Die Architektur der 1970er

Mega, meta und brutal

Die Freude von künstlerisch arbeitenden Fotografen an der Architektur der 1960er und 1970er Jahre, an Megastrukturen und an Bauten des Brutalismus und Metabolismus steht in einem eklatanten Gegensatz zu ihrer öffentlichen Wertschätzung. Insofern sollte es nicht wundern, wenn in wenigen Jahrzehnten statt der wahrscheinlich verwahrlosten, entstellten oder abgerissenen Originalbauten lediglich wunderbare Fotobände über eine Phase der Architekturgeschichte orientieren, die sich, angeheizt durch die Entwicklung der Atomtechnik, die Erfolge der Medizin und der bemannten Raumfahrt, eines unerschütterlichen Fortschrittsglaubens erfreute.

Ralf Schüler, Ursulina Schüler-Witte, ICC, Berlin 1971–1979, Fotos: Claus Rottenbacher

Eines dieser Gebäude ist das ICC in Berlin. Dem Internationalen Kongresszentrum von Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte, das von 1971 bis 1979 entstand, hat Claus Rottenbacher eine Reihe von „Raumportraits“ gewidmet, die er unter dem Titel „Westort|Ostort – Das ICC und die Fahrbereitschaft“ vorstellt und Bildern der Fahrbereitschaft der Regierung der DDR gegenüberstellt. Als erstes begeistern natürlich die Aufnahmen aus dem ICC, dessen architektonische Form mit den 320 Metern Länge wie ein riesiges Raumschiff daliegt, das eher zufällig in der Nähe des Berliner Funkturms gelandet ist. Die merkwürdig auseinander geschobenen Gebäudeteile mit dem außen liegenden monumentalen Konstruktionsrahmenwerk suggerieren wie manche Entwürfe Archigrams eine Mobilität des Artefakts und seine hydraulische Beweglichkeit. Am aufregendsten wird es – auch heute noch – im Innern, das Rottenbacher meist in Totalen und Halbtotalen, gelegentlich auch Schräg- und Nahaufnahmen, immer aber mit dem Versuch der Objektivierung des Bildeindrucks ins Bild gesetzt hat. Konferenzsäle wie Kommandozentralen der „U.S.S. Enterprise“ unter Captain Kirk, gewaltige Rolltreppeninszenierungen in Edelstahl, farbige Teppichböden und knallige Wandgestaltungen, die zur Orientierung beitragen: Das Gesamtkunstwerk ICC ist noch vollständig, aber außer Betrieb. Die letzte öffentliche Veranstaltung war 2014, seitdem ist es geschlossen. Unklar ist, ob und wann das Bauwerk saniert wird, wer das bezahlt und wie es dann genutzt werden soll. Derzeit dient es in Teilen als Notunterkunft für Flüchtlinge.

Ralf Schüler, Ursulina Schüler-Witte, ICC, Berlin 1971–1979, Fotos: Claus Rottenbacher

Rottenbachers fotografisches Gegenstück, die Fahrbereitschaft der DDR-Regierung, besteht letztlich nur aus einer Reihe von Fabrikgebäuden, Lagerhallen und Garagen, die seit dem 19. Jahrhundert entstanden sind. Sie wurden überformt durch die Reduktionsmoderne des zeitgenössischen DDR-Einrichtungsdesigns, die hier Aufenthalts- und Büroräume, Bar, Kegelbahn und sogar Sauna für Fahrer und Personal prägt: Das Interieur versucht mit gepolsterten Buchenmöbeln und -raumeinbauten, mattgläsernen Kronleuchtern, rot gepolsterten Barhockern und schlechten Louis-Poulsen-Lampenkopien eine Näherung an skandinavische Designmuster. Gegen den westdeutschen Monumentalbau fällt das ostdeutsche, annähernd ähnlich zu datierende Gegenstück natürlich ab: Aber indem der Fotograf das äußerst schlichte DDR-Interieur mit den gleichen Aufnahmetechniken – und der gleichen Ernsthaftigkeit – wie die High-End-Designwelt des ICC behandelt hat, erweist sich seine Arbeitsebene schließlich als weniger dokumentarisch als konzeptuell: Im Vergleich werden die Rahmenbedingungen des Lebens in zwei Systemen deutlich, deren Extreme hier nur wenige Kilometer voneinander entfernt waren.

