Heiner Farwick

Vorwort

Von den aus Krisenregionen nach Deutschland geflüchteten Menschen werden sehr viele den Aufenthaltsstatus erlangen, das heißt sie werden in Deutschland bleiben. Wer bleibt, braucht eine Perspektive. Perspektiven für das eigene Leben entwickeln zu können ist eine der Grundvoraussetzungen, ein integriertes Mitglied einer Gesellschaft sein zu können. Das menschenwürdige Wohnen und die damit verbundene Option, ein eigenständiges, selbstorganisiertes Leben zu führen, ist eine notwendige Bedingung für Integration. Planlos „hingestellte“ Provisorien sind keine Lösung – wir sollten es gleich richtig machen. Diese Broschüre soll zeigen, wie kommunale Strategien aussehen können, die das schaffen: den Weiterbau unserer Städte mit bezahlbarem Wohnraum für alle, die ihn brauchen.

„Modulbauten für Flüchtlinge sollen 90 Jahre halten“ titelte der Berliner „Tagesspiegel“ im Februar 2016. Was die Anbieter von „modularen Gemeinschaftsunterkünften in Fertigteilbauweise“ als Qualitätsversprechen verstanden wissen wollen, stellt sich aus anderer Sicht eher als Drohung dar. Nichts ist bekanntlich so dauerhaft wie ein Provisorium – und wenn jetzt überall in den Kommunen Provisorien errichtet würden, zementierten sich damit womöglich Zustände, die nach den Fehlern des Wohnungsbaus aus den 1960er und 1970er Jahren als überwunden galten: monofunktionale Strukturen, soziale Ghettobildungen und nicht zuletzt unwirtliche architektonische und städtebauliche Erscheinungsformen. Die damalige Planung war zu wenig komplex und gestalterisch zu undifferenziert, ja oft mangelhaft. Diese Fehler dürfen wir trotz der gebotenen Eile bei der Unterbringung von Flüchtlingen nicht wiederholen.

Der Zuzug von Migranten in einem kaum gekannten Ausmaß trifft derzeit in vielen Ballungsgebieten auf einen auch durch weitere Wanderungsbewegungen innerhalb Deutschlands und der EU ausgelösten Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Dieser akute Bedarf stellt die Kommunen vor beispiellose Herausforderungen – und macht sie anfällig für schnelle Scheinlösungen.

Dass für die Erstunterbringung der Flüchtlinge ungewöhnliche Notfallmaßnahmen ergriffen werden müssen – und allerorts durch die Belegung von Turnhallen oder schnell errichteten Provisorien auch ergriffen werden –, stellt einen selbstverständlichen Akt der zwischenmenschlichen Fürsorge und Solidarität dar. Dass aber auch für eine mittel- und längerfristige Unterbringung ungeeignete, weder ökonomisch noch ökologisch nachhaltige Ansammlungen von Interimsbauten errichtet werden, ist aus der Not der Städte und Gemeinden heraus zunächst verständlich, wird sich aber à la longue als Fehler erweisen, und zwar ökonomisch, gesellschaftlich und politisch. Wohnungsbau für Flüchtlinge ist letztlich nichts anderes als „ganz normaler“ Wohnungsbau. Und dafür gibt es architektonische und städtebauliche Qualitätskriterien, hinter die wir trotz der Krise nicht zurückfallen dürfen.

Fluechtlinge in Mazedonien_Foto Manu Gómez_Fotomovimiento org_flickr CC BY-ND 20_groß

Flüchtlinge an der Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien in der Nähe der Ortschaft Idomeni im März 2016, Foto: Manu Gómez, fotomovimiento.org

 

Der Bund Deutscher Architekten BDA ergreift mit dieser Sammlung von Texten die Initiative, die in seinen Reihen vorhandenen Fachkenntnisse für das Planen und Bauen zu teilen und für den akut notwendigen Wohnungsbau für Flüchtlinge nutzbar zu machen. Dabei ist keine „Rezeptsammlung“ beabsichtigt, wohl aber ein „Mutmacher“ für Politiker und Fachverwaltungen in den Kommunen. Die vorgestellten Beispiele stellen dabei nur einen Ausschnitt der möglichen Antworten auf die derzeit brennenden Fragen dar, zeigen aber Möglichkeiten, wie die Aufnahme und Integration städtebaulich und architektonisch unterstützt werden können.

