Spaziergänge mit Heiner Farwick

Im Schein der Sonne

Ein sonniger Nachmittag im Mai eignet sich bestens für einen Spaziergang an der nördlichen Düsseldorfer Rheinpromenade. Hier haben sich Heiner Farwick, der Präsident des BDA, und Andreas Denk, Chefredakteur dieser Zeitschrift, getroffen, um über das Thema des BDA-Tags 2019 in Halle (Saale) zu reflektieren: Ihr Gespräch kreist um Positionen des BDA zur klimagerechten Architektur und Stadt, die im Mai an der Saale unter dem Motto „Das Haus der Erde“ diskutiert wurden.

Andreas Denk: In diesem Jahr hat der Bund Deutscher Architekten beim BDA-Tag 2019 in Halle an der Saale das Thema des Klimaschutzes noch einmal aufgenommen. Das Klimamanifest, das der BDA vor zehn Jahren formuliert und mit vielen anderen Institutionen dem damaligen Bundesbauminister übergeben hat, war eine Selbstverpflichtung der Architekten zu einem nachhaltigen und ressourcenschonenden Bauen. Die Resonanz war gut, aber nicht außerordentlich. Das neue Papier mit dem Titel „Das Haus der Erde“ hat einen entschiedeneren Charakter. Was ist das Neue daran?

Foto: Andreas Denk

Heiner Farwick: In unseren Positionen geht es im Kern um die Grundverantwortung der Architekten, um die Auswirkungen unseres Handelns, unserer Arbeit auf unsere Welt. Wir tragen eine hohe Verantwortung für die Gestaltung unserer Umwelt. Aber das ist es nicht allein: Wir müssen uns in die Debatte, wie wir Neubau und Bestand angesichts des Klimawandels angehen, stärker einbringen. Ihr Hinweis auf den beschränkten Erfolg des Klimamanifests zeigt, dass unser Handeln in den letzten zehn Jahren nicht entschlossen genug war. Es gibt viele Lebensbereiche, in denen wir unser Leben nicht so konsequent ausgerichtet haben, wie wir es angesichts der globalen Probleme hätten tun sollen. Es ist an der Zeit, dass wir uns als BDA jetzt in einer unbequemeren Weise als bisher zu Umwelt- und Klimaschutz und Ressourcenschonung positionieren. Das Unbequeme richtet sich dabei nicht vorrangig auf andere, sondern meint die Art der Fragen, die wir uns selber, an unser tägliches Schaffen stellen.

Andreas Denk: Im „Haus der Erde“ geht es um die Achtung des Bestands, um die Intelligenz des Einfachen, das Bauen als materielle Ressource, die vollständige Entkarbonisierung, um neue Mobilitätsformen, Polyzentralität und um die Schaffung von Räumen für gestalterische, aber auch politische Experimente. Welche Thesen erscheinen Ihnen besonders wichtig? Worin drückt sich der Wandel des Bewusstseins der letzten zehn Jahre im neuen Papier aus?

Heiner Farwick: Es sind die Dinge, die uns selbstverständlich erscheinen. Wenn wir verantwortlich mit unseren Ressourcen umgehen wollen, müssen wir das, was wir tun, besonders gut tun. Wir müssen einen robusten Städtebau machen, der langfristig Raum für Veränderungen und flexible Entwicklungen bietet. Wir müssen Gebäude so gestalten, dass sie gestalterisch hochwertig sind, damit sie über Geschmacksurteile verschiedener Zeitschichten hinaus anerkannt bleiben und wertgeschätzt werden. Wir haben – auch unter wirtschaftlichem Druck– viele Gebäude sehr einseitig strukturiert und dabei ihre Flächen so „optimiert“, dass ihre Nutzung zu anderen Zwecken kaum möglich ist. Das war nicht richtig, denn wir wissen, dass unsere Städte und ihre Gebäude immer wieder einem Wandel unterliegen. Dafür müssen sich die Gebäude jedoch eignen. All diese Fragen sollten uns dazu bringen, dass wir alles, was wir neu bauen, so anlegen, dass es über viele Jahrzehnte Bestand hat. Architektur darf nicht als Wegwerfware gesehen werden, wie es in den letzten Jahren immer wieder wahrnehmbar war.

Andreas Denk: Es geht also nicht um eine vordergründige ökologische Ausrichtung von Stadt und Architektur, sondern um eine sehr grundsätzliche Neuorientierung der Arbeit von Architekten, in deren Zentrum die Dauerhaftigkeit des Gebauten auf der ästhetischen und der Nutzungsebene steht. Forschung und Industrie haben im vergangenen Jahrzehnt jedoch erhebliche Mittel in die Technisierung von Gebäuden investiert, um sie ökologisch zu machen. Die Herstellung der avancierten Haustechnik ist teuer, ihre Nutzungsdauer begrenzt, die Wartungskosten sind hoch und ihre Entsorgung oft ein Problem. Wie klar will sich der BDA hierzu absetzen?

Heiner Farwick: Es geht nicht darum, einzelne Gebäude auf ihre Energieeffizienz oder ihren Ressourcenverbrauch zu kategorisieren. Wir sind in den letzten Jahren in einen High-End-Bereich der Technisierung von Gebäuden gelangt. Herstellung und Unterhaltung der Technik erfordern einen enormen Aufwand, wobei ihre Nutzungsdauer sehr beschränkt ist. Das ist nicht der richtige Weg. Die großen Sprünge machen wir auf anderen Ebenen. Wir müssen auf eine bessere Substanz zielen, die eine längere Lebensdauer des Gebäudes an sich ermöglicht. Der Primärenergieverbrauch auch der Gebäudeherstellung muss viel stärker Berücksichtigung finden.

