kritischer raum

Milieu und Atmosphäre

Das Kreativwirtschaftszentrum „C-HUB“ in Mannheim von Hartwig Schneider Architekten, Stuttgart, 2012 – 2015

Das Einfache ist meist das Schwere. Dabei muss man nicht gleich an Mies van der Rohes Lebensleistung denken, für die Verbindung von architektonischer Form, Konstruktion und Ausdruck die vermeintlich „einfachste“ Figur zu finden. Das Einfache kann vielmehr auch eine unmittelbare Erfordernis der Umgebung sein. Auch dadurch wird es nicht leichter. Diese Erfahrung dürfte auch Gabriele Schneider von Nutzen gewesen sein, als sie und ihre Mitarbeiter um Ingo Pelchen in Mannheim nach dem Gewinn eines Wettbewerbs mit dem Bau eines Gründerzentrums für Start-up-Unternehmen, kurz C-HUB genannt, und eines Ausstellungsgebäudes (PORT 25) am alten Verbindungskanal zwischen dem Neckar und dem Mühlauhafen am Rhein beauftragt wurden.

hartwig schneider architekten, Gründerzentrum C-HUB, Mannheim 2012 – 2015, Fotos: Christian Richters / Daniel Lukac

Die alte, brach gefallene Hafenbebauung am westlichen Rand der barocken Planstadt ist schon seit mehreren Jahren im Umbau: Die Stadt versucht hier, im Anschluss an die Vorstadt des 19. Jahrhunderts den durchaus erhaltenswerten Bestand an Speicherbauten mehr oder weniger originell, aber sinnvoll weiter zu nutzen. Für die Konzeption des „Kreativwirtschaftszentrums“ ist die „Mannheimer Gründungszentren GmbH“ verantwortlich, eine Tochtergesellschaft der Stadt und größte Fördereinrichtung für Existenzgründer in Baden-Württemberg, die inzwischen eine ganze Reihe ähnlicher „zielgruppenorientierter“ Vorhaben ins Werk gesetzt hat. In diesem Fall richtet sich das Angebot an Unternehmensgründer aus Film, Werbung, Design, Architektur, Software- und App-Entwicklung und dergleichen kulturell-entwerfende Branchen. Bisher haben sich im C-HUB 37 Firmen und Büros mit etwa 80 Mitarbeitern eingerichtet.

hartwig schneider architekten, Gründerzentrum C-HUB, Mannheim 2012 – 2015, Fotos: Christian Richters / Daniel Lukac

Der Stadtteil Jungbusch, in dem die Hafenstraße mit den Speicherbauten und Schneiders neuem „Kreativwirtschaftszentrum“ liegt, war wahrscheinlich die erste städtebauliche Herausforderung des Entwurfs. Der fast geschlossene Bestand einer einfachen Wohnbebauung des späten 19. Jahrhunderts, der mit zunehmender Nähe zum Hafen in eine Gemengelage aus Wohnen, Gewerbe und verlassener Industrie übergeht, hat ein eigenes biotopisches Leben entwickelt, das ein gutes Beispiel für die weitgehend gelungene Multiethnizität Mannheims sein dürfte. Die schlichte, aber charakteristische, teilweise schon mehr oder minder geschickt für neue Zwecke umgebaute Hafenbebauung schließt sich an dieses Quartier nicht ganz nahtlos an. Teile des Uferstreifens sind als Promenade entwickelt, manche Relikte der groß-gewerblichen Vergangenheit dieses Ortes wirken wie ein Maßstabssprung gegenüber der benachbarten Wohnbebauung an der Hafenstraße.

hartwig schneider architekten, Gründerzentrum C-HUB, Mannheim 2012 – 2015, Foto: Andreas Denk

Gabriele Schneider hat diesem Milieu ein ebenso schlichtes sechsgeschossiges Gebäude als Neubau und ein zweigeschossiges Restaurations- und Ausstellungshaus als Umbau eines ehemaligen Speichers hinzugesellt. Zwischen den beiden Häusern ist ein kleine platzartige Erweiterung entstanden, die sich zum Ufer hin als Terrasse ausdehnt, die sich über die Mauerkante hinweg erweitert und so fast wie von selbst einen Konzentrationspunkt der Promenade bildet. Die vordergründig simple Architektur des Neubaus mit seiner gleichmäßig durchfensterten Rasterkonstruktion aus rotbraun eingefärbtem Beton referiert industrielle Kontor- und Gewerbebauten der klassischen Moderne, wagt aber mit einer kleinen giebelartigen Erhöhung nicht nur eine funktionale Variation des Typus, sondern auch eine Referenz an die meist ebenfalls übergiebelten Speicherbauten der Umgebung. Im Erdgeschoss sind Showrooms, ein Co-Working-Space und Konferenz-, Besprechungs- und Schulungsräume untergebracht, die auch extern vermietet werden. Die darüber liegenden Geschosse werden rechts und links des Versorgungskerns mit Treppenhaus und Fahrstuhl zweihüftig erschlossen.

