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Wer, wenn nicht wir?

Der griechische Philosoph Epikur hat eine interessante Vorstellung vom Leben der Götter entwickelt. Für ihn, der dem atomistischen Materialismus des Demokrit anhing, waren die Götter zwar genauso reale Lebewesen wie für viele andere griechische Philosophen. Im Unterschied zu ihnen jedoch, die fest davon ausgingen, dass die olympische Schar aus kriegerischen oder libidinösen Gründen, aus Eifersucht oder aus Hass in das Schicksal der Menschen eingriffen, verabschiedete Epikurs theologische Konzeption die Götter aus jedweder handelnden Rolle, die außerhalb ihrer eigenen Existenz lag. Weil die Götter sich im Gegensatz zu den Menschen aus einer idealen Verbindung von Atomen zusammensetzten, konnten sie ein ebensolches ideales Leben führen.

So kamen sie zu den Freuden eines sorgenfreien und unbeschwerten Lebens auf dem Olymp – weit entfernt von der Menschheit und nicht interessiert an deren beschwerlicher Existenz, die gewissermaßen durch die „schlechtere Chemie“ benachteiligt war. „Apathia“ und „Ataraxia“, Leidenschaftslosigkeit und Seelenruhe, sind die beiden Parameter für das göttliche Leben: Die Götterwelt ist für die Menschen unerreichbar – andererseits scheiden Aufgaben wie „Schöpfung“, „Vorsehung“ oder die Lenkung des menschlichen Schicksals als Tätigkeitsfeld für die seligen Götter natürlich aus: Das wäre zu mühevoll und ihrer unwürdig gewesen, meint Epikur.

Lässt man die politischen Geschehnisse der letzten Wochen in der Bundesrepublik Revue passieren, bietet sich eine verblüffende Analogie: Gegnerische Kanzlerkandidaten, die sich, anstatt zu streiten, angeregt über spirituelle Erlebnisse verständigen, Kommissionäre, die die Sondierungen zu einer möglichen „Jamaica“-Koalition wie ein Pokerspiel unter alten Freunden mit Live-Übertragung im TV und Dauer-Tweeten handhaben, eine neue Aussteigerpartei, die jenseits tiefenpsychologischer Offenbarungen nicht so genau erklären kann, warum sie die Vorgespräche zu einer Koalition abgebrochen hat, eine ehemalige „Volkspartei“, die anstelle einer verantwortungsbewussten Entscheidung über Regieren oder Nicht-Regieren ihr eigenes Selbstverständnis sucht: All das hat Züge einer Selbstvergessenheit der politischen Kaste, die dem distanzierten Dasein der Epikureischen Götter auf dem Olymp nahekommt. Das Leben ein Theater, Politik ein Spiel, die Welt ein Ball: Wen kümmern da noch die Menschen und deren banale Probleme?

Insofern, das ist Epikurs Lehre, müssen sich die Menschen um sich selber kümmern. Göttliches Handeln kann ihnen, so der griechische Philosoph, immerhin als Vorbild für das eigene Leben dienen. Hier endet bedauerlicherweise die Analogie. Es scheint vielmehr Zeit für eine Selbstbesinnung zu sein, in deren Mittelpunkt die Verantwortung für diesen Staat steht, der zwar nicht „die beste aller Welten“, aber immerhin bislang sicherer und verlässlicher Rahmen für das Leben unserer Gesellschaft ist. Selbst der sonst demokratisch recht gefestigte Staatsrechtler Christoph Möllers von der Humboldt-Universität zu Berlin ist beunruhigt: In einem Gespräch im Deutschlandfunk deutete er an, dass die latente Weigerung der Parteienvertreter, politische Verantwortung zu übernehmen, möglicherweise die deutsche Spielart des Demokratieverfalls in manchen anderen europäischen Ländern sein könnte. Zwar sieht auch er noch keine „Staatskrise“, wie derzeit oft besprochen, sondern Möllers rät zu vermehrter Initiative der Bürger, die er auch und insbesondere in einer Belebung der Parteienwelt sieht.

Doch ob man sich auf den Weg auf diesen politischen Olymp machen möchte, ist wohl Ansichts- oder Mentalitätssache. Wer wollte sich schon mit Göttern im Armdrücken messen? Deshalb gilt das Handlungsgebot nicht nur für ellbogenstarke Parteienthusiasten oder zu allem entschlossene Bürgerinitiativen, sondern es gilt auch und insbesondere für eine Institution wie den BDA. Wer, wenn nicht Architekten und Stadtplaner, sollte in der Lage sein, konkrete Modelle für ein Zusammenleben zu finden, das wiederum die Grundlage für eine gemeinsame Arbeit an Lösungen für die drängenden sozialen, ökonomischen, materiellen und klimatischen Probleme der Gesellschaft ist? Wer, wenn nicht ein Bund wie der BDA mit seiner satzungsgemäßen Selbstverpflichtung zum beruflichen Handeln in gesellschaftlicher Verantwortung, kann jetzt mit hörbarer Stimme die Forderung nach einem gelingenden Leben, Zusammenleben und Überleben formulieren und die so gewonnenen Positionen mit Verve und überzeugenden Beispielen verteidigen?

Wer, wenn nicht wir, kann den in der Politik kaum noch wahrgenommenen und nicht mehr gehörten Interessen der „abgehängten“ Teile der Gesellschaft einen öffentlich wahrnehmbaren Ausdruck geben? Der BDA besitzt mit seinen kenntnis- und einflussreichen Architekten, mit seiner föderalen Gliederung und seinem durchaus vorhandenen bundes-, landes- und kommunalpolitischen Einfluss, die Möglichkeit zum gesellschaftspolitischen Handeln. Lasst uns diese Möglichkeiten nutzen, um zu zeigen, was bürgerschaftliches Bewusstsein und Engagement bewirken kann – und damit anderen Mut zu machen, es uns gleichzutun. Verweigern auch wir die Übernahme von Verantwortung, bleibt uns womöglich nur das, was der römische Schriftsteller Horaz – allerdings vor seinem politischen Engagement bei der Augusteischen Erneuerung – von sich behauptete: Er sei nur ein „Schwein aus der Herde Epikurs“.

Andreas Denk

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