Andreas Denk: Was bedeuten diese Überlegungen für den Städtebau? Welche ökologische Qualität soll er bekommen, und wie wirkt sie sich formal aus?

Heiner Farwick: Wir können unsere Städte nicht weiter in die Fläche entwickeln, sondern müssen darüber nachdenken, wie kompakt unsere Städte sein können und sein müssen. Im Wohnungsbau entstehen immer noch über 100.000 Einfamilienhäuser im Jahr. Das werden wir uns wohl nicht mehr erlauben können. Wir sollten auch darüber nachdenken, wie wir zu attraktiven Bauformen bei höherer Dichte kommen, und ebenfalls müssen wir überlegen, wie wir Verkehr einsparen und Verkehrsflächen verringern können. Dazu kommt auch die Notwendigkeit einer sozialen Dichte, die die Vorzüge der Stadt erst erlebbar werden lässt: All das sind Voraussetzungen für funktionierende, qualitativ hochwertige, interessante Stadtquartiere, die wir brauchen.

Andreas Denk: Welche Rolle können ländliche Gebiete bei diesem klimabezogenen Reformansatz spielen? Gerade die zweit- und drittklassigen Lagen sind zu Problemzonen der Bevölkerungs- und Wirtschafts-entwicklung geworden und von einer schleichenden Devastierung bedroht.

Heiner Farwick: Viele kleinere Kommunen haben den Fehler gemacht, zu wenig Aufmerksamkeit auf ihre Kerne und die Binnenentwicklung zu legen. So kam es häufig zum berüchtigten Donut-Effekt: ihre Mitte hat sich entleert, Identität ist nicht mehr spürbar. Viel an Substanz und Qualität ist verlorengegangen. Auch hier müssen wir zu einer Baukultur zurückkommen, die auf eine Verbesserung von räumlichen Qualitäten setzt. Dafür gibt es immer wieder Beispiele, wie die Orte Blaibach und Tittmoning in Bayern, die ihre Attraktivität durch kulturelle Angebote und gute Architektur gesteigert haben. Städtebauliche Qualität geht nicht ohne Hochbauqualität. Nur dann können wir Identität und das Gefühl des Zuhauseseins fördern.

Andreas Denk: Wenn wir die Ratschläge und Hinweise der Klimafolgenforschung ernst nehmen – was bedeutet das für die Arbeit von Architekten, was heißt das für die Architektur?

Heiner Farwick: Wir haben bereits erkennbare Veränderungen durch den Klimawandel. Unsere Gebäude müssen deshalb anders ausgerichtet werden. Das berührt schon seit einigen Jahren die Frage nach dem sommerlichen Wärmeschutz, die inzwischen wichtiger als das Problem der Beheizung im Winter geworden ist. Auch hier werden sehr schnell wesentliche Fragen des Städtebaus berührt: Wie entwickelt sich das Mikroklima, wie sind Straßenflächen ausgebildet und Grünflächen angeordnet? Stadtplanung wird mehr und mehr zu einer Querschnittsdisziplin, in der viele gestalterische und planerische Ebenen ineinanderfließen, die über unser gutes Weiterleben auf der Erde mitentscheiden.

Andreas Denk: Ökologie im Städtebau erscheint mir oft wie ein Feigenblatt, das Ahnungslosigkeit bemäntelt. Eigentlich wissen wir nicht genau, wie wir unsere Städte jenseits gängiger Geschmacksmuster klimagerecht organisieren und gestalten können.

Heiner Farwick: Ja, da sind noch Fragen offen. Beispielsweise haben gerade die großen städtebaulichen Planungen der letzten Jahre oft riesige Grünflächen hervorgebracht, um die dann marktfähige, mehr oder minder gut gestaltete Hausensembles platziert werden. Eine schärfere Terminierung der Funktion und Gestaltung von Grünflächen könnte helfen, ihre sicherlich große ökologische Funktion besser zu definieren. Das käme dem Städtebau als einer Kerndisziplin zugute, der bei der Bewältigung und Beschränkung des Klimawandels eine wichtige Bedeutung zukommt.

Andreas Denk: Sie haben den Städtebau des 19. Jahrhunderts erwähnt. Zumindest die avancierten Städtebauer jener Zeit hatten eine relativ genaue Vorstellung von den klimatischen Eigenschaften der Stadt und ihrer Teile, auch wenn sie es nicht immer dokumentiert haben. Ist dieses Wissen verloren gegangen?

Heiner Farwick: Ich fürchte, dass die Entwicklung von neuen Stadtquartieren, aber auch die Pflege und Weiterentwicklung des städtebaulichen Bestands darunter leidet, dass vieles Wissen um den Gesamtzusammenhang der Stadt durch die Zersplitterung des Städtebaus in viele Einzeldisziplinen verloren gegangen ist. Die Probleme fangen mit der Frage nach dem richtigen Straßentyp, -querschnitt und der -ausgestaltung an und setzen sich über die Aufgabe der Platzgestaltung und die Frage nach der Dimension der Baumassen fort, die öffentliche Räume begrenzen: Entscheidungen darüber werden viel zu häufig aufgrund einer banalen Funktionsargumentation getroffen, aber selten im Hinblick auf das Ganze der Stadt. Wenn solche Entscheidungen aber nicht integral gedacht sind, können sie letztlich auch nicht ökologisch sein. Hier sind wir Architekten im BDA als Vordenker gefordert, auch wenn diese Fragen mitunter über unser Kerngeschäft hinausgehen. Insofern sind die „Positionen für eine klimagerechte Architektur in Stadt und Land“ so wichtig, diskutiert zu werden.

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