Houston, we have a problem

Drei Umdrehungen

Zur Möglichkeit einer neuen architektonischen Ästhetik
von Andreas Denk

Mit dem Jahresthema „Kulisse und Substanz“ nimmt der BDA sich 2019 verstärkt den drängenden Fragen rund um den Themencluster Ökologie und Verantwortung an. Dabei steht die Diskussion im Vordergrund, welche Maßnahmen uns substanziell dabei helfen können, die Effekte des Klimawandels zu gestalten, und welche Eingriffe, Postulate oder Moden nur Kulisse bleiben. Bereits von zehn Jahren haben zahlreiche Verbände – darunter auch der BDA – das Klimamanifest „Vernunft für die Welt“ verfasst und damit auch eine Selbstverpflichtung kundgetan, sich für eine Architektur und Ingenieurbaukunst einzusetzen, „deren besondere Qualität gleichermaßen durch funktionale, ästhetische und ökologische Aspekte bestimmt wird“. Auch der diesjährige BDA-Tag in Halle an der Saale wird sich am 25. Mai dem Thema annehmen und einmal mehr ein ökologisch-gesellschaftliches Umdenken anregen. Wir veröffentlichen an dieser Stelle Texte und Gespräche erneut, die seit der Publikation des Klimamanifests erschienen sind.

Von Laugier über Semper bis hin zu Sloterdijk spannt Andreas Denk seinen Bogen mit „drei Umdrehungen“, in dem er die Idee revolutionärer Umbrüche in der Entwicklung der modernen Architektur mit der Veränderung gesellschaftlicher Zwecke begründet. Die gegenwärtige kritische Phase der menschlichen Gesellschaft könnte Anlass zu einer weiteren architektonischen „Umdrehung“ sein. Die neue klimagerechte Architektur darf aber nicht nur das absehbare Ende materieller Ressourcen, sondern auch gesellschaftliche Segregationen und die daraus resultierenden Konflikte reflektieren. Vielleicht sind Häuser nicht mehr als Einzelbauwerke zu betrachten, sondern nur noch als Teile der Stadt…

Die Idee der linearen Entwicklung der Architektur des 19. und 20. Jahrhunderts ist – genauso wie die Theorie und Praxis der Geschichte – längst zahllosen Revisionen unterzogen worden, die das Bild der Epoche weitaus facettenreicher zeichnen. Dabei ist nicht nur der lineare Verlauf in eine – bildlich gesprochen – eher aus vielen Spiralen bestehende Figur verwandelt worden, sondern auch die Datumslinien haben sich verschoben. Für unsere Argumentation sollen deshalb zwei Epochenumbrüche entscheidend sein, deren über einen langen Zeitraum dauernden Erschütterungen jeweils massive Veränderungen im Verständnis von Architektur bewirkt haben und die wohl die geistesgeschichtlichen Anker unseres heutigen Verständnisses „moderner“ Architektur sind.

Erste Umdrehung:Vom „ordo“ zum Charakter
Der erste dieser epochalen Umbrüche ist in den Gedanken der Aufklärung des 18. Jahrhunderts begründet: Die mit dem „gesunden Menschenverstand“, der „Vernunft“ oder dem „Verstande nach“ argumentierenden Locke, Montesquieu, Rousseau und Kant mit seiner „Kritik der Urteilskraft“ haben eine Verschiebung von der hierarchisch auf die Person des gottgewollten Herrschers zulaufenden absolutistischen Gesellschaftsordnung hin zur Bedeutung des Individuums und seiner Fähigkeiten und Eigenschaften bewirkt. Dazu gehörte auch die Analyse der Voraussetzungen und Phänomene des individuellen Geschmacksempfindens, was schließlich zu einer weit reichenden Ablehnung bestimmter tradierter Normen und zu einer frühen Form individualistischen Weltempfindens führte.