hartwig schneider architekten, Gründerzentrum C-HUB, Mannheim 2012 – 2015, Fotos: Christian Richters / Daniel Lukac

Die Büros der Start-Ups liegen an den Längsseiten des Hauses und sind regelhaft auch zum Erschließungsgang verglast. Jede Raumeinheit ist nach Bedarf entweder von mehreren Nutzern gemeinsam zu verwenden oder zu einer größeren Raumfolge zusammenzufassen. Die Transparenz der Raumfolge, die Offenheit und Kontaktfreude suggeriert, findet ihren Höhepunkt in den zweigeschossigen Atrien, die an den Gangenden zur Wasserseite des Gebäudes hin angelegt sind. Hier stehen Mitarbeitern und Gästen jeweils eine Kücheneinrichtung und individuell gestaltbare Sitz- und Ruhe- und Konferenzmöglichkeiten zur Verfügung, von denen aus der Ausblick auf den Kanal mit der benachbarten Teufelsbrücke, einer Schleusenbrücke des frühen 20. Jahrhunderts, möglich ist.

hartwig schneider architekten, Gründerzentrum C-HUB, Mannheim 2012 – 2015, Fotos: Christian Richters / Daniel Lukac

Das benachbarte Ausstellungshaus entwickelt sich zu den beiden erhaltenen Stirnfronten eines ehemaligen Speichergebäudes. Zum Nachbargebäude hin ist es als stimmungsvolles Restaurant mit außengastronomischen Optionen am Platz ausgelegt. Der Eingang zu PORT 25, den Galerieräumen für zeitgenössische Kunst, die als städtische Einrichtung geführt werden, liegt ebenfalls am Platz, aber zur Hafenstraße hin: Schneider hat hier in zwei Geschossen, durch eine gut gefügte Treppe miteinander verbunden, zwei kleine und einen großen Ausstellungsraum geschaffen, die sich mit ihrer fein reliefierten Deckenstruktur neben der kunstaffinen Neutralität auch eine architektonische Attitüde erlauben. Der obere Saal ist mit Sichtbetonunterzügen gegliedert, so dass der Raum einen basilikalen Schnitt bekommt, den der Architekt für eine natürliche Beleuchtung von schräg oben genutzt hat.

hartwig schneider architekten, Gründerzentrum C-HUB, Mannheim 2012 – 2015, Fotos: Christian Richters / Daniel Lukac

Die Differenz und gleichzeitige Stimmigkeit der unterschiedlichen Atmosphären, die Gabriele Schneider in und mit ihren Gebäuden erzielt hat, lässt sich am ehesten mit dem alten Wort der Angemessenheit beschreiben. Hier trifft der Zweck auf eine fördernde Atmosphäre. In der Gesamtansicht wird diese Kategorie noch einmal deutlich: Über die Teufelsbrücke gelangt man auf die andere Seite des Kanals, von wo C-HUB und PORT 25 in der Totale zu sehen sind. Der Blick gleitet entlang der pittoresken Schleuse über das stille Wasserbecken des Kanals auf eine Wasservogelwelt mit Gänsen, Enten, Blesshühnern und einem Reiher, die man hier inmitten der Großstadt eher nicht erwartet. Die beiden Gebäude spiegeln sich im Wasser und fügen sich mit ihrer zurückhaltenden Silhouette und der fast patiniert wirkenden Erscheinung wie selbstverständlich in die industrieromantische Stimmung ein, die hier fast zwangsläufig anrührt. Dass dies offenbar auch das Empfinden anderer Menschen trifft, wird deutlich, wenn sich am Nachmittag Platz und Promenade am C-HUB mit Spaziergängern, Ballspielern und Skateboardfahrern bevölkert. Zumindest die städtebaulich-architektonische Umsetzung des Unternehmens scheint einfach gelungen.

Andreas Denk

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