Kulisse und Substanz

Effizienz als Prinzip

Planungstools für klimagerechtes Bauen
von Angèle Tersluisen

Mit dem Jahresthema „Kulisse und Substanz“ nimmt der BDA sich 2019 verstärkt den drängenden Fragen rund um den Themencluster Ökologie und Verantwortung an. Dabei steht die Diskussion im Vordergrund, welche Maßnahmen uns substanziell dabei helfen können, die Effekte des Klimawandels zu gestalten, und welche Eingriffe, Postulate oder Moden nur Kulisse bleiben. Bereits von zehn Jahren haben zahlreiche Verbände – darunter auch der BDA – das Klimamanifest „Vernunft für die Welt“ verfasst und damit auch eine Selbstverpflichtung kundgetan, sich für eine Architektur und Ingenieurbaukunst einzusetzen, „deren besondere Qualität gleichermaßen durch funktionale, ästhetische und ökologische Aspekte bestimmt wird“. Auch der diesjährige BDA-Tag in Halle an der Saale wird sich am 25. Mai dem Thema annehmen und einmal mehr ein ökologisch-gesellschaftliches Umdenken anregen. Wir veröffentlichen an dieser Stelle Texte und Gespräche erneut, die seit der Publikation des Klimamanifests erschienen sind.

Der Blick in die Architekturgeschichte zeigt, dass die energetisch-ökologischen Entwurfs- und Planungsaspekte seit jeher einen elementaren Teil des Planens und Bauens ausmachten. Angèle Tersluisen zeigt auf, wie durch generationenübergreifende Erfahrungs- und Wissensvermittlung sich die Häuser im Spiegel des jeweils technisch und konstruktiv Möglichen über die Jahrhunderte hinweg zu zeitgemäß optimierten, autochthonen Haustypen entwickeln.

Der schonende Umgang mit den lokal zur Verfügung stehenden Ressourcen, das größtmögliche Einbeziehen der jeweiligen Behaglichkeits- und Hygieneanforderungen in die Architektur brachte eine funktionale Ehrlichkeit hervor, die Kenneth Frampton mit dem Begriff der Tektonik belegt: „Hängen (…) Struktur und Konstruktion eng miteinander zusammen (…), so scheint es, als erwachse das tektonische Vermögen des Ganzen aus der Eurhythmie der verschiedenen Teile und seiner Verbindungen.“(1) Und: „Das ganze tektonische Potential eines Bauwerks erwächst aus dessen Vermögen, die Poesis und Episteme seiner materiellen Substanz deutlich zum Ausdruck zu bringen.“(2) Die Tektonik formt eine klare architektonische Sprache, die in den autochthonen Haustypen, gleich welcher Klimazone, einen eigenen architektonischen Ausdruck erhielt. Die autochthonen Typen haben gemeinsam, dass die Hauptfunktionen und ökologisch-energetisch-funktional relevanten Hauptaspekte der Häuser direkt und klar ablesbar sind. Eine Art klimaadäquate Anmutung ist jenseits jeder sozial-regional geprägten Ästhetik erkenn- und nachweisbar.

Dem traditionellen Haus in kälteren, windigen Regionen zum Beispiel sieht man unweigerlich an, dass es die Bewohner vornehmlich vor Schnee, Kälte und Wind schützt. Große Dächer, je nach Bauort kräftige Stein- oder/und Holzkonstruktionen, muten erdend, wärmehaltend und beschützend an. Traditionelle Häuser in feucht-warmen Gebieten hingegen drücken eine Art von Leichtigkeit aus: die Vielzahl an temporär schließbaren Öffnungen mit feuchtebindenden Papierflächen, die großen, verschattenden Dachüberstände und Vorzonen, kühlende Wasserbecken, die vom Baugrund aufgeständerten Holzkonstruktionen vermitteln den Eindruck des Durchlüfteten, Kühlenden, Trocknenden und Schattenspendenden.