Claude Perrault, Kommentar zur Synopse der fünf Säulenodrnungen, 1684

Zugleich relativierten Quellenkritik und archäologische Forschung den Kanon der antiken Architektur und auf diese Weise zahlreiche der bis dahin kanonisierten Angaben Vitruvs und seiner Interpreten: Mit der Infragestellung des Kanons der Säulenordnungen und des Postulats des allgemein und von jedem ähnlich zu empfindenden „Charakters“ von Gebäuden durchlief die Architektur – angefeuert durch Theoretiker wie Camus de Mezière und Laugier – in der Jahrhundertmitte eine erste Revolution. Über viele Jahrhunderte verbindliche „Ordnungen“ wie die des Dorischen, Ionischen, Korinthischen, Toskanischen und Kompositären mit ihren gesellschaftspolitischen Implikationen wurden innerhalb weniger Jahrzehnte hinfällig. Die auf die verfeinerten Rezeptionsmöglichkeiten einiger „Wissender“ zugeschnittene und nur für wenige verfügbare Architektur des Rokoko lief in die einfacheren Modelle des Klassizismus und jener schlichten Architektur „um 1800“ aus, die im Volumen des Gebäudes selbst seinen für alle erkennbaren Aussagewert bestimmen wollte. Die Typenlehre Durands schließlich brachte den Anschluss dieser abstrakter und dabei „bürgerlicher“ werdenden Geschmacksvorstellungen an das gesteigerte Bauvolumen und gänzlich neue Bauaufgaben.

Zweite Umdrehung: Ein Entkleidungsakt
Die Abkehr von den historischen Stilen als Bekleidung der architektonischen Raumumgrenzung bedeutete in den 1890er Jahren eine zweite grundsätzliche Erschütterung bestehender Vorstellungen und Wertsysteme: Und auch hier liegt die Entwicklung der Architektur in der zunehmend gesellschaftlich orientierten Kritik an den restaurativen monarchischen Systemen. Prototypisch für den kritischen Geist kann hier der in Hamburg geborene Architekt Gottfried Semper stehen. 1848 konstruierte er die Barrikaden für den Dresdner Maiaufstand, und fast zeitgleich entwarf er einen Text über die „Vier Elemente der Baukunst“, die Grundlage seiner „Bekleidungstheorie“.

Claude Perrault, Untersuchungen über den Charakter der Gebäude, 1788

Doch jenseits dieser Rechtfertigung der Verwendung historischer Stile als Ausdrucksmittel der gegenwärtigen gesellschaftlichen Zustände erkannte Semper die Möglichkeit einer „kosmopolitischen Zukunftsarchitektur“. Sie sah er – den damaligen historischen Kenntnissen und den eigenen politischen Hoffnungen auf eine „großdeutsche“ und gegen eine „kleindeutsche“ Lösung entsprechend – in den Architektur der antik-römischen Kaiserzeit vorgezeichnet. Deren Raumbildung nämlich ordne „…viele Raumesindividuen der verschiedensten Größe und Rangabstufung um einen größten Centralraum herum, nach einem Principe der Koordination und Subordination, wonach alles einander hält und stützt, jedes Einzelne zum Ganzen notwendig ist, ohne dass letzteres aufhört, sich sowohl äußerlich wie innerlich als Individuum kundzugeben“. Hier fand Semper die Antwort auf seine gesellschaftspolitische Fragestellung, die jenseits der Stilfrage eine „Synthesis der beiden [sich] scheinbar ausschließenden Kulturmomente, nämlich des individuellen Strebens und des Aufgehens in die Gesamtheit“ suchte.1

