Muzharul Islam

Botschafter der Moderne

Am 15. Juli ist Bangladeschs „erster Architekt“ mit 89 Jahren gestorben. Der an der AA London und an der Yale University ausgebildete Muzharul Islam war ein Botschafter der klassischen Moderne in seinem Land, gar im gesamten indischen Subkontinent. Die Suche nach einer „Bengalischen Moderne“ führte ihn weit über das bloße Wiederholen westlicher Modelle hinaus. Seine Gebäude, die sowohl den klimatischen als auch den topografischen Eigenarten der Heimat Rechnung trugen, zählen zu den international anerkannten Bauwerken einer modernen „Weltarchitektur“. Elisa T. Bertuzzo aus dem Team des Habitat Forums Berlin erinnert an ihn.

Es dämmert. Wie oft, seitdem ich in Dhaka so etwas wie „Lieblingsplätze“ habe, suche ich mir eine freie Ecke auf dem flachen Dach des Fine Arts Institute. Studentinnen und Studenten sitzen in kleinen Gruppen, spielen Gitarre oder scherzen miteinander. Heute wie beim ersten Mal bewundere ich die beiden perfekten Ellipsen, die den Unterrichtsraum im Erdgeschoss einschreiben, und die tropische Fülle der Bäume im Garten. Freunde erzählten mir, der Architekt habe selbst im damals an Vegetation noch üppigen Dhaka keinen einzigen Baum fällen wollen… Auch danach hätte ich Muzharul Islam, den Architekten dieses beliebten Treffpunkts im Herzen des Universitätsviertels fragen sollen – nach seinem Verständnis der Architektur als Vorbild, als etwas, das Zeichen setzen sollte: Zeichen nicht nur baulicher, sondern vielmehr gesellschaftlicher Tragweite. Interpretierte er damit einfach den Geist der klassischen Moderne? Oder schrieb er der Architektur diese besonders idealistische Rolle angesichts ihrer „Neuheit“ in seinem Land zu (bis in die 1950er Jahre hinein praktizierte kein formal ausgebildeter Architekt in Pakistan, wozu Bangladesch bis zur Unabhängigkeit 1971 gehörte)? In seinen Antworten hätten sich die mit nationaler Identitätsbildung vor dem Hintergrund kolonialer Vergangenheit verbundenen Fragen nach eigenen Formen – wie sie vor allem im indischen und brasilianischen Kontext geführt wurden – sicherlich mit landschaftlichen Argumentationen verflochten. Die Beziehung zwischen Innen und Außen, die im tropisch-feuchten Bangladesch besonders fließend ist; die nicht scharf konturierte Wasser- und Lehmlandschaft, die eine Architektur der „soft edges“ inspiriert: Der international anerkannte Architekt stellte diese Motive immer in den Vordergrund.

Als ich Muzharul Islam 2007 besuchte – er lamentierte damals lächelnd, sich fast entschuldigend, dass er mittlerweile in einer Wohnung wohnen musste, die jemand anders entworfen hatte (das Wohnhaus trug die Signatur der Immobilienindustrie und ich ahnte, wie sehr ihn dies betrübte) –, konzentrierten sich unsere Gespräche eher auf Einzelprojekte vergangener Jahre: auf Bauten, die er in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts plante, wie das Fine Arts Institute, Dhakas Public Library, oder die Universitätscampus in Chittagong und Jahangir Nagar. Er suchte nach Jahren, nach Namen und nach Erinnerungen in einem leider zunehmend labilen Gedächtnis. Als er 1953 das Fine Arts Institute plante, war er frisch von der Oregon University gekommen, wo er dank einem staatlichen Stipendium einen Bachelor of Architecture erlangen konnte. Er war der erste Bengale, der Architektur als Universitätsfach studierte: Im pakistanischen Ministerium übernahmen bis dato Ingenieure, zu denen er nach seiner vorangegangenen Ausbildung gehörte, auch die planerischen Aufgaben.

Den Auftrag für den Bau eines Kunstinstituts an der renommierten Dhaka University bekam Muzharul Islam als Angestellter des Planungsministeriums, in dem er schon vor dem USA-Studium gearbeitet hatte. Dabei musste er für einen Entwurf geradestehen, der unter anderem wegen der kunstvoll verschlungenen Linien auf Unverständnis traf: „Es war nur das erste Mal in einer langen Reihe“, lautete sein begleitender Kommentar. Schließlich setzte sich der Universitätsrektor zugunsten des Plans durch, aber die Kluft zwischen Islams Werk und der an Konventionen gebundenen Praxis der Kollegen entwickelte sich für ihn als unüberbrückbar. Konsequent mit sich selbst, verließ er die Arbeit im Ministerium und gründete ein eigenes Studio, „Vastukalavid“ – das erste Architekturbüro im späteren Bangladesch.

Muzharul Islam, Fine arts institute, Lageplan

Muzharul Islam, Fine arts institute, Lageplan

Ich konnte mir vorstellen, wie sich der junge Architekt mit Stolz und Zielstrebigkeit daran machte, seinen eigenen Weg jenseits der bürokratischen Strukturen und althergebrachten Berufsbilder zu gehen. „Der Grund war weder ein Streit meinerseits noch eine Entscheidung des Ministeriums, es war lediglich das Unverständnis meiner Kollegen, die auch meine Freunde waren, das mich verletzte. Wir sprachen nicht mehr dieselbe Sprache, und ich sah nur eine einzige Lösung“. An das Fine Arts Institute dachte er, der selbst Kunstliebhaber war, doch mit einem verliebt-stolzen Lächeln zurück. Die leitende Idee sei gewesen, den werdenden Künstlern einen Raum zu geben, in dem Körper und Ideen freien Lauf haben: durch einen Garten, der schon vom Eingangsbereich sichtbar war und zum Wandern, Erforschen oder auch zum Sitzen und zur Kontemplation einlädt; durch runde Wände und semi-offene Durchgänge, die viel Licht hineinlassen.

