückt bereits aus, dass es nicht darum gehen kann, die Aufgaben des Denkmalschutzes vorwegzunehmen, sondern um eine geistige Vorarbeit. Denn es fällt nicht leicht, die gefühlt gerade erst abgeschlossene Epoche zwischen Mauerfall und 9 / 11 nun wieder wertzuschätzen: als Zeugnisse der Wiedervereinigung oder der Deregulierung der Finanzmärkte. So war beispielsweise aus vielen der kürzlich erschienenen Nachrufe auf Helmut Jahn, der mit dem Frankfurter Messeturm (1988 – 1991) und dem Berliner Sony Center (1995 – 2000) zwei wesentliche Beiträge zur Architekturgeschichte der 1990er Jahre in Deutschland geleistet hat, eine gewisse Skepsis herauszulesen.

Festlegen, was geschützt gehört, mag man sich zum jetzigen Zeitpunkt in vielen Fällen also noch nicht. Es gilt erst einmal, ein Bewusstsein zu wecken und ganz einfach Zeit zu gewinnen. Außerdem stellen sich die Herausforderungen im Umgang mit dem baulichen Erbe heutzutage anders dar als in der Vergangenheit, in der sie nicht selten auf die Frage „Denkmal oder Abriss?“ hinausliefen. Da aus ökologischen Gründen der Abriss nur die allerletzte Lösung darstellen sollte, muss das Ziel sein, möglichst jedes bestehende Gebäude zu erhalten. Das heißt nicht zwangsläufig, sie zu musealisieren, sondern gegebenenfalls weiterzubauen – also auch und vor allem die, die nicht unbedingt zum Denkmal taugen. In den sozialen Medien hat „Best of 90s“-Redakteur Peter Liptau beispielsweise für die zeitgenössischen Sanierungen und Nachverdichtungen in den Zentren deutscher Klein- und Mittelstädte den Begriff der „Schleckermoderne“ vorgeschlagen: ortsübliche Proportionen, Ornamentik der abebbenden Postmoderne und im Erdgeschoss eine Filiale der damals ubiquitären, inzwischen schlecht beleumundet abgetretenen Drogeriemarktkette.

Billie Eilish, Therefore I Am (Musikvideo, 2020), Screenshot: Darkroom / Interscope Records

Wahrscheinlich braucht es genau diesen leicht ironischen Blick, um die ersten Widerstände auf dem Weg zu einer Wertschätzung zu überwinden. Auch die inzwischen salonfähige Begeisterung für den Brutalismus der 1960er- und 1970er-Jahre gründete ja in dem rebellischen Vorhaben, genau das schön zu finden, was gemeinhin als hässlich galt. Doch wenn dieser neue Blick sich eingestellt hat, beginnt erst die eigentliche Aufgabe, zeitgemäße Nutzungen für Räume aus anderen Zeiten zu finden. Die vornehmlichen Bauaufgaben der 1990er – unter anderem Shoppingcenter, Gewerbegebiete und Büroarchitekturen – sind durch die Digitalisierung in Arbeit und Freizeit wesentlich schneller gealtert als die Bausubstanz. Auch die Zahl der Bankfilialen, die klassischerweise in den Ladenlokalen gleich neben Schlecker untergebracht waren, ist seit Jahren stark rückläufig. Architektur und, wo beteiligt, Denkmalschutz sind also gefordert, die Zeitzeugnisse der 1990er- (und bald auch die der darauffolgenden) Jahre in die Stadt der Zukunft zu tragen. Dabei kommt es insbesondere auf die junge Generation an, die die Dekade noch nicht als aktiver Teil des Geschehens mitgeprägt hat und sich ihr nun unverkrampft nähern kann. In der Mode beweisen Stilikonen wie die Sängerin Billie Eilish längst, dass es funktioniert.
Maximilian Liesner und Elina Potratz

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