kritischer raum

Ein Raum, um Gott zu ehren

Die Zentralmoschee der DITIB in Köln-Ehrenfeld von Paul Böhm, Köln, 2006–2017

Die Geschichte des Baus der Zentralmoschee der DITIB, der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion e.V., wird bestimmt durch eine große Idee, die in den Jahren nach ihrer Formulierung durch eine Kette von Irrtümern, Missverständnissen und Intrigen immer kleiner geworden ist. 2006 gewann Paul Böhm, damals noch gemeinsam mit seinem Vater Gottfried Böhm, den konfessionsfreien Wettbewerb um einen Moscheebau im Herzen Kölns. Auf einen Ratsbeschluss der Stadt Köln hin sollten ursprünglich alle muslimischen Gemeinden der Stadt gemeinsam eine repräsentative Moschee errichten. Nach jahrelangem Bemühen entschied sich schließlich die DITIB, das Gebäude anstelle einer Hinterhofmoschee auf einem ehemaligen Fabrikgelände zu bauen. 2009 feierte man nach einer Überarbeitung der Pläne mit Paul Böhm die Grundsteinlegung. 2011 entließ die mittlerweile konservativ veränderte DITIB-Führung ihren Architekten. Dabei hielt man Böhm eine Mängelliste mit über 2000 Positionen vor, nahm aber eigentlich an der Innenraumgestaltung des Gebetssaals mit Sichtbeton Anstoß. Nach einem Moderationsverfahren räumte man Paul Böhm erneut die künstlerische Oberleitung des Projekts ein. Im Juli 2017 wurde die Zentralmoschee offiziell eröffnet.

Paul Böhm, Zentralmoschee der DITIB, Köln 2006–2017, Foto: Christopher Schroer-Heiermann

Paul Böhm, Zentralmoschee der DITIB, Köln 2006–2017, Foto: Christopher Schroer-Heiermann

Der Bau liegt an einer verkehrsreichen Kreuzung der Inneren Kanalstraße mit der Venloer Straße am Rand des beliebten Stadtteils Ehrenfeld, das auch einen hohen Anteil an türkischen Mitbürgern hat. Paul Böhm hat den ursprünglichen Wettbewerbsentwurf, der eine aufgeständerte Platte vorsah, auf der die Moschee stehen sollte, gewissermaßen geerdet. Das Bauwerk setzt nun zu ebener Erde an und steigt mit drei hintereinander gestaffelten, sphärisch gebogenen Flächenwerken in die Höhe. So wird die Moschee städtebaulich höchst wirkungsvoll in Szene gesetzt. Die mittleren Mauerteile schließen sich zu einer gewaltigen Kuppelform zusammen, die die Ansicht von beiden Straßenseiten aus bestimmt. Die Zwischenräume der gestockten und in hellem Ocker eingefärbten Betonschalen sind mit verglasten Stahlprofilen geschlossen.

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Paul Böhm, Zentralmoschee der DITIB, Köln 2006–2017, Foto: Christopher Schroer-Heiermann

Das zweite blickfangende und raumbildende Architekturelement der Anlage ist die breite, leicht gebogen angelegte Treppe mit dem südlichen Minarett, die seitlich der Kuppelsegmente zur erhöhten Hofplattform im Westen führt. Rechts neben dem eleganten Treppenlauf öffnet sich ein großes Eichenportal zum Untergeschoss der Moschee, das als Veranstaltungs- und Vortragssaal ausgelegt ist, und in eine Basarstraße mit verschiedenen Läden, die nach Westen sogar in zwei Etagen übereinander angelegt sind, die bislang noch der Belebung harren: Unverständlicherweise hat die DITIB beschlossen, den nördlichen Ausgang des Basars zu schließen, so dass die richtig konzipierte Passage zur Sackgasse geworden ist.

Paul Böhm, Zentralmoschee der DITIB, Köln 2006–2017, Foto: Christopher Schroer-Heiermann

Paul Böhm, Zentralmoschee der DITIB, Köln 2006–2017, Foto: Christopher Schroer-Heiermann

Links der Freitreppe an der Venloer Straße setzt eine dreiteilige Mantelbebauung an, die auf Bodenniveau fünf, auf Hoflevel drei Geschosse hoch ist. Sie gibt dem freien Spiel der Moscheeformen einen rationalistischen Rahmen – ganz ähnlich wie beim Potsdamer Hans-Otto-Theater von Gottfried Böhm, dessen Bau Paul Böhm fünf Jahre lang betreute. Links erstreckt sich ein Riegel, der unter anderem einem Migrationsmuseum Platz bieten soll und die Dienst- und Repräsentationsräume des Imams aufnimmt. Die Fassade des Bauwerks wird nach außen mit vertikalen Lichtbändern gegliedert, deren strikte Taktung mittig durch ein segmentbogig vorgewölbtes, verglastes Treppenhaus unterbrochen wird. Hofseitig ist die Baumasse filigran gegliedert durch das eichene Balkenwerk der Laubengänge, die das Gebäude gliedern und an die türkische Holzbaukunst vergangener Jahrhunderte erinnert.