Mario Fiorentino, Corviale, Rom, Italien 1975–1982, Foto: Otto Hainzl

In Rom wiederum ist zwischen 1975 und 1982 ein regelrechtes Generationen-Raumschiff gelandet. Zentrum der Siedlung Nuovo Corviale am Stadtrand Roms ist die 1,2 Kilometer lange neungeschossige Wohnzeile, die hier absichtsvoll das südwestliche Ende der „ewigen“ Stadt markiert. Der Architekt Mario Fiorentini stellte sich in dieser Hyperbel der „Unité d’habitation“ Le Corbusiers damals eine völlig neue Gesellschaftsform als Gemeinschaft von Intellektuellen und Arbeitern vor, die in dieser Megacity zusammen leben und arbeiten sollten. Ganz so ist es nicht gekommen: Die Stadtbehörden kämpfen heute in Corviale mit einer chronischen infrastrukturellen Unterversorgung, mit Arbeitslosigkeit und Kriminalität. Zeitweise – im Moment jedoch nicht – wurde sogar von Abriss gesprochen. Der in Linz/Österreich geborene Otto Hainzl hat eine Zeitlang in dieser größten Wohnzeile Europas gelebt und dabei versucht, fotografisch den verschiedenen Formen auf die Spur zu kommen, wie und auf welch unterschiedliche Weise sich die Bewohner den Wohnriegel aneignen. Graffiti, spärliche Möblierungsversuche in den ellenlangen Gängen und die von unten nach oben im Haus zunehmende Freude an Grünpflanzen, vermögen indes den Verfall, die Verwahrlosung und Zerstörung des gewaltigen, immer wieder faszinierenden Gebäudes nur bedingt aufzuhalten. Allein die Menschen in Corviale könnten es, doch sie hat Heinzl merkwürdigerweise „bewusst“ aus dem Bild gelassen.

Kisho Kurokawa, Nakagin Capsule Tower, Tokio, Japan 1972, Fotos: Noritaka Minami

Kisho Kurokawas „Nakagin Capsule Tower“ steht im Fokus des mit „1972“ betitelten Fotobandes, den der in Chicago lebende Fotograf Noritaka Minami erarbeitet hat. 1972 war das Fertigstellungsjahr dieses vielleicht konsequentesten Produkts des japanischen Metabolismus. Kurokawa entwarf zwei miteinander verbundene 13-geschossige Tragwerke, deren Außenansicht durch 140 kubische Wohnzellen mit der Größe von 2,3 × 3,8 × 2,1 Metern geprägt wird. Die Kapseln sind nur mit vier Bolzen so an einen Stahlkern angehängt, dass sie leicht demontierbar, transportabel oder durch neuere Modelle austauschbar sein sollten. Jede Zelle verfügt über ein rundes Fenster und ursprünglich über eine wandfeste weiße Einrichtung mit Einbauschränken, Bett, Schreibtisch und eingebautem Radiogerät. Seit mehreren Jahren kümmert sich eine Initiative um den Erhalt des eigentlich schon zum Abriss vorgesehenen Architektursymbols und den Verkauf von „Kapseln“ an Architekturliebhaber. Minamis Fotos zeigen die Dimension und gleichzeitig das Scheitern der Idee des Architekten: In immer gleichen, meist parallel-perspektivischen Ansichten führt der Fotograf die unterschiedlichen Formen der Einrichtung und Nutzung vor, die inzwischen in die „Towers“ eingezogen sind. Von der originalgetreuen Restaurierung des spacigen Interieurs bis hin zur Rumpelkammer ist alles vertreten: Kurokawa hat offensichtlich in der Begeisterung für sein Konzept der „flüssigen Stadt“ mit größtmöglicher Wohn- und Arbeitsflexibilität den Hang des Menschen zur Gesellung und zur Individualisierung durch Besitz übersehen.

Andreas Denk

Claus Rottenbacher: Westort|Ostort. Raumporträts: Das ICC und die Fahrbereitschaft, mit einem Essay von Nikolaus Bernau, 96 S., 61 Abb., 39,90 Euro, Kehrer Verlag 2015, ISBN 978-3-86828-644-1

Otto Hainzl: Corviale, Texte von Angelika Fitz, Otto Hainzl, Martin Hochleittner, Gabriele Kaiser, 120 S., 63 Abb., 39,90 Euro, Kehrer Verlag 2015, ISBN 978-3-86828-596-3

Noritaka Minami: 1972, (engl.) Texte von Noritaka Minami, Julian Rose und Ken Yoshida, 100 S., 54 Abb., 34,90 Euro, Kehrer Verlag 2015, ISBN 978-3-86828-548-2

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