kritischer raum

Ensemble im Hinterhof

Die Sammlung Philara in Düsseldorf von Joachim Sieber Architekten, Düsseldorf, 2012–2017

Das Schicksal privater Kunstsammlungen liegt entweder in der tragischen Verborgenheit im Haus eines Sammlers, mit der Konsequenz der postumen Auflösung und des Verkaufs, oder in der Präsentation als Dauerleihgabe, Stiftung oder Schenkung in öffentlichen Museen. Der Düsseldorfer Sammler Gil Bronner ist einen anderen Weg gegangen. Ursprünglich wollte der als Immobilienentwickler tätige Bronner ein Hinterhofareal eines Hauses an der Birkenstraße im Düsseldorfer Stadtteil Flingern, das von einer großen Glaserei genutzt wurde, mit exklusiven Wohnungen bebauen. Dann jedoch erkannte er das Potential der großen Halle, in der Flachglas gelagert und bearbeitet wurde: 2012 beauftragte er den Architekten Joachim Sieber damit, die Betriebshalle nebst den Arbeitsräumen des ehemaligen Betriebs behutsam zu einem Privatmuseum umzubauen, um hier Teile seiner über 1000 Stücke zählenden Sammlung aktueller Malerei, Bildhauerei, Installation und Fotografie öffentlich zu präsentieren. Siebers sensibler Umgang mit der stimmungsvollen Lagerhalle und den Betriebsräumen der Glaserei hat hier einen besonderen Ort der Kunst entstehen lassen, der dem an Galerien und Ateliers reichen Stadtteil weiteres kulturelles Profil gibt.

Joachim Sieber Architekten, Sammlung Philara, Düsseldorf 2012 – 2017, Fotos: Stefan Müller

Das Engagement des Sammlers kommt nicht von ungefähr: Gil Bronners Eltern haben schon vor Jahren eine Stiftung zur Förderung zeitgenössischer Architektur ins Leben gerufen. Bronner selbst suchte früh den Kontakt zur Düsseldorfer Kunstakademie. 2006 erwarb er die ehemalige Leitz-Fabrik in Düsseldorf und richtete dort 70 Künstlerateliers und Arbeitsräume für Klassen der Kunstakademie ein. Zugleich organisierte er Ausstellungen mit Arbeiten regional und international tätiger Künstler. Aus kontinuierlichen Ankäufen entstand schließlich die heutige Sammlung, die Bronner nach den kombinierten Vornamen seiner beiden Kinder „Philara“ genannt hat. Die Sammlung wird nun in immer neuen Kombinationen zusammen mit Wechselausstellungen in den von Joachim Sieber hergerichteten Räumen zu sehen sein, die insgesamt 1.700 Quadratmeter Ausstellungsfläche bieten.

Joachim Sieber Architekten, Sammlung Philara, Düsseldorf 2012 – 2017, Fotos: Stefan Müller

Der dreigeschossige Nordteil der über Eck liegenden Gebäudefolge hat auf der Hofseite eine fünfachsige Cortenstahl-Fassade als archaisch wirkende Bekleidung der anspruchslosen Ursprungsfassade bekommen. Der mit gebürstetem Stahl verkleidete, etwas niedrigere Eingang zu Foyer und Café liegt in der Ecke des L-förmigen Trakts, der auf der Südseite die ursprüngliche Ziegelfassade mit neuem ockerfarbigen und grünen Anstrichen behalten hat. In diesem Teil des Gebäudekomplexes sind die Wim-Wenders-Stiftung und weitere Kultur- und Kunstinstitutionen untergebracht.

Joachim Sieber Architekten, Sammlung Philara, Düsseldorf 2012 – 2017, Fotos: Stefan Müller

Im Zentrum der Raumfolge liegt die große T-förmige Lagerhalle mit einem funktionsfähigen Brückenkran. Sie dient als Foyer mit Kassen- und Informationstheke sowie Sitzgelegenheiten und als großer Ausstellungsraum, zugleich aber auch als Verteiler zu den weiteren Wechselausstellungs- und Sammlungsräumen, zum Café und einer nördlich gelegenen Flucht von Verwaltungsräumen. Der Raumeindruck wird bestimmt durch die Weite und Großzügigkeit der neun Meter hohen, basilikaartigen dreischiffigen Halle, durch weiß verputzte Wände, Betondecke und die sichtbar belassenen Konstruktionselemente des Stahlbeton-Skelettbaus, der Polykarbonat-Lichtbänder und der grün lackierten Kranbahnen. Im südöstlichen Winkel des Hallen-Ts ist im ringsum verglasten Raum der ehemaligen Schleiferei das Café untergebracht, das neben dem industriellen Charme seiner Materialien durch einen künstlerischen Eingriff von Andreas Schmitten, Leuchten von Nevin Aladag und ein erotisches Wandbild von Tobias Rehberger eine die Atmosphäre verstärkende Möblierung aus den Sixties einen Raum mit besonderem Charakter bildet. Dahinter liegt an den inzwischen teilweise überwucherten Gleisanlagen, an die die Großglaserei angeschlossen war, die ehemalige Laderampe, die dem Café als Terrasse dient.

Joachim Sieber Architekten, Sammlung Philara, Düsseldorf 2012 – 2017, Fotos: Stefan Müller

Im Westen der großen Ausstellungshalle finden sich Räume im Raum: Die New Yorker Künstler Jonah Freeman und Justin Lowe haben hier dauerhaft ein Ensemble von Räumen mit sinistren Funktionen installiert, das unter dem Titel „Artichoke Underground“ bis in das Untergeschoss der Halle führt. Die Halle wiederum erschließt westlich weitere, unterschiedlich formatierte Ausstellungsräume, die teilweise durch eine eingezogene Decke in Sequenzen von Kabinetten verwandelt werden, in denen sich auch kleinere Arbeiten oder temporäre, raumbezogene Installationen zeigen lassen. Im Westen führt eine Treppe ins Obergeschoss, das einerseits eine weitere Kabinettfolge erschließt, andererseits auf ein Flachdach führt, auf dem auf 600 Quadratmetern eine Freiluftebene für die Präsentation von Skulpturen entstanden ist. Ebenfalls im oberen Teil des abgetrennten Hallengeschosses liegt eine großzügige Wohnung mit Stipendiatenzimmern und Räumen des Sammlers: Dessen großzügiges Wohn- und Esszimmer mit Profi-Küche öffnet sich auf den Skulpturendachgarten und – mit einem inszenatorischen Fenster – in die Ausstellungshalle: Dieser kleine, aber wirkungsvolle und an dieser Stelle zeichenhafte Eingriff in den Bestand belegt, dass es der Architekt mit wenigen, aber gut gesetzten Mitteln verstanden hat, aus dem ungeordneten Bestand abbruchreifer Gebäude ein dem neuen Zweck angemessenes, räumlich erlebbares, atmosphärisch dichtes Ensemble zu machen, ohne den industriellen Charakter der Anlage unkenntlich zu machen.

Andreas Denk

Die Sammlung Philara erhielt bei der „Auszeichnung Guter Bauten“ des BDA Düsseldorf und beim Architekturpreis des BDA NRW jeweils eine Auszeichnung.

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