Susanne Hauser

Entwerfen

Zu den Grenzen der Verwissenschaftlichung

Dass die Architektur oder das Entwerfen derzeit verwissenschaftlicht werden, glaube ich nicht. Doch die Beziehung von Architektur und Entwurf, Wissen und Wissenschaft wird intensiv diskutiert – Grund genug, sich mit dieser Diskussion zu befassen. Für ihre Entstehung sehe ich zwei Gründe: Der erste liegt schon seit geraumer Zeit in einer Verschiebung und Regulierung akademischer Anerkennungsverfahren – der zweite liegt in dem Interesse an den Verfahren und Potentialen des Entwerfens, in denen die Architektur Paradigma und Gegenstand kulturwissenschaftlicher Forschung wird.

Institutionen
Als vor etwa 15 Jahren die Frage gestellt wurde, worin sich die Architektur als forschende Wissenschaft erweist, begann eine Diskussion, die der Architektur zunächst einmal fremd war. Weder die Entwicklungslogik der akademisch etablierten Disziplin noch die architektonische Praxis erforderten eine Antwort auf diese Frage. Im Zentrum der damaligen wie heutigen Architekturentwicklung und -ausbildung stand und steht der Entwurf, damit die Konzipierung und Entwicklung komplexer und innovativer Projekte. Die Frage der Einordnung dieser Praxis in wissenschaftliche Zusammenhänge, gar die Frage, ob Architektur als eine forschende und/oder wissenschaftliche Disziplin zu gelten habe, stellte sich für die Theorie, die Geschichte, die Praxis der Architektur zu dem Zeitpunkt weder aktuell noch prinzipiell.

Dennoch war die Frage nicht unwichtig, denn die Antworten waren folgenreich. Mit der Etablierung eines Wettbewerbs um Forschungsgelder, der mit Rankings, Belohnungs- und Sanktionssystemen flankiert war und ist, ging für alle akademischen Disziplinen ein Definitions- und Explikationszwang einher. Denn Forschungsgelder, die für wissenschaftliche Projekte vergeben werden, verlangen Empfänger, die sich als forschend, wissenschaftlich tätig und qualifiziert erweisen und darstellen müssen.

Lässt sich Entwurf als Wissenschaft betreiben? Peter Zumthor, Therme Vals, Vals 1993 – 1996, Foto: Mariano Mantel (via flickr.com / CC BY-NC 2.0

Lässt sich Entwurf als Wissenschaft betreiben? Peter Zumthor, Therme Vals, Vals 1993 – 1996, Foto: Mariano Mantel (via flickr.com / CC BY-NC 2.0

Bis heute ist es für die meisten Lehrstühle der Architekturfakultäten nicht leicht, an Forschungsmittel zu kommen, es sei denn, sie untersuchen neue Materialien, arbeiten an Automatisierungsprozessen oder konzipieren energiesparende Maßnahmen. Forschung, die technische Innovation verspricht, wird derzeit großzügig unterstützt. In geringerem Maße fördern Drittmittel auch die Untersuchung innovativer Beteiligungsverfahren, Forschungen zur Baugeschichte konkreter Orte und Objekte oder zu ästhetischen Praxen. Als unbezweifelt wissenschaftlich gelten nach wie vor die nicht zentralen Fächer der Architekturausbildung, von Kulturwissenschaft bis Bauingenieurwesen. Vorhaben, in deren Zentrum ein Entwurf steht, nehmen diese Hürde für gewöhnlich nicht.
Die Architektur und insbesondere die für ihr Selbstverständnis zentrale Tätigkeit des Entwerfens entsprechen nicht selbstverständlich den Forderungen, die derzeit an Forschung und Wissenschaft gestellt werden, weshalb es sich lohnt, den Besonderheiten der Architektur als Disziplin und Praxis Aufmerksamkeit zu schenken. Diese Besonderheiten lassen sich an vielerlei Aspekten aufzeigen.(1)