Die Sammlung stellt Projekte zusammen, die unterschiedliche Stadien der Unterbringung von Geflüchteten abbilden: von Notunterkünften in „dörflich“ gruppierten Containersiedlungen, die bereits städtebaulich gedacht sind und ein Miteinander der Bewohner ermöglichen, über die rasche und effiziente Umnutzung leerstehender Bestandsbauten und modularer Systeme, die inzwischen oft in Holz- oder Massivbauweise umgesetzt werden, bis hin zur integrierten Unterbringung von Flüchtlingen in städtischen Neubauquartieren und im Quartiersbestand. Hinzu kommen Projekte, die das „In-Arbeit-Bringen“ der Neuankömmlinge inmitten unserer Städte thematisieren.

Der Wohnungsneubau ist grundsätzlich weniger als sozialtechnisches, sondern vielmehr als langfristiges städtebauliches Projekt zu denken. Wie in den Nachkriegsjahren, als in Deutschland für Millionen Vertriebene und Aussiedler geordnete Siedlungen in hoher städtebaulicher Qualität und bescheidener, aber sehr solider Gestaltqualität geschaffen wurden, die vielfach bis heute ihre Daseinsberechtigung nicht verloren haben, können auch jetzt Wohnungsbauten entstehen, die vorausschauend geplant, mit einer akzeptablen Infrastruktur ausgestattet und mit der bestehenden Stadt räumlich und gesellschaftlich vernetzt sind. Das schließt ausdrücklich auch kreative Umnutzungen im Bestand ein. Die Kommunen wollen sich dieser Verantwortung stellen und sollten den Mut haben, über die Provisorien hinaus den erforderlichen Bau von Wohnungen als Aufgabe zur qualitätvollen Weiterentwicklung der Städte zu begreifen.

Dafür aber müssen die entsprechenden politischen Rahmenbedingungen geschaffen werden. Wer bezahlbare Wohnkosten politisch will, kommt um eine gezielte Förderung geeigneter Objekte nicht herum, um deren Ge­ste­hungs­kos­ten wirtschaftlich möglich zu machen. Hochpreisiger Wohnungsbau, der mit Steuerabschreibungen subventioniert wird, erzeugt dagegen oft nur Mitnahmeeffekte. Geeignete Grundstücke der öffentlichen Hand dürfen nicht zum Höchstpreis, sondern müssen im Rahmen einer aktivierenden Baulandpolitik zweck- und konzeptgebunden vergeben werden.

Wenn ordnungspolitische Anforderungen das Bauen immer mehr verteuern, können die dadurch verursachten Preissteigerungen auch durch noch so intelligente und ressourcenschonende Planungen nicht mehr aufgefangen werden. Weitere kostentreibende Verschärfungen von Vorschriften sollten vermieden werden, um am einzelnen Objekt zu definierende Standards zu ermöglichen. Auch ist die Politik der pauschalen Erhöhung von Grunderwerbs- und Grundsteuer kontraproduktiv. Eine ausgewogene Mischung der Akteure auf Bauherrenseite von Privatleuten über Baugruppen, Genossenschaften, kommunalen Wohnungsbaugesellschaften bis hin zur gewerblichen Immobilienwirtschaft kann die Vielfalt an Angeboten fördern und kostensenkend wirken. Schließlich ist jeweils vor Ort eine Debatte anzustreben, wo und in welchem Maße bauliche Nachverdichtung möglich und sinnvoll sein kann, ohne die städtischen Freiräume als wichtige Orte für Begegnung über Gebühr zu beanspruchen.

Wohnungen für Flüchtlinge sind Wohnungen für unsere Mitmenschen. Das Erscheinungsbild darf einer Stigmatisierung nicht Vorschub leisten. Was wir heute bauen, wird Jahrzehnte lang Teil unserer gebauten Umwelt sein. Gut gedachte Lösungen müssen jetzt Vorrang vor schnellen Lösungen haben.

Dipl. Ing. Heiner Farwick (*1961) studierte Architektur und Städtebau an der Universität Dortmund. Von 1990 bis 1991 arbeitete er im Architekturbüro Hans Busso von Busse (München). 1992 erfolgte die Gründung des Büros farwick+grote architekten und stadtplaner, Ahaus/Dortmund. 1996 wurde Heiner Farwick in den BDA berufen. Von 2007 bis 2009 war er kooptiertes Mitglied im BDA-Präsidium, ab 2009 Präsidiumsmitglied und seit Dezember 2013 Präsident des BDA.

Foto: Manu Gómez, fotomovimiento.org

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