Bei aller zeitlichen und konzeptionellen Gebundenheit barg Sempers Überlegung einen fruchtbaren Kern für die Architektur des 20. Jahrhunderts: Sie deutet an, dass allein Größe und Materialität von Räumen verbindlich erkennen geben können, welche Funktion sie haben und welchen Rang sie im gesamten Raumgefüge besitzen – und zwar ohne dass es eines „historischen“ Stils als kennzeichnender „Bekleidung“ bedarf. Diese Erkenntnis mündete schließlich in die Überzeugung der nächsten Generation, dass die Synthetisierung historischer Stile als Ausdruck der Industriegesellschaft ausgedient habe. Sie setzte den zweiten „Impuls der Moderne“ frei, der in einer radikalen Entkleidung der Gebäude die lang gehegte Hoffnung auf einen neuen, in gewisser Weise stillosen „Stil“ einlöste. Die Bemühungen von Adolf Loos, Mies van der Rohe und anderer Protagonisten der „Moderne“ setzten Gottfried Sempers Vision einer reinen Raumtypologie in die Tat um: Der Verzicht auf die dekorative Hülle, die dem Schmuck und damit der individuellen Identifizierung des Gebäudes und seiner Bewohner oder Benutzer diente, schien genau der auf Abstraktion und Serialität zielenden Massengesellschaft und dem „neuen“ Menschen der Moderne zu entsprechen. In Wiederaufnahme eines Diktums Sempers schrieb Otto Wagner 1895: „Es kann (…) mit Sicherheit gefolgert werden, dass neue Zwecke und neue Konstruktionen neue Formen gebären müssen. (…) In der neuen Gesellschaft kann von der Wahl eines Stils als Unterlage einer baukünstlerischen Schöpfung nicht mehr die Rede sein. Der Architekt muss danach trachten, neue Formen zu bilden oder jene Formen, welche sich am leichtesten unseren modernen Konstruktionen und Bedürfnissen fügen, also schon so der Wahrheit am besten entsprechen, fortzubilden.“2

Ökologie und Ästhetik

Paul Wallot, Reichstag. Berlom 1884, Foto: Jürgen Matern

Die beiden „Umdrehungen“ der Architektur, von denen bisher die Rede war, wurden jeweils von vehementen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen  Veränderungen stimuliert. Wenn wir solche Einflussfaktoren für die Gegenwart suchen, taucht am Problemhimmel über unserem Globus sofort der Fixstern des drohenden Endes der materiellen und damit auch der energetischen Ressourcen auf. Die Verfügbarkeit von Energie steht dabei kausal zu den beiden mindestens genauso eklatanten Problemfeldern, die uns beherrschen: Will man auch den Bewohnern von Schwellen- und Entwicklungsländen ein halbwegs auskömmliches Leben auf dieser Erde garantieren, wird dies zwangsläufig mit einer immer größeren Energiekonsumption verbunden sein. Der unsere Existenz auf diesem Planeten bedrohende Klimawandel wird jedoch nur durch eine Verringerung des Energieausstoßes und der damit verbundenen Emissionen zu begrenzen sein. Diese folgenreiche, fast paradoxe Kausalität ist wirtschafts-, gesellschafts- und geisteswissenschaftlich bisher kaum durchdrungen. Entsprechend bewegt sich auch das Nachdenken über eine angemessene Architektur, die dem notwendigen Wandel unserer Lebensweise entsprechen könnte, auf einem Niveau, das zumeist zu wünschen übrig lässt.

Offensichtlich verbreitet sich inzwischen das Bewusstsein einer dringenden Notwendigkeit anderer energetischer Konzeptionen von Gebäuden. Das Gebäuderating, das die Deutsche Gesellschaft für nachhaltiges Bauen (DGNB) mit ihrem Siegel anstrebt, bezieht sich auf die Kriterien der baulichen Qualität und Technik, auf soziale und ökonomische Aspekte. Erprobt wurde diese Zertifizierung erst bei einem guten Dutzend Bürogebäuden. Ab Oktober, also mit dem Inkrafttreten der Energieeinsparverordnung, wird die Deutsche Energie-Agentur (DENA) das Qualitätssiegel „Effizienzhaus“ anbieten, das für alte und neue Wohngebäude Anwendung finden soll.