Ein autochthoner Haustyp, ca. 1712
Anhand des Niederdeutschen Hallenhauses kann die enge Verknüpfung von architektonischer Gestalt und energetisch-funktionaler Optimierung des Haustyps ausführlicher verdeutlicht werden.

Strukturanalyse des niederdeutschen Hallenhauses, Abb.: Tersluisen

Das ‚Niederdeutsche Hallenhaus‘, im Volksmund oft auch als ‚Fachhallenhaus‘ oder ‚Niedersachsenhaus‘ bezeichnet, erscheint als eigenständiger Haustyp erstmals gegen Ende des 16. Jahrhunderts(3). Der Typ ist in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen am meisten verbreitet. Das allgemeine Verbreitungsgebiet erstreckt sich von Amsterdam bis nach Ostpommern – es entspricht somit ziemlich exakt den durch den Golfstrom beeinflussten, milderen Klimagebieten der gemäßigten europäischen Klimazone. Klimatische Charakteristika dieses Gebiets sind die relativ milden Winter und die vergleichsweise kühlen Sommer – die Luftfeuchte ist nicht sonderlich relevant. Das ‚Niederdeutsche Hallenhaus‘ vereinte die Funktionen eines Gehöfts (Wohnräume, Stallungen und Speicher) unter einem großen Dach. In diesem „Einbau“(4) wurde gewohnt, gearbeitet und gelebt.

Nutzungsbezogene Zonierung
Die Zonierung des Haustyps war denkbar einfach: je an den Längsseiten der Halle waren die nach innen offenen Stallungen eingeschoben. Die Stallriegel fungierten als Pufferzonen zur Außenluft. Das Vieh diente im Winter als Wärmequelle, im Sommer stand es auf der Weide – die Stallungen konnten durchlüftet werden. Am Ende der Stallriegel gelegen waren die Schlafkammern angeordnet, die einerseits die Abwärme des Viehs und andererseits die Wärme des Feuers nutzten. Eine in diesen Kammern eingezogene Lehmdecke sorgte für zusätzlichen Schutz vor Auskühlung sowie als Feuchteregulant.

Struktur wachsendes Haus, Abb.: Tersluisen

Dynamische Wirkungsweisen
Der über der Stall-/Wohnebene angeordnete Heuboden deckte im Herbst, Winter und Frühjahr den Großteil der sonst dachhohen Halle ab. Dieser Speicherboden hatte den Effekt einer dynamischen Wärmedämmschicht, die im Herbst / Winter am dicksten und somit effektivsten war und bis zum späten Frühjahr durch Verfüttern an das Vieh gänzlich abgebaut wurde.

Konvektion / Durchlüftung / Kühlen
Die Halle des Hauses bot in den Zeiten ohne das gelagerte Heu und Stroh eine gute Thermik, so dass bei geöffneter großer Tür der Giebelseite (Groddör; 5) durch die im First gegenüber befindlichen Eulenlöcher (Uhlenlöcher; 6) die Luft durch die Halle ziehen konnte. Interne Wärme wurde abgeführt. Das dick gedeckte Strohdach schützte zusätzlich vor sommerlicher Erhitzung.

Probleme und Potentiale
Die solaren Energiegewinne waren im Niederdeutschen Hallenhaus minimal, da Sonnenenergie durch die zu dieser Zeit noch eingeschränkte Glas-Herstelltechnik hinsichtlich der herstellbaren Scheibengrößen und des mit Verglasung verbundenen winterlichen Wärmeverlusts bei Bewölkung nicht selbstverständlich nutzbar und vielleicht auch nicht einschätzbar war. Das Nutzen der vorhandenen Energien im Haus war stark ausgeprägt, jedoch eng an die Lebensweise gekoppelt (Tiere lebten im Winter im Wohnhaus / die Feuerstelle lag zunächst zentral im Haus / …). Dies erzeugte einige Abhängigkeiten. Das größte Problem jedoch sollten die relativ geringen Temperaturen im Winter und die Zugerscheinungen bei Durchlüftung im Sommer gewesen sein – die Thermik in der Halle kann man sich bei geöffneten Öffnungen sehr stark und dementsprechend unkomfortabel vorstellen.

