tatort

Gänzlich asymetrisch

Wieder fahnden wir nach einem Bauwerk, das eine besondere Rolle in der Architekturgeschichte spielt oder gespielt hat – sei es durch eine besondere Eigenschaft, eine ungewöhnliche Geschichte oder eine spezifische Merkwürdigkeit. Wir möchten dessen Bezeichnung und den Namen seines Architekten wissen. Unter den Einsendern der richtigen Lösung verlosen wir ein Buch. Die Lösungsvorschläge können Sie per Post, Fax und e-Mail an die Redaktion senden (tatort@derarchitektbda.de).

Der Tatort liegt im Norden Deutschlands. Der Bildhauer, der das gesuchte Bauwerk entworfen hat, gehört gewissermaßen zur zweiten Generation, die den Charakter des Ortes als kreative Kolonie geprägt haben. Bis heute gilt die Architektur des Mannes, der hier sowie in einer benachbarten Großstadt und im Harz bauen konnte, als expressionistische Kuriosität, deren pittoreske Ausformung bis heute zahlreiche Touristen anzieht. Der Künstler hatte mit dem gänzlich asymmetrischen Bau seines eigenen Wohnhauses einen neuen Stil angezettelt, der sich aus der zeichenhaften Überspitzung der konstruktiven Elemente des niederdeutschen Hallenhauses speiste. Auch der Eindruck des Murnau-Klassikers „Der Golem – oder wie er in die Welt kam“, den Hans Poelzig ausstattete, dürfte auf den Künstler nachhaltigen Eindruck gemacht haben.

Von einem einflussreichen Fabrikanten koffeinfreien Kaffees erhielt der in Dortmund-Hörde gebürtige Mann nach seinem verheißungsvollen Hausbau weitere Aufträge, die ihm für kurze Zeit einiges Geld in die Hände spielte. Neben der Begeisterung für die erdige Kultur des Torf- und Weidelands, in dem die hauptsächliche Wirkungsstätte des merkwürdigen Meisters lag, beflügelte ihn die völkische Kulturlehre von Herman Wirth, deren Grundlage der Glaube an eine von einem Großkontinent Atlantis ausgehende gemeinsame Urkultur in Nordeuropa und Amerika war und den er mit seinem Mäzen teilte.

Die skulptural aufgefassten Elemente des norddeutschen Bauernhauses und des indianischen Zelts in Kombination mit totemistischen Zeichen und Figuren, die der Edda oder dem nordamerikanischen Sagenkreis entsprungen sein könnten, sind auch grundlegend für die Gestalt des gesuchten „Tatorts“, der noch heute als Café fungiert – im Zusammenhang mit einem benachbarten Ausstellungsgebäude, das ebenfalls vom Meister stammt und eine andere Formsprache spricht. Beide Häuser entstanden auf Veranlassung des germanisch-völkisch gesinnten Kaffeeproduzenten als Verkaufsgalerie und Versammlungsort für die Künstlerschaft des Ortes. 2003 wurde das gesuchte Gebäude grundlegend restauriert, wobei am „Tatort“ zahlreiche verloren gegangene Details rekonstruiert wurden.
Andreas Denk

Der „Tatort“ der letzten Ausgabe war das Wohnhaus am Wylerberg bei Beek, das Otto Bartning 1921 für die Düsseldorfer Fabrikantentochter und Kunstsammlerin Marie Schuster entwarf. Der Gewinner des Buches ist Dieter Ufrecht aus Pulheim.

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