Das Klima-Manifest mit dem sprechenden Motto „Vernunft für die Welt“, das die deutschen Architekten und Ingenieure Ende März Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee übergeben haben, spricht indes eine andere Sprache als die der technisch angelegten Zertifizierungs-Kompagnien. Hier ist von einer Verantwortung der Entwerfer und Planer die Rede, die eben nicht nur auf die Einhaltung von Normen beschränkt ist, sondern auch die Ebene der Ästhetik berücksichtigt. Denn das Eigentümliche der Architektur ist es schließlich, dass neben konstruktiven und gesellschaftswissenschaftlich analysierbaren Kriterien auch die Kategorie des interesselosen Wohlgefallens erfüllt sein muss, bevor wir sie als gelungen empfinden.3

Dritte Umdrehung: Die große Unbekannte
Schon einmal hat sich ein Wandel der Architektur unter energetischen Gesichtspunkten abgezeichnet: Die Energiekrise der frühen siebziger Jahre führte zu einer eklatanten Verkleinerung der Fenster respektive einer Vergrößerung der Wandflächen der Bauten, was je nach Vermögen der Architekten mit mehr oder weniger Eleganz gelungen ist. Nur wenige haben diese einfache Methode des Energiesparens zur Entwicklung einer spezifischen Architektur genutzt. Der französische Architekt und Philosoph Paul Virilio untersuchte damals in seiner „Bunkerarchäologie“ das unter wahrnehmungstheoretischen Gesichtspunkten einseitige Verhältnis des Innenraums der deutschen Atlantikbunker zu ihrer Umgebung. Daraus ergab sich eine unerwartete Lösung bei der Suche nach neuen Gestaltungsmöglichkeiten: Denn Virilios ästhetische Überlegungen liessen sich hervorragend beim Entwurf energetischer Festungen anwenden, die ausserdem auf die formalen Entwicklungen Le Corbusiers in La Tourette und Chandighar Bezug nehmen konnten. Der damalige Impuls hatte jedoch nur kurzzeitige Auswirkungen: Wir verheizen weiterhin Erdöl, als sei es für alle Zeiten verfügbar.

Adolf Loos, Haus Scheu, Wien 1913, Foto: heardjon

Nun sind wir mit dem Dämm- und Dichtungswahnsinn, der – durch staatliche Förderprogramme unterstützt – flächendeckend um sich greift, auf eine Stufe der architektonischen Entwicklung rückversetzt worden, die absurderweise Sempers Bekleidungstheorie eine neue Facette hinzufügt: Nur dass wir den Gebäuden, in denen wir leben und arbeiten, deren technische und materielle Ressourcen wir nutzen, nicht mehr eine Hülle überwerfen, die der Architekturgeschichte entstammt, um auf ihren Zweck oder die gesellschaftliche Position oder Haltung ihrer Bewohner hinzuweisen. Sie bekommen stattdessen eine neutrale Bekleidung – die entsprechenden Zentimeter Wärmedämmverbundsystem –, die dem neuen gesellschaftlichen Zweck der Energiekontrolle und der vermeintlichen Klimagerechtigkeit entspricht. Dies wird auf ähnlich unbeholfene Weise zum Ausdruck gebracht wie durch die Wahl der dafür verwendeten Begriffe: Das Vokabular reicht von der „Nachhaltigkeit“ des Bauens über die „energetische Ertüchtigung“ des Gebäudes bis zum „Nullenergiehaus“: Begriffe aus dem Wörterbuch der Technokraten, die eine Eindimensionalität der Architektur befürchten lassen, solange sie solchermaßen verbal munitioniert auf Fördergelder- und Zertifizierungsprogramme zugeschnitten wird.

Aber Architektur ist mehr, muss mehr sein. Die zur Charakterisierung der ersten und zweiten „Umdrehung“ gewählten Beispiele haben gezeigt, dass gesellschaftliche Entwicklungen und Erfordernisse durchaus radikale Umbrüche in der gesamten Auffassung von Architektur hervorgerufen haben. Stehen wir vor einem dritten Epochenwandel, der eine ganz neue Auffassung von Architektur erzwingt? In der Gegenwart scheint eine dritte „Umdrehung“ nötig und möglich zu sein: Sollte nicht das bedingungslose, konsequente Nachdenken über Materialeigenschaften, die Entwicklung und Wiederentdeckung von konstruktiven Spezifika, die einer höheren energetischen Effizienz zuträglich sind, zwangsläufig zu einer anderen Architektur führen?