Aus heutiger Sicht bemerkenswert sind jenseits aller wissensbedingten Probleme das Ausnutzen aller damals bekannten und nutzbaren Prozessenergien und der einzelnen dynamischen Funktionen (Nutzen der Tier-Abwärme und Nutzen des Heubodens als eine Art dynamischer Dämmung nur im Winter). Festzuhalten bleibt, dass die Ästhetik des Niederdeutschen Hallenhauses direkt aus seinen inneren Verknüpfungen heraus entstand.

Die Weiterentwicklung autochthoner Typen
Spätestens als Reaktion auf die Ölkrisen der siebziger Jahre erhielt der Begriff der Energieeffizienz Einzug in die Planung der Wohngebäude. Das Ziel, in Summe weniger Energie für das Wohnen zu benötigen, versuchte man schwerpunktmäßig auf zwei Weisen zu erreichen: einerseits durch Reduktion des Wärmeverlusts, andererseits durch Vergrößern des solaren Wärmegewinns. Auf der einen Seite entstanden stark gedämmte Gebäude, die mit der Zeit mehr und mehr auf technische Steuerung aufgrund der angestrebten Luftdichtheit setzten und Sonnenenergie meist indirekt für die Stromgewinnung nutzten. Häuser also, deren Äußeres, deren Ästhetik nicht unweigerlich ein Spiegel des Inneren und der Funktionen bedeutet.

Was muss ein Haus heute alles leisten?
Abb.: Tersluisen

Auf der anderen Seite begann man, die bekannten architektonischen Prinzipien der autochthonen Haustypen zunächst zusammenzutragen, später wissenschaftlich aufzuarbeiten, zu kategorisieren, dem bautechnischen Stand gemäß weiterzuentwickeln und schlussendlich räumlich umzusetzen. Dies formulierte eine Gegenthese zum sich langsam etablierenden gedämmten Haus. Da die direkte Wärmegewinnung aus Sonnenlicht, die in den autochthonen Haustypen vermutlich aus vornehmlich technischen Gründen bis dahin keine größere Rolle spielte, bei diesem Ansatz elementar an Bedeutung gewann, wurde neben dem Sammeln und Verteilen vor allem das Speichern und zeitverzögerte Freigeben der Sonnenenergie zum entscheidenden Thema.

Das Streitthema um den ‚Nutzen von Speichermasse‘ entwickelte sich zum Dreh- und Angelpunkt – vornehmlich in Süddeutschland und der Schweiz entstanden teils leidenschaftliche Streitschriften hierzu. Forschungsprojekte und Dissertationen mit unterschiedlichen Versuchsaufbauten und Gedankenmodellen waren die Folge, ein weitgehend ungeklärtes Pro und Contra blieb über die Jahre hinweg zurück.(7/8/9)

Im Laufe der Zeit entwickelten sich jenseits jeder Diskussion großzügiger verglaste, nach energetischen Gesichtspunkten zonierte Haustypen, die mit Hilfe von Pufferzonen, Schleusenräumen – generell mit Temperaturdifferenzierungen innerhalb der Häuser – versuchten, die solaren Wärmegewinne zu maximieren und die Verluste durch geschickte Raumzonierungen und, wenn nötig, zusätzlicher natürlicher Dämmung an den richtigen Stellen zu minimieren. Es entstand eine Art Ästhetik des Energiegewinnens, die dem energiegewinnenden und somit auf andere Art -effizienten Haus einen eigenen Ausdruck verlieh.

Ein experimenteller Haustyp, 1931
Ein sehr frühes Beispiel aus dem Jahr 1931 ist „Das wachsende Haus“ von Martin Wagner, das zunächst als Idee zum Thema des wachsenden Raums entwickelt wurde, jedoch ein ebenso eindringliches Beispiel für ein solares und komplex-ökologisches Haus darstellt.

