Felix Wilke

Zwischen Gegenwart und Zukunft

Zu einer Soziologie des Sparens

Das Sparen aus einer soziologischen Perspektive betrachtet der Kasseler Soziologe Felix Wilke, und wird die als selbstverständlich wahrgenommenen Sparhandlungen genauer untersuchen und nach Herkunft, Gründen und Motiven abklopfen. Für ein solches Vorhaben sei der Blick in die Begriffsgeschichte des Sparens ebenso unerlässlich wie die genaue Analyse des heute üblichen monetär gedachten Spargedankens. Es zeigt sich, dass das Sparen ein wesentliches Bindeglied zwischen Gegenwart und Zukunft darstellt – ohne sich über letzteres Gedanken machen zu müssen.

Klimpergeld und Knöpfe in ein Porzellanschwein werfen, das Jugendgirokonto mit kleinen Aufklebern versehen, einen Bausparvertrag kaufen, die erste Aktie zeichnen und dann irgendwann die Lebensversicherung auszahlen lassen: so oder ähnlich sieht die Sparbiografie eines normalen Bundesbürgers aus. Sparen, das weiß man, gehört von klein auf dazu. Am deutlichsten zeigt sich dies an den Ermahnungen, die jene erfahren, die es unterlassen. Sparen ist also nicht nur normal, sondern es wird in der Gesellschaft als wertvoll erachtet.

Hier soll das Sparen aus einer soziologischen Perspektive beobachtet werden. Dabei geht es nicht darum einzuschätzen, ob dieses oder jenes Sparen besser wäre oder lieber unterlassen werden sollte. Handlungsanweisungen, wie man „richtig“ spart, sind daher eher einem beliebigen Ratgeber zu entnehmen. Stattdessen sollen die als selbstverständlich wahrgenommenen Sparhandlungen genauer untersucht und nach Herkunft, Gründen und Motiven gefragt werden.

Der Aufstieg des Sparbegriffes
Der Begriff des Sparens wird heute in ambivalenter Weise benutzt. Diese Ambivalenz lässt sich etymologisch rekonstruieren. Die historisch am weitesten zurückreichende Bedeutung des Begriffs ist auf den Erhalt von etwas bereits Bestehendem ausgerichtet. Sehr deutlich wird dies am früher verbreiteten Ausspruch: „Gott spare dich gesund“ (vgl. Krünitz et. al. 1832: 330). Der Begriff ist hier an eine gesunde Person gerichtet, verbunden mit dem Wunsch, dass das auch so bleiben soll. Es geht also darum, für ein bestimmtes „Objekt“ einen Zustand zu erhalten.

Der moderne Sparbegriff löst sich von diesem engen Bezug auf ein bestimmtes Objekt. Zunächst wird er immer mehr in einen monetären Bezugsrahmen gebracht. Zum einen, indem vordergründig Geld zum Sparobjekt wird, das aber erst durch den Verweis auf etwas anderes seine Bedeutung bekommt. Zum anderen, indem bei einem ressourcenschonenden Verhalten der monetäre Mehrwert in den Vordergrund rückt und nicht die Ressource selbst. Simmel hat diese moderne Verwendung des Sparbegriffes schon sehr früh hervorgehoben: „Sparen schlechthin heißt für uns: mit Geld sparen; und wenn man mit Verbrauchsgegenständen sparsam umging, so war der selbstverständliche Sinn davon, dass man ihren Geldwert sparte; sie selbst waren gar nicht das eigentliche Objekt des Sparens, denn man konnte sie ja in jedem Augenblick wieder ersetzen, wenn man das nötige Geld hatte.“ (Simmel 1915).

Zu sparen heißt heute also immer weniger etwas Bestimmtes in seinem Zustand zu bewahren, sondern Geld anzusammeln. Damit verschiebt sich der Fokus des Sparens. Nicht mehr der alte Zustand eines Objektes, sondern die zukünftige Verwendung des Geldes rückt in das Zentrum der Aufmerksamkeit.

Dieser Wandel in der Anwendung des Sparbegriffs ist nicht zufällig. Er steht in enger Verbindung mit der Entstehung des modernen Denkens zum Zeitalter der Aufklärung. Genauer gesagt resultiert dieser Wandel aus der Einsicht in die Gestaltbarkeit sozialer Verhältnisse, in denen nicht mehr göttliche Steuerung, sondern menschliche Entscheidungen die Funktion eines Explanans übernehmen. Monetäres Sparen beruht daher auf der modernen Einsicht, das eigene Leben über Entscheidungen maßgeblich beeinflussen zu können.

Werbung der Berliner Sparkasse, Berlin 2012; Foto: David Kasparek

Werbung der Berliner Sparkasse, Berlin 2012; Foto: David Kasparek

Parallel zu dieser semantischen Verschiebung erlebt der Begriff der „Sparsamkeit“ einen Aufstieg in den deutschen Tugendkanon. Während er vor dem 16. Jahrhundert noch überwiegend für den Umgang mit (bestehender) häuslicher Mangelwirtschaft gebräuchlich ist (Löffler 2009, Münch 1984: 22ff), etabliert er sich im Zeitalter der Aufklärung auch in einem anderen Kontext und wird zunehmend als tugendhafte Verhaltensweise interpretiert. Sparsamkeit wird nicht mehr nur im Umgang mit knappen Haushaltsressourcen angemahnt, sondern nun auch auf Konsumhandlungen umgemünzt (Löffler 2009).

