persönliches

Kämpfer gegen den Kahlschlag

BDA-Ehrenmitglied Hardt-Waltherr Hämer verstorben

Der Architekt, Stadtplaner und Hochschullehrer Hardt-Waltherr Hämer ist am 27. September 2012 im Alter von 90 Jahren in Ahrenshoop verstorben. Hämer bewahrte große Teile Berlins vor der Kahlschlagsanierung und gilt seitdem als „Vater der behutsamen Stadterneuerung“. Mutig, energisch und unnachgiebig, mit oft legendären Auftritten, kämpfte er als Direktor der Berliner IBA-Alt für eine Fortschreibung der Stadt aus den bestehenden Bauten und den Erfahrungen der Menschen heraus. Seit 1992 war Hardt-Waltherr Hämer Ehrenmitglied des Bundes Deutscher Architekten BDA.

Hardt-Waltherr Hämer, geboren am 13. April 1922 in Hagen bei Lüneburg, studierte an der Berliner Hochschule für bildende Künste und der staatlichen Schule für Baukunst in Weimar. Noch vor Abschluss des Studiums realisierte er 1951 sein erstes Bauwerk, eine kleine Schifferkirche im Ostseebad Ahrenshoop. Er arbeitete in den Büros von Hans und Wassili Luckhardt in Berlin und Gerhard Weber in Frankfurt und führte mehrere Bauvorhaben und Wettbewerbe mit seinem Vater Walter Hämer aus, bevor er 1957 in den BDA berufen wurde.

1959 eröffnete er ein Büro mit seiner Ehefrau, der Architektin Marie-Brigitte Hämer-Buro, und machte sich zunächst einen Namen mit einem kompromisslos modernen, polygonalen Sichtbetonbau: dem Stadttheater von Ingolstadt. Das Gebäude fügt sich sensibel in die mittelalterliche Struktur der Stadt ein und zählt heute zu ihren wichtigsten Baudenkmälern. 1967, ein Jahr nach Fertigstellung, wurde es mit dem erstmals vergebenen Preis des BDA Bayern ausgezeichnet.

Hämers Lebensleistung sind aber nicht in erster Linie seine Hochbauten, von denen noch einige folgten, es ist vielmehr seine Moderationsleistung. 1967, auf dem Höhepunkt der Studentenproteste, erhielt er einen Ruf als Professor für Entwerfen an die Hochschule der Künste Berlin. Dort kämpfte er streitbar und wenig konfliktscheu gegen die damals praktizierte Kahlschlagsanierung, nach der systematisch die historische Bausubstanz der Innenstadt bis nach Wedding abgerissen und riesige Autobahnschneisen kreuz und quer durch Kreuzberg geschlagen werden sollten. Er wies nach, dass Erhalt und Sanierung der Altbauten preiswerter sei, das Stadtbild erhalte und vor allem soziale Belange berücksichtige. Dabei erkannte er die politische Dimension von Stadtplanung und Architektur und bezog die Bewohner mit ein – damals ein Novum. Neben anderen Pilotprojekten gelang es ihm 1974, unter Beteiligung von Bewohnern und Mieterinitiativen einen vom Komplettabriss bedrohten gründerzeitlichen Wohnblock in Berlin-Charlottenburg für ein Drittel der Neubaukosten zu sanieren.

1977 gründete Hämer an der Hochschule der Künste den „Forschungsschwerpunkt Stadterneuerung“, der wesentlichen Einfluss auf die Sanierungspraxis in Berlin ausübte. Von 1979 bis 1985 war er als Planungsdirektor der Internationalen Bauausstellung Berlin (IBA 84-87) für den Bereich ‚Behutsame Stadterneuerung Kreuzberg‘ verantwortlich, wo die Spirale aus Leerstand, Spekulation, Abriss, Bewohnerverdrängung, Wohnungsnot und Hausbesetzungen immer enger geworden war. Er verwarf die ursprünglichen Planungen, ließ unzählige Bewohner nach ihren Vorstellungen fragen und erreichte eine zügige Sanierung ohne übermäßige Mietsteigerungen. Der Erfolg dieses Modells brachte ihm den Beinamen „Retter von Kreuzberg“ ein und ließ Bewohnerpartizipation bis heute zu einem selbstverständlichen Bestandteil der Stadtplanung werden.

Die 1983 vom Berliner Abgeordnetenhaus verabschiedeten „12 Grundsätze der Behutsamen Stadterneuerung“ besiegelten das Ende der Flächen- und Kahlschlagsanierung in Berlin zugunsten einer demokratisch organisierten Stadtreparatur unter Berücksichtigung gewachsener baulicher und sozialer Strukturen. Nach Abschluss der IBA gründete Hardt-Waltherr Hämer 1986 mit seinem damaligen Planungsstab die S.T.E.R.N.- Gesellschaft zur behutsamen Stadterneuerung, die er bis 1997 als Geschäftsführer leitete. Sie arbeitete in Kreuzberg, Tiergarten, Prenzlauer Berg und Kaulsdorf und führte ein diskursives Verfahren zum Umgang mit Prora auf Rügen durch.

Auch nach seiner Emeritierung und Reduzierung des aktiven Geschäfts blieb Hämer öffentlich präsent: Als streitbarer Verfechter der Stadtbewahrung diskutierte er bei zahlreichen Stadtforen und anderen Veranstaltungen unter anderem über die Entwürfe für den neuen Potsdamer Platz, das Dessauer Bauhaus und den Konflikt um die Erhaltung des Studentendorfs Schlachtensee. Von 1989 bis 1997 war er Vizepräsident der Akademie der Künste in Berlin, 1995 bis 2003 Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats und 1998 amtierender Direktor und Vorstand der Stiftung Bauhaus Dessau. Er veröffentlichte diverse Schriften zu Theaterbau und Stadterneuerung und erhielt zahlreiche Preise, darunter den Deutschen Architekturpreis, den Sir-Matthew-Preis der UIA, den Fritz-Schumacher-Preis Hamburg und den Deutschen Kritikerpreis. 2005 zog er sich schließlich nach Ahrenshoop zurück, wo er sein erstes Bauwerk, die Schifferkirche, sanierte und erweiterte.
Mirjam Thomann

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