Struktur der Elemente, Abb.: Tersluisen

Nutzungsbezogene Zonierung
Der Grundriss des Haustyps ist ähnlich einer Zwiebel aufgebaut. Der Kernraum, Haupt-Aufenthaltsraum und Zentrum des Hauses, ist umgeben von einer Schicht dienender und nutzungsneutraler Räume, die wiederum von einem Puffer- bzw. Zwischenraum, der sowohl Innen- als auch Außenraum ist, umfasst wird. Diese äußere Schicht des Hauses wird dreiseitig durch eine Glashaut gebildet, die einen Energieraum formt. Der Architekt beschreibt diese äußere Schicht als einen Raum, der „(…) nicht als Gewächshaus, sondern nur als Sonnen- und Wärmefang sowie Wind- und Schallschutz gedacht ist.“(10) Im Norden ist statt der äußeren Glasschicht ein geschlossener Raumriegel als thermische Pufferzone angeordnet.

Dynamische Wirkungsweisen
Die äußere Raumzone wirkt im Winter als Energieraum und als Pufferzone, im Sommer soll der Raum bei idealer Durchwindung ohne Wirkung bleiben oder gar zur Kühlung dienen – entsprechende Lüftungsklappen und Öffnungen sind vorgesehen.
Die dynamische Wirkung findet man nicht nur im Gesamtsystem, sondern auch in den Details der Konstruktion. „Konstruktiv verfolgt der Entwurf das Prinzip von Trag- und Füllwand in der Gestalt einer 10 cm starken, auf Nut und Feder zusammengesetzten Holzwand (…). Ein Zugband, das durch die senkrecht gestellten Stiele hindurchgeht und an den Enden der Wand mit Muttern verschraubt ist, behindert die Horizontaldehnung. Bei luftfeuchtem Wetter, also im Frühjahr, Winter und Herbst, schließen sich die Fugen automatisch. Die Wand hat also eine natürliche Anmutung erhalten.“(11) Der Entwurf ist von vielerlei derart einfachen, systembedingenden Details durchzogen.

Konvektion / Durchlüftung / Kühlung
Im Sommer besteht durch das Aufladen der äußeren energiegewinnenden Raumschicht die Gefahr der Überhitzung. Durch sich gegenüberliegende Lüftungsklappen, Fenster- und Türöffnungen wurde eine Mindestdurchlüftung erzielt, die tagsüber zum Durchwinden und Kühlen der Räume beitragen sollte. Die Nachtauskühlung sollte für den weitergehenden Temperaturausgleich sorgen. Ein besonderes Planungsdetail beschreibt Martin Wagner wie folgt: „Die Hausfrau findet unter dem Windfang einen stark ausnutzbaren kleinen Hauskeller, der leicht zugänglich ist. Daneben soll sie aber für mehrmals gebrauchte Konsumgüter (…) eine Art „versenkbare Speisekammer“ erhalten, die in der Form eines Handaufzuges konstruiert ist und sich in einen kleinen entlüftbaren Kühlkeller hinabsenken lässt“(12).

Probleme und Potentiale
Der Entwurf des wachsenden Hauses vereint – vom Detail bis zum Gesamtsystem – Planungsaspekte zu einem Ganzen: das Energiesammeln durch Anordnen einer Energie-Raumschicht im Osten, Süden und Westen verbunden mit dem Reduzieren der Energieverluste durch temperatur-abgestufte Zonierung und durch Ausformen von Schleusen- und Pufferräumen, dem Entladen durch Durchlüftung und Nachtauskühlung und dem selbstverständlichen Nutzen der Erdkühle. Das Projekt zeigt anschaulich die Verknüpfung möglicher Einzelstrategien und deren Zwangsläufigkeit, doch das dem Energiesammeln immanente Problem der Überhitzung im Sommer und die Frage nach dem Energiespeichern und zeitverzögertem Nutzen wird eine Hauptfrage gewesen sein.

