editorial

Große Erzählungen

In diesem Jahr wird mit einer Fülle von Ausstellungen, Vorträgen, Veranstaltungen und Publikationen der hundertsten Wiederkehr der Gründung des „Bauhauses“ in Weimar gedacht. Keine andere Kunst- oder Architekturschule dieser Zeit hat es zu einer vergleichbar andauernden, wenngleich durchaus ambivalenten Nachwirkung geschafft, keiner anderen Schule ist es wie dem „Bauhaus“ gelungen, ihren Namen zu einer Marke zu machen, die bei vielen Menschen nicht nur in Deutschland eine assoziative Vorstellung von Formen und Materialien auslöst.

Foto: Andreas Denk

Deshalb wird in der laizistischen Architekturrezeption immer gern vom „Bauhausstil“ gesprochen, wenn man eine materialbezogene, elementaristische Formensprache meint, die in der von Walter Gropius geprägten Hochphase des Bauhauses in Dessau entwickelt wurde. Die mangelnde Präzision der Begrifflichkeit hat sogar Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Rede zur Eröffnung des Bauhaus-Jahres im Januar in der Berliner Akademie der Künste angedeutet: Das heutige Verständnis der Bauhaus-Ästhetik sei Ausdruck der „Utopie (…) eines radikalen Neuanfangs (…), einer Aufgeräumtheit des Daseins, einer Übersichtlichkeit der Welt, die man nach 1918, nach dem Krieg, haben wollte und brauchte.“

Diese Vorstellung einer anderen Welt, auf die Steinmeier hier anspielt, ist unmittelbar verbunden mit der Vision des „Neuen Menschen“, wie er in Politik, Literatur, Kunst dieser Jahre zum Leitbild wurde. Dass sich der Mensch mit den Segnungen der Technik umgeben, die Naturnähe des eigenen Körpers und seines Geistes zur Harmonie bringen und zudem noch Zeit zu seiner Entwicklung als geistiges Wesen haben könnte, war vielleicht die große Erzählung der 1920er Jahre, die dem Land nach dem verlorenen Krieg und der Erfahrung der Massengesellschaft zumindest partiell Kraft zum Zusammenhalt gegeben hat. Dass die Nazis diese Utopie zu einem Deckmantel ihrer menschenverachtenden Ideologie machen konnten, erklärt zu einem Teil das Faszinosum, das der Faschismus in Deutschland in allen Bevölkerungskreisen wurde. Der Schritt „Von Caligari zu Hitler“ (Siegfried Kracauer) war für viele Zeitgenossen vielleicht nur eine geringfügige Verschiebung in der politischen Landschaft.

Deswegen ist es schwierig, wie Steinmeier es getan hat, das Bauhaus als Kronzeugen einer demokratischen Entwicklung aufzurufen. Der langjährige Bauhaus-Direktor Philipp Oswalt hat dem Bundespräsidenten in der Zeitung „Der Freitag“ vehement widersprochen: „Die westdeutsche Mythenbildung, das Bauhaus sei die Institution für Demokratie, stimmt nicht. Es ist anschlussfähig in verschiedene Richtungen und nicht per se widerständig und progressiv“, sagte Oswalt. Andererseits ist es auch nicht nötig, zu überprüfen, ob tatsächlich alle Protagonisten der Kunstschule „lupenreine Demokraten“ im heutigen Sinne waren. Das vereinende Gefühl, an einer Lebensreform zu arbeiten, die nach Möglichkeit alle Lebensbereiche erfassen und verbessern können sollte, kann man sich in der heutigen Zeit – namentlich in der Hochschulausbildung, jedoch auch auf die Gesamtgesellschaft bezogen – kaum noch vorstellen. Der Verlust der „großen Erzählung“ in unserer Zeit kam auch bei der vom Arbeitskreis Stadt des BDA und der Evangelischen Akademie Tutzing veranstalteten Tagung zum Thema „Zusammenhalt“ (siehe S. 68-69 sowie S. 72-75) zur Sprache. Mehrfach wurde auf das Fehlen einer gemeinsamen Idee zur Weiterentwicklung der Demokratie und zur Reform des entwickelten Kapitalismus verwiesen. Die Zukunft des Gemeinwesens könnte darin liegen, sich auf eine solche Idee zu verständigen, die möglicherweise erst zum Durchbruch kommt, wenn die Bedrohungsszenarien durch Klimawandel und Ressourcenende deutlicher werden.

Die große Idee einer neuen Gesellschaft, die das „Bauhaus“ getragen hat, wäre allerdings verblasst – wie etwa bei der vergleichbaren Schule in Burg Giebichenstein in Halle –, wenn Gropius nicht so ein hervorragender Public-Relations-Manager in eigener Sache gewesen wäre. Die Propagandamaschinerie, für die der Bauhaus-Direktor Publikationen, Plakate, Fotos und Filme einsetzen ließ, war tatsächlich in der Lage, bis heute ein einheitliches Bild der Schule zu formen, das die mitunter großen Unterschiede zwischen den Lehrern verwischen konnte. Dazu gehörte auch Gropius’ Beharren auf einem verkürzten Funktionsbegriff, der sich vor allem gegen den verhassten Historismus wendete. Er ließ sich blendend einsetzen, um unter dem Motiv der Funktion schulintern Gegensätzliches zu einen und öffentlich erst gar nicht zur Sprache kommen zu lassen.

Auch auf diesen Primat der Funktion – oder besser den Funktionalismus – hat Frank-Walter Steinmeier abgehoben: Für viele, so der Bundespräsident, mute die Ästhetik des Bauhauses „wie Kühle an, die wenig Heimat und die manchen zu wenig Geborgenheit schenkt“. Ernst Bloch habe in „‚Geist der Utopie‘ den Satz geprägt: ‚Eine Geburtszange muss glatt sein, eine Zuckerzange mitnichten’“. Es gebe also Dinge, so Steinmeier, die mehr darstellen dürften als reine Funktionalität: „Es gibt zu Recht das Verspielte, es gibt zu Recht das nicht Nützliche. Es gibt manchmal zum Glück das Unaufgeräumte, mehrfach Überbaute, Gewachsene, Schiefe und Stehengelassene aus alter Zeit.“ Auch diese Unterscheidung ist richtig, denn sie verweist auf die Existenz einer ideellen Form der Funktion, die gleichberechtigt neben ihrer pragmatischen Form steht. Diesen Häusern und Dingen erst Gestalt gebenden Aspekt der Funktion hat Gropius‘ verkürztes Begriffsverständnis unterschlagen.

Dass der Bundespräsident in Berlin schließlich „das wiedererfundene Alte“ und damit den Römer/Dom-Bereich in Frankfurt thematisierte, mochte manchen angesichts der Bedeutung des „Bauhauses“ als Waffe gegen den Historismus als widersinnige Wegleitung erscheinen. Doch Steinmeier verknüpfte damit eine entscheidende Wendung: „Es geht nicht um die falsche Alternative: Gestern oder Morgen. Sondern es geht um die Frage: Wie gestalten wir das lebbare Heute.“ Das Vermächtnis des „Bauhauses“ sei nicht die Absolutierung einer vergangenen Moderne, sondern die Verpflichtung, eine neue Moderne zu gestalten, mit neuen Erkenntnissen, mit den Erfahrungen, die wir seither gemacht haben, mit den Bedürfnissen und Träumen der Menschen von heute.“ Das war gut und treffend gesagt.
Andreas Denk

Artikel teilen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*