tatort

Ein Dach für alle

Wir suchen ein Bauwerk, das eine besondere Rolle in der Nachkriegs-Architekturgeschichte spielt oder gespielt hat – sei es durch eine besondere Eigenschaft, eine ungewöhnliche Geschichte oder eine spezifische Merkwürdigkeit. Lösungsvorschläge können per E-Mail an die Redaktion gesandt werden. Unter den Einsendungen der richtigen Antwort verlosen wir ein Buch. Einsendeschluss ist der 15. März 2021.

Der „tatort“ ist ein Bauwerk in einer Stadt im östlichen Deutschland. Damals galt die Konstruktion, die einen Funktionsbau auf einem langgestreckten Sockel überspannt, als „modernste Anlage“ ihrer Art im gesamten, damals eigenständigen Land. Der Entwurf stammte von zwei Mitgliedern einer zentralen wissenschaftlichen Einrichtung für Architektur und Bauwesen, die in der Hauptstadt residierte, vor allem eine Vielzahl von praxisorientierten Forschungsvorhaben unternahm und direkt dem einschlägigen Ministerium unterstand. Innerhalb dieser Organisation gab es unter anderem Sektionen zu Ökonomie, Städtebau und Architektur, ingenieurtheoretischen Grundlagen, Wohn- und Gesellschaftsbau, Industriebau und Landwirtschaftsbau, die wiederum in mehrere Fachgruppen unterteilt waren. Für das Verwaltungszentrum des bevölkerungsreichsten Bezirks des Landes entwarfen ein Architekt und ein Bauingenieur, die dieser akademischen Einrichtung angehörten, ein spektakuläres Verkehrsbauwerk. Das 1200 Quadratmeter große Hängedach an der „Straße der Nationen“ besteht aus einer Stahlträgerkonstruktion, die mit Stahlseilen an Betonpylonen aufgehängt sind. So ließ sich eine Unterkonstruktion vermeiden, die die Sicht zwischen den verschiedenen Funktionsbereichen behindert hätte. Zusätzlich gestützt wird das Dach durch eine 2,60 Meter hohe, weitgehend verglaste Stahlrahmenkonstruktion, die einen Warteraum, Kassenschalter, Telefonzellen, Schließfächer und Verkaufsräume aufnahm. Das Gebäude, zu dem ursprünglich weitere Unterstände gehörten, kostete sieben Millionen Mark und wurde zu seinen besten Zeiten von bis zu 30.000 Menschen am Tag genutzt.

Foto: Kolossos (via Wikimedia / CC BY-SA 3.0)

Foto: Kolossos (via Wikimedia / CC BY-SA 3.0)

Seit mehreren Jahren dräut dem eindrucksvollen Bauwerk Unheil. Nach einem Umbau 1999, der den Bestand der Nebenanlagen minimierte, und nach dem kontinuierlichen Rückzug des kommunalen Betreibers beschloss die Stadt, die Knotenfunktion der Anlage in die unmittelbare Nähe zum Hauptbahnhof zu verlegen. In der Folge plante man zunächst die Niederlegung des Bauwerks. Nach veritablen Gegenstimmen wurde zeitweise erwogen, das gesuchte Gebäude zu translozieren. Doch standen dem erhebliche Bedenken ob der technischen Machbarkeit des Ab- und Wiederaufbaus des gewaltigen Betondachs entgegen. In einem offenen Brief haben Kunst- und Architekturhistoriker deshalb unlängst einen Verbleib des Bauwerks am alten Platz gefordert. Inzwischen hat sich die Stadt für einen Neubau an anderer Stelle entschieden. Die Zukunft der alten Anlage, die mitsamt dem benachbarten „Klapperbrunnen“ schon lange unter Denkmalschutz steht, erscheint derzeit unklar. Vielleicht gelingt eine Einbindung in das Universitätsgelände, das hier erweitert werden soll. Die Pflege und der Erhalt dieses ungewöhnlichen Denkmals stände der Kommune, die sich aufgrund ihrer Nachkriegsarchitektur „Stadt der Moderne“ nennt, jedenfalls außerordentlich gut zu Gesicht. Welches Gebäude suchen wir, wo steht es, wann wurde es gebaut und wer waren seine Entwerfer?

Der gesuchte „tatort“ der letzten Ausgabe war die Schifferkirche in Ahrenshoop auf dem Darß, die Hardt-Waltherr Hämer 1949 bis 1951 entwarf und realisierte. Gewinnerin des Buchpreises ist Gesine Weinmiller aus Berlin.

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