Aktuelle Forschung
Die aktuellen Forschungsprojekte setzen an diesen Fragen an. Die Zusammenhänge möglicher Einzelstrategien, deren Effektivität hinsichtlich der Problempunkte ‚Überhitzung im Sommer‘, ‚Auskühlen im Winter‘ und ‚Energiespeichern‘, werden auf verschiedene Weisen untersucht.

Strukturprinzipien von Energieraum und Energieschicht (links) und Beziehung von Raum und Energieraum – Proportion von Speichermasse und Luftvolumen (rechts), Abb.: Tersluisen

Zu Beginn einer solchen Untersuchung steht immer die Frage: Was muss ein Haus heute leisten? Im Vordergrund des wissenschaftlichen Interesses steht hierbei das direkte Nutzen der Sonnenenergie. Eine heutige Anforderung an ein Haus ist daher zunächst das Sammeln von Energie. Das zur Verfügung stehende Sonnenlicht sollte direkt in Wärme umgewandelt, verteilt und wenn nicht sofort genutzt, gespeichert und gehalten werden können, um einen möglichst hohen Ausnutzungsgrad zu erzielen. Das Schützen vor Energieverlust, das allgemein als ‚Dämmen‘ bezeichnet wird, beziehungsweise die Wirkung, den Energieverlust zu reduzieren, ist also eng damit verbunden. Ebenso wichtig ist zudem die Fähigkeit des Entladens, des Entledigens überschüssiger Wärmeenergie – einfacher gesagt: des Auskühlens. Dies sind zunächst einmal alle Anforderungen.

Interessant ist, dass bei einem solchen Ansatz offensichtlich konträre Eigenschaften in einem Gesamtsystem vereint werden müssen. Konträre Fähigkeiten wie das Energie-Sammeln (im Winter) und Entladen (im Sommer) müssen so gekoppelt werden, dass je nach äußerer Bedingung ein sowohl, als auch möglich ist. Ein zeitnahes Reagieren der Systeme innerhalb des Tages- und weitergehend des Jahreszyklus ist die entscheidende Voraussetzung. Dies macht schlussendlich das Entwickeln mehrschichtiger und hochgradig dynamisch wirkender Raumstrukturen, Aufbauten und Details erforderlich – sowohl Detail als auch Gesamtsystem bedürfen dieser Mehrschichtigkeit und räumlichen Tiefe, um auf möglichst einfache Weise ein dynamisches Verhalten gewährleisten zu können.

Zur Veranschaulichung: Vergleicht man einen energetisch dynamisch wirkenden Luftkollektor mit einer entsprechenden Raumzonierung, werden die strukturellen Parallelen in Aufbau und Wirkung von Detail (Kollektor) und System (Raumstruktur) deutlich: Ein Luftkollektor wandelt durch seine äußere Schicht die Energie des Sonnenlichts in Wärmeenergie um (sammelnde Schicht). Die Wärmeenergie wird durch die angrenzende Luftschicht, die gleichzeitig als dämmende Schicht wirken kann, weitergeleitet (verteilende Schicht) und entweder an die Speichermasse weitergegeben (speichernde Schicht) oder im Sommer durch Durchlüftung abgeleitet. Raumseits verteilt die Raumluft die Energie weiter.

Ein energetisch dynamisch wirkendes Raumsystem funktioniert ähnlich, wenn auch in einem größeren Maßstab. Eine sammelnde Schicht grenzt an einen verteilenden Luftraum (vergleichbar mit einem energetisch aktiven Wintergarten) an, dieser ist begrenzt durch speichernde Raumumfassungen, die die Energie zeitverzögert an die Raumluft abgeben. Im Sommer gewährleistet eine entsprechende Thermik Schutz vor Überhitzung (ggf. in Kombination mit Verschattungssystemen).

In einem aktuellen Forschungsprojekt untersuchen wir momentan einfache Raumstrukturen, in denen Energieschicht, Energieraum und Speichermassen unterschiedliche Proportionen aufweisen und verschiedene Beziehungen miteinander eingehen. Mit Hilfe von energetisch-dynamischen Simulationen(13) werden die Energieströme abgebildet und bemessen. Als abgeleitetes Ergebnis erwarten wir Parameter, die helfen, Zonierungsstrategien zur energetischen Optimierung von Gebäuden zu entwickeln. In einem weiteren Schritt werden aktuell erprobte passive Einzelstrategien in Beziehung gesetzt und in deren Kopplungseffektivität untereinander und im Bezug zur Raumstruktur bewertet.