Hier soll der Verweis auf die diversen institutionellen Einbindungen der Architekturausbildung den Punkt illustrieren. Denn es gibt Architekturausbildungen an Institutionen mit sehr unterschiedlichen Traditionen und Selbstverständnissen: In Deutschland ist Architektur an Technischen Universitäten und Hochschulen, an Fachhochschulen, an Kunsthochschulen und -universitäten sowie an Kunstakademien etabliert, allerdings nicht an Universitäten. Außerhalb Deutschlands sieht das Bild anders, doch auch variantenreich aus: In den USA etwa ist die Architektur auch an Elite-universitäten vertreten, darunter in Yale, an der Columbia University oder in der Harvard Graduate School of Design, die der Harvard University zugehört; in Frankreich ist Architektur an mit Fachhochschulen vergleichbaren Institutionen verankert, die Repräsentanz an den wissenschaftlich ausgerichteten Eliteschulen des Landes ist ihr verwehrt.

Schon in Bezug auf die Institutionen, an denen Architektur gelehrt wird, ist sie als Sonderfall zu betrachten; selbst in den Institutionen, die sie beherbergen, fällt sie auf. In Technischen Universitäten wirkt sie gelegentlich irritierend künstlerisch, in Kunsthochschulen wird sie als bemerkenswert alltagsnah und nützlich wahrgenommen. Die heutigen Einbindungen aber reflektieren oftmals die Anfänge, aus denen sich der jetzige Stand der Ausbildung entfaltet hat, die Entwicklung aus Bauakademien und Baugewerbeschulen, aus einzelnen künstlerischen Lehrstühlen, aus kunsthistorischen Traditionen, aus ingenieurtechnischen wie -wissenschaftlichen Kontexten.

Raumerlebnis als Ergebnis von Bauchgefühl? Auguste Perret, Kirche St. Joseph, Le Havre 1951 – 1957, Foto: Andreas Denk

Raumerlebnis als Ergebnis von Bauchgefühl? Auguste Perret, Kirche St. Joseph, Le Havre 1951 – 1957, Foto: Andreas Denk

Bemerkenswert ist, dass die meisten Architekturausbildungen, mit unterschiedlichen Gewichtungen, heute noch den gesamten Umriss dieser Bezüge reflektieren, wenn auch in aktualisierten Formen und ergänzt um weitere Themen. Genau diese Vielfalt von Bezügen und Anknüpfungspunkten ist für die Architektur essentiell und charakteristisch. Denn ihre Entwürfe konzipieren in komplexer Weise die raum-zeitlichen Bedingungen künftiger Situationen. Das verlangt die Berücksichtigung unter anderem konstruktiver, technischer und künstlerischer, sozialer und alltagspraktischer Aspekte und damit eine generalistische Haltung. Die Spezialisierung der Architektur liegt schließlich in der innovativen Synthese dieser unterschiedlichsten Aspekte und den damit verbundenen Wissensformen.

Entwurfsforschung
Es sind gerade diese vielen Aspekte und die „Kunst“ ihrer innovativen und kreativen Integration, die das wissenschaftliche Interesse am Entwerfen wecken. Das bestärkt den Verdacht, es könne an dessen Verwissenschaftlichung gearbeitet werden. Das kann man in der Tat so sehen, denn Entmystifizierung und Aufklärung von entwerferischen Prozessen könnten beispielsweise einer Operationalisierung der Verfahren dienen. Wenn es gelänge, diese zu identifizieren, zu verallgemeinern und schlicht anwendbar zu machen, wäre das für die Lösung komplexer und schwach definierter Probleme vielfältiger Art von Bedeutung. Doch dieses Ziel scheint, so werde ich im nächsten Abschnitt argumentieren, eher fern zu sein – und das Entwerfen eine sehr eigene Gestalt unter den Wegen zu innovativem „Wissen“. Die Aufklärungsabsicht ist Grund genug, das Entwerfen als besonderen Typus der Generierung von neuem Wissen in den forschenden Blick zu nehmen.