Paul Böhm, Zentralmoschee der DITIB, Köln 2006–2017, Foto: Christopher Schroer-Heiermann

Paul Böhm, Zentralmoschee der DITIB, Köln 2006–2017, Foto: Christopher Schroer-Heiermann

Nach Norden wird der platzartige Hof geschlossen durch zwei weitere Gebäude, die hinter Kolonnaden die Bibliothek beziehungsweise Räume für die rituellen Waschungen vor dem Moscheebesuch aufnehmen. Auch diesen Bauteilen hat der Architekt dieselbe Materialität und Oberflächenbearbeitung wie dem Gebetshaus angedeihen lassen. Mit ihren vielen unterschiedlichen Perspektiven bekommen die Mantelbebauung, das Bethaus, die Platz- und Treppenoberfläche und die superschlanken Minarette mit ihren statisch wirksamen Schaftringen so eine Ensemblewirkung. Kontrastierend dazu steht eine als Brunnen konzipierte schwarz gefärbte Doppelschale in einem verglasten Becken im nordwestlichen Eck des Platzes, die das Zentrum des Basars von oben belichtet. Ursprünglich sollte von hier ein Quell entspringen, dessen Wasser über den Platz und die Freitreppe hinab in den Straßenraum fließen sollte.

Paul Böhm, Zentralmoschee der DITIB, Köln 2006–2017, Foto: Christopher Schroer-Heiermann

Paul Böhm, Zentralmoschee der DITIB, Köln 2006–2017, Foto: Christopher Schroer-Heiermann

Vom Waschhaus im Nordosten und vom Platz aus ist der Zugang in die Moschee möglich. Hier umfängt den Besucher ein Raumkontinuum, das in dieser Form in der Architektur kein Vorbild hat. Die unterschiedlichen gekrümmten Wandscheiben eröffnen immer wieder andere Ausschnitte des Himmels. Das einfallende Licht fasst die hellen stuckierten Wände, den mit türkisfarbenem Teppichboden ausgelegten Boden, die ornamentierte Mihrāb (die nach Mekka ausgerichtete Gebetsnische) und den Minbar (die Predigtkanzel) mitsamt der Frauenempore zu einem offenen Raumerlebnis zusammen. Paul Böhm hat einmal davon gesprochen, dass die verschiedenen Segmente der Moscheekalotte wie die Finger einer schützenden Hand zu verstehen seien, zwischen denen der unendliche Himmel sichtbar wird. Dieses Bild lässt sich hier gut verstehen. Bedauerlich bleibt es daher, dass der Bauherr darauf bestand, die gestockten Betonwände von einer Gruppe türkischer Künstler mit traditionellen Ornamenten und den gebräuchlichen Allah preisenden Koransprüchen stuckieren zu lassen. Dem Architekt schwebte vor, die traditionellen Schriftzeichen direkt in den Beton einzutragen. So hätte angesichts der unzählbaren Feinheiten der Betonstruktur gleichzeitig ein Bild der Vielfalt Gottes in seiner Einheit entstehen können: ein Bild, das offenbar nicht verstanden worden ist.

Paul Böhm, Zentralmoschee der DITIB, Köln 2006–2017, Foto: Christopher Schroer-Heiermann

Paul Böhm, Zentralmoschee der DITIB, Köln 2006–2017, Foto: Christopher Schroer-Heiermann

Doch diese Widersprüche und interkulturelle Diskrepanzen sollten den Blick nicht verstellen. In Ehrenfeld ist ein Bauwerk entstanden, das jenseits zeitgenössischer Architekturdiskurse versucht, für eine einmalige sakrale, politische, kulturelle und soziale Bauaufgabe einen räumlichen, aber auch einen symbolischen Ausdruck zu finden: Paul Böhm hat für eine bedeutende Minderheit in diesem Land einen für Gläubige wie für Besucher offenen Raum zwischen Himmel und Erde entworfen, der es nahelegt, Gott zu ehren. Soviel vermag Architektur.

Andreas Denk

Fotos: Christopher Schroer-Heiermann

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