Struktur der Elemente, Abb.: Tersluisen

Zu den untersuchten Strategien gehören unter anderem das Einbeziehen von Geothermie in verschiedenen Formen, von Bauteilaktivierung, des (aus der Antike bereits bekannten und abgeleiteten) Hypokaustenprinzips, von Wasserkollektoren zur Warmwassergewinnung, von Wasserflächen zur Erhöhung der Energieausbeute in Folge von Reflexion und von Wasser zur Kühlung (adiabate Kühlung).

Die entscheidende Erkenntnis entspringt allerdings nicht dem Erforschen und Kennenlernen der Einzelstrategie oder besser des energetisch relevanten Werkzeugs (die meisten Einzelwerkzeuge sind bereits als ‚Bauteil‘ vorwiegend an den Fachbereichen des Bauingenieurwesens untersucht und dargestellt worden). Vielmehr geht es uns Architekten auf dieser Basis aufbauend um das Verstehen der sinnvollen Ausrichtung der Werkzeuge, um deren effektive Kombination und Zonierung, um Proportionen und schlussendlich die effektive Verknüpfung zu einem Ganzen.

Ein experimenteller Haustyp, 2005
Das ‚Patchworkhaus‘ der Freiburger Architekten Pfeifer Roser Kuhn veranschaulicht die komplexen Zusammenhänge der beschriebenen theoretischen Forschungsaspekte in der Praxis.

Nutzungsbezogene Zonierung
Das von den Architekten als ‚Patchworkhaus‘ bezeichnete Wohngebäude ist kein klassisches Doppelhaus, obwohl es zwei separate Familien-Parteien beherbergt und deren individuelle Wohnbereiche räumlich definiert. Die Wohnzonen drehen sich in einer Art Spiralbewegung um einen dreigeschossigen Luftraum. Die Verwandtschaft der Nutzer ermöglicht die Erschließung über diesen zentralen und offenen Raum. Im Erdgeschoss trennt der Luftraum die beiden ost- bzw. west-orientierten Wohnbereiche, im ersten Obergeschoss liegen sich orthogonal verdreht die nord- bzw. süd-orientierten Bad- und Individualzonen gegenüber. Im zweiten Obergeschoss wechseln die Räume der Bewohner wieder von Nord nach Süd und andersherum. Beiden Parteien stehen dadurch Räume aller Himmelsrichtungen zur Verfügung.

pfeifer roser kuhn architekten, patchworkhaus, Müllheim 2005, Abb.: Tersluisen

Dynamische Wirkungsweisen
Energetisch betrachtet gliedert sich das Haus in drei relevante Elemente: Die speichernde und schützende Masse, den energieverteilenden und -entladenden Luftraum und die energiegewinnende und schützende Hülle. Das Haus ist mit den Flächen des Satteldachs ost-/west ausgerichtet, die Traufwände und Dachschrägen sind mit einer Hülle aus Polycarbonat-Mehrfachstegplatten überzogen. Diese Hülle ermöglicht einen großen Energiegewinn durch direktes Umwandeln von Licht in Wärme, gleichzeitig ist die Hülle durch den mehrschichtigen Aufbau in der Lage, eine Dämmwirkung zu erzielen und das Haus gegen Wärmeverlust zu schützen. Die Luft des sich mit der Raum-Masse verschränkenden Luftraums transportiert und verteilt die Wärme. Im Winter unterstützt ein Ventilator im Dachspitz den Transport der warmen Luft. Er drückt die sich unter dem Dach sammelnde warme Luft durch den Kamin in das Erdgeschoss, wo sie verteilt wird. Eine Fernwärmeheizung, die als Bauteilaktivierung die Betondecken wärmt, ergänzt das System. Im Sommer geben die Klappen an First und Traufe in Kombination mit den Türen des Erdgeschosses die Möglichkeit der ständigen und temporären Durchlüftung. Über die Firstklappen wird die Nachtauskühlung geregelt. Die Luftkollektoren entlüften und entladen auf gleiche Weise.