Viele unter Islams Kollegen und Bewunderern sehen im „Art College“, wie das Institut allgemein genannt wird, ein Vorbild klassisch moderner Architektur. Sie preisen seinen Umgang mit lokalen Baumaterialien – er plante zum Beispiel alle seine Gebäude in Multiplen von zehn beziehungsweise fünf Zoll, was der Länge bzw. Breite der in Bangladesch produzierten Backsteine entspricht, um diese nicht durch einen Schnitt ihrer ursprünglichen Form zu berauben – und die Schlichtheit seiner Architektur, den Verzicht auf Dekorationen im Wissen darum, dass ästhetischer Wert aus dem Einklang zwischen Formen und Funktionen besteht. Er selbst betrachtete allerdings diese Kategorisierungen skeptisch – er habe schließlich gute Architektur in Bangladesch betreiben wollen, ohne sich einer Gedankenschule zuzuschreiben. Die Behauptung stärkte er mit dem Hinweis darauf, dass er mit Backsteinen baute, einem Material, dem die klassische Moderne Betonwände bevorzugte; die Verwendung von Säulen sollte lediglich die gute Ventilation der Räume im warm-feuchten Bengalen sichern und war weniger der modernen Schule geschuldet.

Muzharul Islams anspruchsvolle Architektur eignete sich gut für staatlich geförderte Bauten. Gleichzeitig zum Fine Arts Institute (1953-1954) arbeitete er am Entwurf der Public Library für Dhaka, die inzwischen zur Hauptstadt von Ost-Pakistan erklärt worden war. In direkter Nachbarschaft zum „Art College“ entstand ein ähnlich bewegtes Haus, in dem Durchgänge und offene Flächen zum Suchen und Begegnen anregen. Dank des wachsenden guten Rufs seines Büros Vastukalavid bekam er in den Jahren zwischen 1965 und 1971 seine wichtigsten Aufträge. In dieser Zeit „entdeckte“ er die Wand als einziges Bauelement und ersetzte damit die für seine frühere Architektur typische Kombination von Säulen und Wänden. Außerdem erprobte er vielfältige Methoden der Bautenventilation: indem zum Beispiel verschiedene Bauelemente in bestimmten Winkeln zueinander positioniert wurden (wie im Campus der Jahangir Nagar University, 1968-1971), oder durch komplexe Terrassensysteme, wie im National Institute of Public Administration (1969).

Die politisch instabile Lage in Ost-Pakistan sowie im neu geborenen Bangladesch und auch seine progressive politische Einstellung in einer konservativ orientierten Regierung (ab 1982 im militärischen Regime) brachte sein Arbeiten im öffentlichen Bereich in Gefahr. Private Aufträge bekam er selten: Bekannt für sein radikales Ablehnen jeglicher Interferenzen und Veränderungen am geplanten Entwurf durch die Bauherren, war er ein schwieriger und unangepasster Geschäftspartner. So wurde sein Werk – außer innerhalb einer kleinen aber feinen Minderheit von inzwischen meistens im privaten Bereich arbeitenden Architekten – von wenigen in Bangladesch rezipiert und das stark urbanisierende Land erlebt, wie er selbst bemängelte, allzu oft schlechte Architektur.

Muzharul Islam, Jahangir Nagar University

Muzharul Islam, Jahangir Nagar University

Nach dem Bau des World Office Building in Dhakas business district Motijheel (1987), dessen Auftrag einer zehnjährigen Auftragspause gefolgt war, stellte Muzharul Islam im Alter von 64 sein Büro komplett ein. Diesem Rückzug aus der architektonischen Praxis entsprach auch Islams Abschied vom Engagement im politischen und sozialen Bereich. Als überzeugter Linker, der nicht nur in der Architektur Verbesserungen des Lebensstandards aller Menschen erträumte, hatte er sich jahrelang für die Einführung eines Ministry of Physical Planning in Pakistan und später auch in Bangladesch engagiert. Von einem solchen Ministerium versprach er sich eine landesweite und nicht, wie bis heute der Fall, nur auf Dhaka konzentrierte Planung der infrastrukturellen Versorgung.

Welche waren nun die Erkenntnisse, die er aus den westlichen Architekturschulen mitbrachte? Welche Hoffnungen erfüllten ihn zur Zeit des neugeborenen Bangladeschs? Welche Erfahrung machte er als Berater von Louis Kahn? Wollte er mit dem „Art College“ wirklich ein Zeichen der Moderne in Bangladesch setzen? Wie würde er heute, vor dem Hintergrund der zunehmenden Dominanz des kommerziellen Städtebaus, Architektur betreiben?

Muzharul Islam gab während unseres ersten Gesprächs die Suche nach Schlüsseln im angestrengten Gedächtnis immer schneller auf. Mögliche Antworten werde ich mit ihm leider nicht mehr diskutieren können.
Elisa T. Bertuzzo

Elisa T. Bertuzzo promovierte über die ‚Produktion des Raums in Dhaka‘ und forscht derzeit in einem DFG-Forschungsprojekt zu zirkulärer Migration und Habitat in Bangladesch und West Bengalen/Indien. Seit 2010 gehört sie zum Team des Habitat Forums Berlin.

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