kritischer raum

Stolz der Stadt

Nicht nur im Fußball hält sich hartnäckig das Image der Stadt Bochum als „graue Maus“ im Revier. Der immer noch nicht überwundene Strukturwandel und die Schließung der Opel-Werke haben die Situation nicht sehr viel besser werden lassen. Trotzdem begegnet man im „Revier“ den Unwägbarkeiten des Lebens immer noch mit gutem Humor und Satire. Zumindest architektonisch verzeichnet Bochum allerdings immer wieder positive Ausschläge.

Bez und Kock Architekten, Anneliese Brost Musikforum Ruhr, Bochum 2013–2016, Foto: Mark Wohlrab

Das Anneliese Brost Musikzentrum ist einer davon: Der Bau im Süden der Innenstadt, der nach einer verdienstvollen Zeitungsmagnatin des Ruhrgebiets heißt, verdankt sich dem Zusammentreffen mehrerer guter Absichten, die fast ohne Belastung der notorisch leeren Stadtkasse einen neuen Attraktionspunkt im kulturellen Leben der Stadt und des Ruhrgebiets platziert haben. Am Anfang stand eine Initiative des schon 1919 gegründeten Symphonieorchesters, das ohne eigenes Haus auskommen musste. Ein Bürgerverein forderte wenig später den Erhalt einer brachgefallenen katholischen Kirche aus den Gründerjahren. Der engagierte Generalmusikdirektor Steven Sloane führte die Interessen zusammen, denn eine überraschende Stiftung von fünf Millionen Euro ließ plötzlich ein eigenes Haus für die Bochumer Symphoniker denkbar werden. Bis 2013 hatten sich weitere 20.000 Bochumer mit Spenden in Höhe von insgesamt 22 Millionen Euro beteiligt, so dass die Stadt mit weiteren Landes- und Bundesmitteln einen Wettbewerb für ein Musikzentrum mit der gefährdeten Marienkirche im Mittelpunkt ausschreiben konnte.

Bez und Kock Architekten, Anneliese Brost Musikforum Ruhr, Bochum 2013–2016, Foto: Andreas Denk

Den Wettbewerb gewannen die Stuttgarter Architekten Bez und Kock, deren Entwurf auf besondere Weise gelungen ist. Schon bei der Aufteilung des Raumprogramms in das Bauvolumen entwickelten die Stuttgarter eine überraschende Idee: An das Kirchengebäude schließt sich südlich der gestreckte, dreigeschossige Konzerthaustrakt an. Im Norden der Kirche und im Süden des Saalgebäudes ergänzen zwei gleich große, niedrigere, zweigeschossige Flügel das Raumprogramm, so dass eine indirekte Symmetrie der Neubaukörper entsteht.

Gegenüber dem neugotischen dunkelroten Backsteinbau der Kirche halten sich die Neubauten zurück. Ihre schlichte Gliederung verdankt sich vor allem dem Material, einem gemischt verwendeten rötlichen und gelblich-lehmigen Ziegel, der sich gleichermaßen an die Backsteinstruktur des Altbaus anpasst wie abhebt. Große Quadratfenster in den Seitenwänden der Flügelbauten und hochrechteckige Lochfensterreihen in der Sargwand des Saals bilden ein simples, in diesem Fall aber sinnvolles Relief: Die Durchfensterung ist nicht sonderlich originell, leistet aber insbesondere im Obergeschoss des hohen Mitteltrakts eine allmählich Auflösung des weitgehend geschlossenen Baukörpers gegen den Himmel. Ansonsten trägt die ruhige Fassadenfassung zur Beruhigung der Divergenz bei, die durch die gotischen Formen des Altbaus und durch den Materialwechsel zwischen den beiden Bauteilen entsteht.

Bez und Kock Architekten, Anneliese Brost Musikforum Ruhr, Bochum 2013–2016, Foto: Mark Wohlrab

Die städtebauliche Fassung durch dieses multiple Gebäude, das große Teile des ehemaligen Kirchplatzes in überdachte Nutzfläche verwandelt hat, bewirkt eine klare Verbesserung der Situation: Die unruhige Victoriastraße mit dem angrenzenden Bermuda-dreieck im Osten, das Landesbehördenhaus im Norden, ein als Flüchtlingsheim genutzter, heruntergekommener Bau der 1960er Jahre und ein spätpostmodernes Altenstift im Westen sowie ein Jugendgästehaus und ein ungestalteter Discountmarkt im Süden haben durch den Neubau einen Mittelpunkt erhalten, der durch den architektonischen Qualitätzuwachs auch noch eine verbindende Schlüsselposition an der Schnittstelle zweier Quartiere erfolgreich wahrnehmen kann.