Ein erstes Monitoring zeigte, dass im Jahr 2007 ein Jahresheizwärmebedarf von 32 kW/m2a bestand, was für ein Gebäude ohne nennenswerte technische Unterstützung, ohne klassische Dämmstoffe und mit vergleichsweise hohen Transmissionswärmeverlusten, ein gutes Resultat ist (vgl. Passivhaus: 15 kW/m2a). Wärmerückgewinnung könnte die Werte weiter verbessern. Probleme hinsichtlich der Überhitzung im Sommer sind nicht bekannt.

Projekte wie diese zeigen, dass es lohnt, die Verknüpfungen passiver Strategien zu untersuchen und weiter zu präzisieren – eine neue Ästhetik mit alten Wurzeln könnte die Zukunft gestalten. „In der Architektur größeren Wert auf das Tektonische zu legen, ist eine Taktik, durch die die Widerstandskraft gegen ihre weitere Auflösung mittels einer Maximierung von Technologie erhöht wird.“(13)

Anmerkungen
1 Frampton, Kenneth; Hrsg. von Cava, John M.: Grundlagen der Architektur : Studien zur Kultur des Tektonischen. München: Oktagon-Verl., 1993, S. 23
2 ebd., S. 31
3 vgl. Johannsen, Carl Ingwer: Das niederdeutsche Hallenhaus und seine Nebengebäude im Landkreis Lüchow-Dannenberg: eine baugeschichtliche Untersuchung zur Erfassung der von 1600 bis 1900 entwickelten Formen und Konstruktionen der Wohn und Wirtschaftsgebäude. Braunschweig: Techn. Univ., Fak. f. Bauwesen, Diss., 1974, S. 9
4 ebd., S. 21
5 Lindner, Werner: Das Niedersächsische Bauernhaus in Deutschland und Holland. Hannover: Ernst Seibel, 1912, S. 11
6 Johannsen, S. 44
7 vgl. Schwarz, Bernhard: Experimentelle Untersuchungen über den Einfluss der Gebäudespeichermasse auf den Heizwärmeverbrauch. Stuttgart: Fraunhofer IRB Verlag, 1982
8 vgl. Sommer, Klaus E.: Einfluss der Wärmespeicherfähigkeit von Wohngebäuden auf die Jahresheizenergie. Dissertation; Berlin: TU Berlin, 1991
9 vgl. Holz, D.; Künzel, H.: Einfluss der Wärmespeicherfähigkeit von Bauteilen auf die Raumlufttemperatur im Sommer und Winter auf den Heizenergieverbrauch. In: Ges. Ing. 101 (1980), S.50
10 Wagner, Martin: Das wachsende Haus. Berlin: Deutsches Verlagshaus Bong & Co, 1932, S. 144
11 ebd., S.144
12 ebd., S. 144
13 Frampton, Kenneth, S. 26

Jun. Prof. Dr.-Ing. Angèle Tersluisen (*1977) studierte im Anschluss an die Bauzeichnerlehre Architektur an der TU Darmstadt und an der ETH Zürich. Sie war Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Architektur der TU Darmstadt, wo sie auch promoviert wurde. Seit 2010 leitet sie das Fachgebiet Hauskybernetik im Fachbereich Architektur der TU Kaiserslautern. Angèle Tersluisen ist Energieberaterin für Wohngebäude im Bestand (TU Darmstadt) und DGNB Consultant, sie entwickelt kybernetische Energiekonzepte für Gebäudesanierungen und Neubauvorhaben.

Dieser Text wurde zum ersten Mal publiziert in der architekt 3/09 zum Thema Ästhetik und Ökologie. Aufbruch in eine klimatische Moderne.

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