Prozess, Art und Ergebnis des Entwerfens sind derzeit Gegenstände der Untersuchung durch Wissen(schafts)theorie und -geschichte, mehrere Kulturwissenschaften, durch Philosophie und Designtheorie. Ihr Interesse steht im Kontext einer generellen Befragung des „Wissens“, unter anderem der Wissenschaften, der Künste und des Handwerks. Dazu gehört auch die Untersuchung des explizierbaren, expliziten wie impliziten „Wissens“, seiner Formen, ihrer Entwicklung und Vermittlung, in Bezug auf die Architektur durchaus mit der Absicht, hier einen eigenen Weg der Erzeugung von Wissen zu begreifen.(2)

Auch Teile der akademisch etablierten und sehr vielstimmigen Architektur beforschen derzeit das Entwerfen auf wissenschaftlichen, zumindest aber rationalistisch geprägten Wegen. Das wiederkehrende Interesse an Rationalisierung in der Architektur ging oft mit dem Bemühen einher, den Anschluss der Architektur an den aktuellen technologischen Stand und, damit oft verbunden, an den darin reflektierten wissenschaftstheoretischen Stand zu definieren.

Auffallende Anstrengungen dieser Art gab es in den 1920er Jahren, als Standardisierung ein wichtiges Thema war; weitere in den 1960er Jahren, als die Entwicklung des Computers, verbunden mit kybernetischen und systemtheoretischen Ansätzen, die definitive Verwissenschaftlichung des Entwerfens erwarten ließen. Bemühungen um Rationalisierung und Automatisierung des Entwurfsprozesses stehen heute im Kontext parametrischen Entwerfens, das einen zentralen Punkt der Entwicklung von Entwürfen berührt, indem es die Fähigkeit zur Darstellung, Abschätzung und Beherrschung der Abhängigkeiten an Algorithmen delegiert. Insofern sind die Formulierung von Parametern und die Definitionen ihrer Verknüpfungen Stellen, an denen heute über das Entwerfen, seinen Zusammenhang mit industriellen Produktionen und normierenden Prozessen und damit über Möglichkeiten der zeitgenössischen Architektur reflektiert und entschieden wird. Auch im Kontext dieser Entwicklung ist das aktuelle Interesse an der Untersuchung des Entwerfens zu sehen.

Raumerlebnis als Ergebnis von Bauchgefühl? Le Corbusier, Villa Savoye, Poissy 1929 – 1931, Foto: Victor Tsu (via flickr.com / CC BY-NC 2.0)

Raumerlebnis als Ergebnis von Bauchgefühl?
Le Corbusier, Villa Savoye, Poissy 1929 – 1931, Foto: Victor Tsu (via flickr.com / CC BY-NC 2.0)

Kriterien
Auffallend ist der Aspektreichtum des Entwerfens ebenso wie seine Nähe und Ferne zu anderen Formen der Innovation, zu Erfindungen, Entwicklungen und zu wissenschaftlichen Forschungsstrategien. Festzuhalten ist, dass einige Verfahren, mit denen Entwürfe entstanden sind und entstehen, Parallelen zu Verfahren zur Gewinnung von wissenschaftlichen Erkenntnissen aufweisen. Dazu gehören Experimente unter kontrollierten Bedingungen, die von Ästhetik bis Konstruktion unterschiedliche Aspekte betreffen können; die Vereinfachung von Problemen durch ihre Abstraktion in Modellkonstruktionen; Analogbildungen und ihre Untersuchung; die Aufstellung von Zweck-Mittel-Relationen, die Zerlegung eines Gesamtproblems und die Definition von Teilfragen, die einzeln abzuarbeiten sind; die Abgleichung mit bisherigen Lösungen ähnlicher Fragen; das Spiel mit Übersetzungen in unterschiedliche Medien der Darstellung.

Es ist auch evident, dass wohldefinierte Symbolismen und Notationen sowie Verfahren der Zeichnung existieren, die insgesamt eine etablierte Grundlage der Kommunikation bieten.
Doch reichen die Parallelen wenig darüber hinaus, denn Entwurfsprozesse unterscheiden sich von als solchen anerkannten wissenschaftlichen Untersuchungen unter anderem im Hinblick auf ihre Ziele: Das Ziel eines Entwurfs ist nicht Erkenntnis, die den Kriterien empirisch arbeitender oder interpretierender Wissenschaften, natur- oder kulturwissenschaftlichen Maßstäben der Erkenntnisgewinnung entsprechen würde, sondern ein singuläres Ergebnis, ein einzelnes Konzept oder Produkt im Sinne eines Prototyps. Das hat theoretische und methodische Konsequenzen für den Prozess der besonderen Wissensgenerierung, die ein Entwurf darstellt, denn keine Methode, keine Artikulation muss in ihrer Durchführung an einem anderen Maß gemessen werden als an dem Ziel des Entwurfs.