Die Haupteingänge führen zunächst in die Kirche, die als erhebendes Entrée dient: Als einziges Wettbewerbsteam haben Bez und Kock den späthistoristischen Bau von Gerhard August Fischer ohne größere Einbauten belassen, obwohl auch er für Veranstaltungen genutzt werden kann. Zugunsten der beidseitigen Eingänge, die im Chor des Altbaus liegen, haben die Architekten zwar die Seitenkapellen abgerissen, und an der ehemaligen Altarstelle findet nun in einem hölzernen Tresenbauwerk pikanterweise der Kartenverkauf statt. Aber auch der Ersatz der nach Kriegszerstörungen vereinfacht wiederaufgebauten Gewölbe haben durch eine Lichtdecke und die neue, strahlend weiße Wandfassung dem Gesamteindruck mehr genützt als geschadet.

Bez und Kock Architekten, Anneliese Brost Musikforum Ruhr, Bochum 2013–2016, Foto: Andreas Denk

Zu beiden Seiten des Kirchenschiffs haben Martin Bez und Thorsten Kock Erschließungsgänge angelegt, die quer von Westen nach Osten führen. Verglaste Portale öffnen die Gänge zur Victoriastraße und nach Osten und verbinden zumindest als Blickachsen die beiden Stadtquartiere, an deren Naht das Musikzentrum liegt. Im Norden schließt sich der flexible Saal der Musikschule an, der für verschiedene Zwecke genutzt wird und dafür durch fast schalldichte Schiebewände unterteilt werden kann. Auch hier haben sich die Architekten auf wenige Materialien mit Bewusstsein für deren Wertigkeit beschränkt: verputzte Wand- und Deckenflächen, Holzböden und -schiebewände, Messingbeschläge. Die Schnittstelle zwischen Alt und Neu ist besonders gut im südlich der Kirche anschließenden Gang zu sehen: Die Architekten haben die Fassade der Kirche mitsamt der alten Portale vollständig erhalten, aber die Neubaudecke an die Backsteinwand des Sakralbaus gesetzt und dabei verglaste Lichtschächte für die protubierenden Gliederungselemente der Kirchfassade in der Decke freigelassen.

Nach Süden öffnet sich die Passerelle in den großen Konzertsaal, dessen Ränge und Emporen mit leicht verschobener Geometrie den tief gelegenen Konzertboden rahmen. Den Raum bestimmt die Wirkung der hölzernen Emporenbrüstungen aus Kirschholz, die der rechtwinklig geknickten Figur eine dynamische Anmutung geben. Spalierartige Gitter rahmen die schuhkastenförmige Orchesterbühne. Dieselben akustisch wirksamen Elemente, die aus holzverkleideten Metallprofilen bestehen, finden sich auch als Verkleidung der Sargwand und unter der Decke des Saals, der darüber noch weiteren Resonanzraum bereithält. Rund um die Emporen lassen sich schallschluckende Vorhänge vor die Wände ziehen, so dass insgesamt ein akustisches Klima entsteht, das auch hohe Ansprüche an die Klangwirkung von Instrumenten höchst zufriedenstellt. Hier entsteht durch Material, Form und Lichtführung eine konzentrierte und zugleich fast intime Atmosphäre, die für Musiker und Zuhörer gleichermaßen zuträglich sein müsste.

Bez und Kock Architekten, Anneliese Brost Musikforum Ruhr, Bochum 2013–2016, Foto: Mark Wohlrab

Im Süden des Konzertsaals schließen sich im Tiefgeschoss der Aufenthaltsraum für die Künstler, Proben- und Einspielräume und Garderoben an. In den aufgehenden Stockwerken des Seitenflügels schließlich sind die Intendanz und die Verwaltung untergebracht. Kein Luxus trübt hier die Funktion – und doch erscheint das neue „Heim“, das solchen Komfort bietet, den Bochumer Symphonikern immer noch als Glücksfall. Und auch die Bochumer Bürger scheinen inzwischen – auch dank einer bürgerfreundlichen, generationen- und schichtenübergreifenden Veranstaltungspolitik, die auch Vereine und städtische Institutionen im Musikforum auftreten lässt – restlos mit „ihrem“ Konzerthaus zufrieden. Die sinnreiche Architektur dürfte auch daran einen Anteil haben.

Andreas Denk

Bez und Kock Architekten
Anneliese Brost Musikforum Ruhr
Bochum 2013–2016
Fotos: Mark Wohlrab / Andreas Denk

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