Wohnhaus in Warschau, Foto: Andreas Denk

Wir könnten jetzt die neuen Rahmenbedingungen definieren, die für die zukünftige Architektur gelten. Dafür ist allerdings ein vorurteilsfreies, im Abwägen vom Vorteil tradierter Typologien und radikaler neuer Lösungen offenes Nachdenken über die Konzeption und Gestalt von Gebäuden und Bauwerken nötig. Als Faustregel für die homogene Verbindung ökologischer und architektonischer Prinzipien könnte gelten: Entweder sind die Materialien und Techniken, die zum Einsatz kommen sollen, so beschaffen, dass sie einer „traditionellen“ Architektur ohne psychophysischen oder ästhetischen Qualitätsverlust appliziert werden können – oder sie sind so eigenartig beschaffen, dass sie ein anderes, ein eigenes Architekturkonzept mit einer neuen, aus dem Konzept selbst entwickelten Ästhetik erfordern.

Die goldene Regel der Stadt
Es geht allerdings nicht allein um das energetische Problem, das die Architektur der Gegenwart fraglos aufwirft. Denn die neue klimagerechte Architektur muss auch das absehbare Ende anderer materieller Ressourcen, die erkennbaren gesellschaftlichen Segregationen und die möglicherweise daraus resultierenden Konflikte reflektieren. Das Wettbewerbsprogramm „Umsicht“, das der Schweizer Architekten- und Ingenieurverband 2007 ausgelobt hat, berücksichtigt beispielsweise bei der Bewertung von Architektur neben der ökologischen Verantwortung und der ökonomischen Leistungsfähigkeit auch die Trans- und Interdisziplinarität, die gesellschaftliche Relevanz und soziale Verträglichkeit, die kulturelle Leistung und ästhetische Qualität.4

pfeifer roser kuhn architekten, Haus Kinzy, Lörrach 1999, Foto: Archiv

Für die zukünftige Architektur könnte dies unter anderem bedeuten, dass wir Häuser nie mehr als Einzelbauwerke betrachten, sondern nur noch als Teile der Stadt, als wesentlichen Lebensraum der meisten Menschen: Bedenkt man, was allein dieser Blickwechsel in einer Gesellschaft bedeutet, in der das Verhältnis von Gemeinschaft zu Individuum durchaus ins Ungleichgewicht gerutscht ist, zeigt sich die Größe der Aufgabe: Wir könnten über eine sinn- und planvolle Abfolge von sozial und ästhetisch kodierten Raumtypen nachdenken, die sich durch differenzierte Größen und unterschiedliche materielle Gestaltungsformen unterscheiden – entsprechend den unterschiedlichen gesellschaftlichen Handlungsformen und den damit verbundenen Raumfunktionen. In solchen Raumsequenzen ließe sich das räumliche Bild der Beziehung zwischen dem Einzelnen, der Gruppe, zahlreichen Individuen, mehreren Gruppen und schließlich der großen Stadtgemeinschaft räumlich-symbolisch abbilden. Die nahezu filmisch durchschreitbare Abfolge der Raumfolgen ermöglichte die Bewusstwerdung des Zusammenhangs des Einzelnen mit dem „Rest der Welt“ und damit eine andauernde Relativierung der eigenen, wie auch immer gesellschaftsabhängigen Lebenssituation. Mehrere Folgen von Raumtypen würden ein komplexes urbanes Gewebe bilden, das private, halbprivate, halböffentliche und öffentliche Räume je nach Notwendigkeit ausweist und sie bedarfsweise gleichermaßen abschließt, begrenzt, perforiert oder öffnet.