Weitere Unterschiede liegen im Verhältnis zu Idiosynkrasien und weiteren Spuren von Individualität. In architektonischen Entwürfen sind sie nicht unüblich, während Forschung und Wissenschaft sie aus ihren Ergebnissen zu verbannen suchen, indem deren Verallgemeinerbarkeit gezeigt wird oder aber eine Rechtfertigung in einer mittels Argumenten geführten und auf Transparenz zielenden Debatte stattfindet. In Grenzen haben auch Entwürfe verallgemeinerbare und / oder mit Argumenten zu belegende Ergebnisse. Doch weder Verallgemeinerbarkeit noch Wiederholbarkeit oder Transparenz sind die wichtigsten Kriterien, an denen ein „guter“ Entwurf gemessen wird. Abgesehen von vielfältigen Kriterien der Nützlichkeit sind gestalterische und ästhetische Momente zentral. Damit kommen Vermögen in das Spiel des Entwerfens, die für wissenschaftliche Forschung zwar nicht überflüssig, aber keinesfalls entscheidend sind: gestalterische Fähigkeiten und durch breite Bildung erworbener Geschmack, ausgebildete Haltungen zu bestimmten Aufgaben und jene Art verdichteter Erfahrung, die als Intuition gefasst werden kann. Diese von Individuen oder Gruppen in Entwürfe eingebrachten Momente sind nicht vollständig explizierbar, auch wenn sie einer Kritik unterliegen können und sollten.

Verwissenschaftlichung?
Kann es also überhaupt um eine Verwissenschaftlichung des Entwerfens gehen? Das wird nur um den Preis gelingen, dass dieser faszinierenden Form der Erzeugung von neuen Ideen, guten Lösungen und interessanten Fragen der Bezug auf Singularität, Individualität und potenziell offene Zukünfte ausgetrieben wird. Daher schlage ich andere Fragen vor: Welchen Platz soll das Entwerfen in der Architektur – und im Bauen – haben? Welchen Platz kann und soll die Architektur in Institutionen der Wissensvermittlung einnehmen? Wieweit tragen die institutionellen Traditionen? Brauchen wir nach wie vor die akademische Disziplin Architektur, die als letzte einen generalistischen Zugriff auf Situationen professionell artikuliert und lehrt? Und wie könnte eine Förderung der Kulturtechnik Entwerfen aussehen?

Anmerkungen
1 Siehe dazu beispielsweise meinen Artikel „Architektur als Forschung?“ in der architekt 1/09; in Teilen wiederhole ich mich hier, bin jedoch mittlerweile skeptischer in Bezug auf die Entwicklung, Behauptung und Anerkennung einer eigenständigen architektonischen Forschung.
2 Siehe die von Sabine Ammon und Eva Maria Froschauer herausgegebene Sammlung Wissenschaft Entwerfen. Vom forschenden Entwerfen zur Entwurfsforschung der Architektur, München 2013.

Prof. Dr. Susanne Hauser lehrt seit 2005 Kunst- und Kulturgeschichte im Studien-gang Architektur der Universität der Künste Berlin. Buchveröffentlichungen u.a.: Kulturtechnik Entwerfen (koed. mit Daniel Gethmann 2009); Architekturwissen. Grundlagentexte aus den Kulturwissenschaften, 2 Bde. (koed. mit Christa Kamleithner und Roland Meyer 2011/2013); Architektur in transdisziplinärer Perspektive (koed. mit Julia Weber 2015).

Fotos: Andreas Denk/Mariano Mantel und Victor Tsu (beide via flickr.com/CC BY-NC 2.0)

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