tatort

Eine Bauchbinde als Aushängeschild

Immer wieder suchen wir hier ein Bauwerk, das eine besondere Rolle in der Nachkriegs-Architekturgeschichte hat – durch eine besondere Eigenschaft, eine ungewöhnliche Geschichte oder eine andere Merkwürdigkeit. Lösungsvorschläge können per Post, Fax oder E-Mail an die Redaktion gesandt werden. Unter den Einsendern der richtigen Antwort verlosen wir ein Buch. Einsendeschluss ist der 17. September 2018.

Dieser „tatort“ hatte einen Vorgängerbau, der derselben Klientel und einem ähnlichen Zweck diente wie das heutige Bauwerk. 1919 fand hier, an einem großen Platz der Hauptstadt, die Trauerfeier für Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg statt, 1920 der Parteitag, an dem sich die KPD und die USPD vereinigten.

Nachdem dieses geschichtlich bedeutende Gebäude im Zweiten Weltkrieg zerstört worden war, plante ein Architektenkollektiv fast am selben Standort einen 54 Meter hohen Neubau als Stahlskelettbau mit einer Aluminium-Glas-Vorhangfassade. Die unumgängliche Frage nach der Typik sozialistischer Architektur sollte insbesondere der mehrgeschossige, umlaufende Bildfries mit dem Titel „Unser Leben“ beantworten, den ein Künstler nach dem Vorbild revolutionärer Wandbilder in Mexiko entwarf: 800.000 Mosaiksteine formen hier ein Panorama des Lebens in der neuen Gesellschaft, dessen Ausbildung auch und insbesondere der Berufsgruppe zukam, für die dieses programmatische Gebäude entstand. Bis zum Ende des Staates diente es als Treffpunkt der didaktisch interessierten Akademiker, besaß eine ihrer Berufsausübung und Weiterbildung förderliche Bibliothek mit 650.000 Schriften und einen Lesesaal. Ein Café, ein Restaurant, ein Buchgeschäft, Veranstaltungs- und Versammlungsräume und schließlich eine Kleinkunstbühne mit angeschlossener Bar machten das Gebäude zu einer bedeutenden kulturellen Institution mit repräsentativer Bedeutung. Eine kuppelgedeckte Kongresshalle ergänzte den quaderförmigen Bau zu einem seit den 1990er Jahren denkmalgeschützten Ensemble, dessen architektonische Güte und städtebauliche Prägnanz bis heute erlebbar sind: „Durch die energische und sehr aktive Gliederung der Baumassen wurde gewissermaßen ein musikalischer Grundakkord angeschlagen“, erläuterte der federführende Architekt, dem man im Gegensatz zu sonstigen Gepflogenheiten freie Hand ließ, um ein Gebäude zu entwerfen, mit dem der sozialistische Staat Internationalität und hohes technisches Niveau zur Schau stellen wollte.

Foto: Andreas Präfcke

 

In den 1990er Jahren wurde der „tatort“ zu einem wichtigen Begegnungsort von Künstlern, Designern und Architekten, die die Räume des Hochhauses billig mieten konnten. Diese „Adressbildung“ nützte dem späteren Besitzer, der eine hohe zweistellige Millionensumme in den Umbau des Innern und die Restaurierung des Äußeren des denkmalgeschützten Ensembles steckte und es seitdem für Bürozwecke vermietet. Neuere Planungen für den Standort bedrohen zwar nicht das Ensemble selbst, könnten aber zu seiner Verzwergung führen. Welches Gebäude wird gesucht und wer hat es wann entworfen? Diesmal wird auch der Künstler gesucht, der das volkstümlich „Bauchbinde“ genannte Wandmosaik entworfen hat!

Der „tatort“ der Ausgabe 3/18 war die Zugangsbrücke zum Deutschen Pavillon bei der Weltausstellung in Brüssel 1958, den Egon Eiermann und Sep Ruf entworfen haben. Nach dem Abbau des Pavillons diente die als Schrägseilkonstruktion errichtete Hohlkastenbrücke am Duisburger Zoo als Fußgängerübergang über die Bundesautobahn A3. Nach deren Verbreiterung auf sechs Spuren wurde sie 2000 an die jetzige Lage an der A am Duisburger Forsthausweg verlegt und verlängert. Den Buchgewinn errang diesmal Roland Tauber aus Jülich.

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Wilhelmine-Gemberg-Weg 6
10179 Berlin

Foto: Andreas Praefcke (CCA 3.0)

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