Buch der Woche: Gottfried Böhm in Bergisch Gladbach

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Immer wenn Jubiläen dräuen, steigt die Zahl der einschlägigen Publikationen. Das eklatanteste Beispiel der letzten Jahre ist das Bauhaus-Jubiläum 2019, das eine schier atemberaubende Bugwelle sinnvoller und weniger sinnvoller Bücher zur Geschichte und Wirkung der Kunst- und Architekturschulen in Weimar, Dessau und Berlin vor sich hergeschoben hat. Auch zum 100. Geburtstag des Pritzker-Preisträgers Gottfried Böhm hätte man eine solche Buchflut erwarten dürfen. Doch bisher tut sich auf dem Markt nur wenig. Neben den vielen Veranstaltungen der Kölner Initiative „Böhm100“, die derzeit pandemiebedingt auf Eis liegen, ist es lediglich die aktuelle Ausgabe 2/2020 von der architekt, die sich in größerem Umfang des Jubeljahrs des Kölner Architekten angenommen hat.

Gottfried Böhm, Kinder- und Jugenddorf Bethanien, Bergisch Gladbach-Refrath 1963–1967, Foto: Stefan Knecht

Gottfried Böhm, Rathaus, Bergisch Gladbach-Bensberg 1962–1971, Foto: Stefan Knecht

Gottfried Böhm, Rathaus, Bergisch Gladbach-Bensberg 1962–1971, Foto: Stefan Knecht

Einer der Autoren unserer Printausgabe hat indes noch mehr aufgeboten: Stefan Knechts Buch zu Gottfried Böhms Bauten in Bergisch Gladbach ist zwar schon 2018 erschienen, aber noch wenig bekannt. Es ist ein anregender Hybrid, der einerseits einen wichtigen Ausschnitt aus dem Werklauf Gottfried Böhms wie eine Monographie behandelt, andererseits als umfangreicher Architekturführer fungieren kann. Der regionale Ausschnitt, den der Autor für seine essayistischen Einlassungen, Beschreibungen und Analysen gewählt hat, entspringt keineswegs einer provinziellen Auswahl, sondern es widmet sich einem regionalen Arbeitsschwerpunkt Gottfried Böhms: Der Kölner hat von Beginn seiner Tätigkeit in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre im eigenen Büro, als er mit der Planung der Herz-Jesu-Kirche in Schildgen begann, bis zum Bau des Bürgerhauses „Bergischer Löwe“ in Bergisch Gladbach 1977 bis 1980 immer wieder in der Region gearbeitet und dabei einige Hauptwerke hinterlassen. Dazu gehören neben Schildgen und dem Bergischen Löwen das Kinder- und Jugenddorf Bethanien in Refrath (1963–1967) und das Rathaus in Bensberg (1962–1971), das ein bis heute beeindruckendes Beispiel für Böhms Kunst im Umgang mit historischem Baubestand ist. Neben diesen Bauten behandelt Knecht auch nicht ausgeführte Projekte Böhms, die insbesondere das Stadtzentrum von Bensberg betrafen.

Stefan Knecht: Gottfried Böhm in Bergisch Gladbach, Umschlag

Stefan Knecht: Gottfried Böhm in Bergisch Gladbach, Umschlag

Stefan Knechts Abhandlung hat den Vorteil der Systematik. Der Autor stellt bei jedem der behandelten Projekte die topographische Lage dar, erörtert kenntnis- und detailreich die Planungsgeschichte und schildert schließlich in treffenden Beschreibungen die Ausführung des jeweiligen Gebäudes. Beim rein Deskriptiven bleibt es jedoch nicht: Knecht fügt seinen Ausführungen stets ein Kapitel hinzu, in dem er eine Deutung der Bauten unternimmt. Dazu gehört neben der eigenen Interpretation meist auch ein Blick in die Rezeptionsgeschichte, die diese Abschnitte besonders interessant erscheinen lässt: Denn aus der unterschiedlichen Wahrnehmung und Interpretation der Bauten Böhms damals und heute erklärt sich ein nicht geringer Teil ihrer architekturhistorischen Bedeutung.

Stefan Knecht: Gottfried Böhm in Bergisch Gladbach, aufklappbarer Grundriss (Herz-Jesu-Kirche in Schildgen)

Stefan Knecht: Gottfried Böhm in Bergisch Gladbach, aufklappbarer Grundriss (Herz-Jesu-Kirche in Schildgen)

Ein besonderes Wort sei noch zur Ausstattung des Buchs gesagt: Stefan Knecht hat nicht nur den Text und dessen Layout vollständig selbst bearbeitet. Jedes Bauwerk ist mit zahlreichen Fotografien, Schwarzplänen, meist doppelseitig aufklappbaren Grundrissen, Axonometrien, Ansichten und Funktionsdiagrammen dokumentiert. Alle Fotos, Pläne und Zeichnungen hat er selbst angefertigt. Schon diese liebevolle Zuwendung zu den Objekten rechtfertigt den Erwerb dieses Bandes – und ihre hohe Wertschätzung in Stefan Knechts Buch entspricht der überregionalen architekturhistorischen Bedeutung, die sie haben.
Andreas Denk

Stefan Knecht: Gottfried Böhm in Bergisch Gladbach. Schriftenreihe des Bergischen Geschichtsvereins Rhein-Berg e.V., Band 77, Hg.: Michael Werling, 208 S., zahlr. Karten, Abb. und S-W-Fotos, Bergisch Gladbach 2018, 15.- Euro.

Abbildungen oben:
groß: Gottfried Böhm, Bürgerhaus Bergischer Löwe, Bergisch Gladbach 1977–1980
klein, links: Gottfried Böhm, Kinder- und Jugenddorf Bethanien, Bergisch Gladbach-Refrath 1963–1967
klein, rechts: Gottfried Böhm, Herz-Jesu-Kirche, Bergisch Gladbach-Schildgen 1957–1960
alle Fotos: Stefan Knecht

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