editorial

wo bist du heute?

Jedes Mal, wenn wir unseren Chefredakteur Andreas Denk in unserer wöchentlichen Videokonferenz getroffen haben, gab es eine kleine Überraschung. Denn immer erschien er vor einem anderen originellen Bildhintergrund, der uns Anlass zum Rätseln und zur Frage gab: „Na, wo bist Du heute?“. Manchmal war erst nach einigen Momenten klar, dass es sich hierbei um Fotografien handelt und nicht um reale Räume, da er die Ausschnitte meist geschickt auswählte.

So fanden wir uns wahlweise in der Sauna, in der Raumstation ISS, in einem Baumhaus im Hambacher Forst, im Iglu, in der Damentoilette des Münchner Restaurants Tantris, in Heideggers Hütte im Schwarzwald, im Maßregelvollzug oder auch in einem Bordell wieder. Man mag einiges davon zumindest als skurril empfinden, doch hat sich Andreas nicht beirren lassen und diese Hintergründe nicht nur für unsere redaktionsinternen Besprechungen, sondern auch für andere – offiziellere – Anlässe genutzt. In gewisser Weise hat sich selbst in dieser kleinen Gewohnheit seine Persönlichkeit und Haltung widergespiegelt, die nicht nur von einer steten Auseinandersetzung mit Architektur und Raum, sondern auch von Kreativität, Humor sowie Mut zur eigensinnigen Position bestimmt waren. Das hat ihn liebenswert gemacht und dafür haben wir ihn bewundert.

Die vorliegende Ausgabe versammelt nun Texte von und Erinnerungen an Andreas Denk, die parallel zueinander angeordnet sind. Damit handelt es sich bereits rein formal um eine Hommage an ihn, da er die Verschränkung von Textformen sehr geschätzt hat. Die Auswahl einiger seiner Texte aus den vergangenen knapp 30 Jahren, die wir gemeinsam mit den langjährigen Redakteuren Alice Sàrosi und David Kasparek getroffen haben, erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Entstanden ist vielmehr eine möglichst abwechslungsreiche Anthologie verschiedener Texttypen und -inhalte, die nicht nur Andreas Denks breites Repertoire repräsentieren, sondern trotz des traurigen Anlasses auch ein wenig Freude beim Blättern machen soll. Jedem Text ist ein kurzer Vorspann vorangestellt, der ihn in das Leben und Werk von Andreas Denk einordnet.

Zentraler Bestandteil seines Wirkens waren aber auch die zahlreichen Begegnungen, die seine Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter auf der zweiten Textebene Revue passieren lassen. Den BDA, der Anlass für viele dieser Begegnungen war, begriff er als Reisekönigtum, in dem es keine zentrale Hauptstadt gibt, sondern sich der Mittelpunkt stetig verschiebt. Auf dem Thron sah er natürlich nicht sich selbst – doch er reiste gern mit. Die Stimmen, die wir quer durch die Republik eingeholt haben, zeugen von dem, was er allerorts hinterlassen hat. Dadurch ist es auch ein sehr persönliches Heft der Erinnerungen geworden, was uns diejenigen, die Andreas Denk nicht näher kannten, verzeihen mögen (aber hoffentlich trotzdem lesenswert finden).

Andreas Denk hat diese Zeitschrift über 20 Jahre lang als Chefredakteur geprägt und unzählige Anregungen in den BDA getragen. Viele seiner Gedanken, die in den hier versammelten Texten zum Ausdruck kommen, wirken dabei sogar nach vielen Jahren noch hochaktuell, andere sind deutlicher in ihrer Zeit verhaftet. Um der Historizität willen haben wir nicht in die Texte eingegriffen.

Abgebildet sind einige von Andreas Denks Videokonferenz-Hintergrundbildern. Leider müssen diese Szenerien nun ohne Andreas‘ Gesicht und sein herzliches Lachen auskommen. Wir hoffen, dieses Heft kann dazu beitragen, dass zumindest seine Gedanken und Ideen weiter lebendig bleiben.
Elina Potratz und Maximilian Liesner

ZUR ÜBERSICHT DER BEITRÄGE VON HEFT 6/2021

Fotos: Archiv Denk

 

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