Überträgt man Sempers Begriff des Typs und seine Idee einer sozialen Kodierung von Räumen, die eher auf das architektonische Einzelstück gemünzt waren, auf die Stadt, so ergibt sich daraus die Idee einer unmittelbaren Bezugnahme aller möglichen Räume der Stadt aufeinander: Sempers Forderung einer „Koordination und Subordination“ kodierter Räume zu einem Raumganzen entspricht im Hinblick auf eine Stadt der Gegenwart der räumliche Zusammenhang von Raum, Wohnung, Haus, Straßenraum, Quartier und Gesamtstadt. Die Gestalt und Größe, die Kodierung und formale Ausstattung der Raumtypen müssen so zueinander im Verhältnis stehen, dass sie jenseits der bloßen Befriedigung einzelner Bedürfnisse oder derer von Gruppen gleichzeitig einem gemeinsamen Zweck dienen können: In ihrem Verhältnis zueinander, in ihrer gegenseitigen „Angemessenheit“ sollen sie auf eine Versöhnung des Individuums mit der Gemeinschaft, mit der Vergesellschaftung des Einzelnen hinarbeiten: Das „Prinzip Verantwortung“ würde zur goldenen Regel der Stadt.

Gesellschaft am kosmischen Herd
Vielleicht spendet die zeitgenössische Philosophie Hoffnung und Ansporn: Peter Sloterdijk hat in den „Sphären“ vor einigen Jahren darüber nachgedacht, wie sich die Gesellschaft als Gemeinschaft von Individuen in die Zukunft entwickeln könnte. Die Frage nach der Energieversorgung – sowohl im physikalischen wie im mentalen Sinn – hat im Mittelpunkt seiner Überlegungen gestanden. Der Karlsruher Philosoph ist dabei von jenem archetypischen Modell der Versammlung der Menschen um die Feuerstelle, den „Herd“ ausgegangen, der einer menschlichen Gemeinschaft Sinn und Energie zum Überleben gibt und den bereits Vitruv und 1900 Jahre später Gottfried Semper als Gründungsmythos der Architektur zum Ausgangspunkt ihres Nachdenkens über deren ureigentliches Wesen gewählt haben. Statt der mit fossilem Brennmaterial betriebenen Koch- und Wärmestelle der Vergangenheit hat er den metaphorischen „Platz an der Sonne“ ausgemacht. „Wer könnte leugnen,“, so Sloterdijk, „ dass sich in allen Politiken der Neuzeit die Schwierigkeit manifestiert, die Menschheit als überzahlreiche solare Familie um jenen exzentrischen Herd zu versammeln?“5 Über die reale Ausprägung und damit die architektonische Dimension dieser Sammlung um den „kosmischen Herd“ hat sich der Philosoph – wohl wissend, dass hier die Grenzen seines Faches erreicht sind – ausgeschwiegen. Dieser Gedanke wäre indes fortzuführen…

Anmerkungen
1 Semper, Gottfried: Ueber Baustile, in: derselbe: Kleine Schriften. Hrsgg. von Hans und Manfred Semper, Mittenwald 1979 (ND d. Ausg. Berlin und Stuttgart 1884), S. 395ff. hier: S. 422.
2 Wagner, Otto: Moderne Architektur. Seinen Schülern ein Führer auf diesem Kunstgebiete, Wien 1895.
3 In: der architekt 2/2009, S.1.
4 In: TEC21 Dossier 1/2007, S.7ff.
5 Sloterdijk, Peter: Sphären II. Globen, Frankfurt am Main 1999, S. 228ff., hier S. 249.

Andreas Denk ist Architekturhistoriker und Chefredakteur dieser Zeitschrift, er lehrt Architekturtheorie an der Fachhochschule Köln, lebt und arbeitet in Bonn und Berlin.

Dieser Text wurde zum ersten Mal publiziert in der architekt 3/09 zum Thema Ästhetik und Ökologie. Aufbruch in eine klimatische Moderne.

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