Der bürgerliche Begriff der Sparsamkeit bekommt dabei einen deutlichen Zukunftsbezug, ähnlich wie der des Sparens. In der bürgerlichen Literatur steht Sparsamkeit mehr und mehr für die moralisch erwünschte Verhaltensweise, sich durch aktuellen Verzicht in der Zukunft ein besseres Leben zu ermöglichen (Münch 1984). Diese bürgerliche Vorstellung, ein sparsames Leben sei gleichzeitig ein gutes und erfolgreiches Leben, stellt auch heute noch eine wichtige Wertauffassung dar.(1)

Warum erfährt gerade monetäres Sparen eine starke Verbreitung?
Die Beschreibung des Bedeutungswandels des Sparbegriffs stellt eine wichtige Einsicht dar. Gleichzeitig stellt sich aber die Frage, warum gerade die monetäre Dimension des Sparbegriffs derart an Bedeutung gewonnen hat. Die ökonomische Theorie hat diesbezüglich wenig zu sagen. Sie konzipiert den monetären Sparbegriff unter nichtmonetärem Deckmantel – als bereits im Voraus geplanten Konsum. Tatsächlich – und hier sollte eine Soziologie des Sparens ansetzen – begründet sich monetäres Sparen hauptsächlich in seiner Unbestimmtheit (Wilke 2010).

Georg Simmel (2000) hat sich als einer der Gründungsväter der deutschen Soziologie sehr intensiv mit der Rolle der Geldwirtschaft in der modernen Gesellschaft auseinandergesetzt. Er argumentiert, dass Geld mehr als ein reines Tauschmittel ist. Dadurch, dass Geld den „Schlüssel zu unendlich vielen Türen“ darstellt, wird es im Handlungshorizont der Leute zu einem Selbstzweck. Die eigentlichen Bedürfnisse, derenthalben das Mittel Geld angestrebt wird, treten daher nach Simmel immer mehr in den Hintergrund. Wofür das Ersparte verwendet werden soll, ist deshalb weniger wichtig. Simmel (2000: 298) erfasste diese ambivalente Doppelrolle des Geldes, indem er es als „absolutes Mittel“ bezeichnete – wohl wissend, dass ein Mittel nicht absolut sein kann, da es eigentlich einem Zweck dient (Deutschmann 2008: 41-54).

Die aktuelle geldsoziologische Forschung hat zudem – und hier wird die Verbindung zum Gegenstand des Sparens deutlicher – herausgestellt, dass das Geld als absolutes Mittel zusätzlich an Bedeutung gewinnt, wenn die Offenheit zukünftiger Entwicklungen berücksichtigt wird (Paul 2012).

Werbung eines Getränkemarkts, Berlin 2012; Foto: David Kasparek

Werbung eines Getränkemarkts, Berlin 2012; Foto: David Kasparek

Monetäres Sparen erhält in einer solchen Konzeption von zwei Seiten eine besondere Bedeutung: Zum einen eröffnet es Phantasien, das Geld für Dinge zu veräußern, die es heute noch gar nicht gibt und die erst in einer unbestimmten Zukunft erschaffen werden könnten. Zum anderen ermöglicht monetär Erspartes, auf unerwartete Situationen zu reagieren.

Mit dem nötigen Vertrauen in die Verwendungsmöglichkeit von Geld sichert Sparen in Form von Geld auch in der Zukunft die Handlungsfähigkeit der Leute. Es ermöglicht Akteuren irreversible Entscheidungen, die sich später als suboptimal herausstellen könnten, zu vermeiden, ohne auf die Entscheidungsmöglichkeit selbst zu verzichten. Sparen lässt sich so am besten verstehen als ein aktiver Umgang mit der Tatsache, dass wir nicht wissen (und nicht wissen können), was in Zukunft passieren wird. Es ermöglicht deshalb zukunftsgewandtes Handeln – ohne weitreichende Kalkulationen über die Zukunft anstellen zu müssen! Es gibt also gute Gründe monetär zu sparen.

Konsequenzen monetär gedachten Sparens
In einem letzten Schritt soll gezeigt werden, welche Konsequenzen sich für das Verständnis von Sparen ergeben, wenn dieses in einem monetären Referenzrahmen gedacht wird. Während nicht-monetäres Sparen auf einer Mensch-Objekt Beziehung beruht, ist monetäres Sparen genuin sozial. Beim Sparen, das macht spätestens die Einzahlung auf der Bank deutlich, wird eine soziale Beziehung zwischen Gläubiger und Schuldner konstituiert.(2)

Dies impliziert eine wichtige Schlussfolgerung für monetäres Sparen: Im Resultat ergeben Gläubiger und Schuldner mit ihren Forderungen und Verpflichtungen ein identisches Paar – eben nur mit verschiedenen Vorzeichen. Vermögen und Schulden stehen sich so immer in gleicher Höhe gegenüber. Dieser Aspekt wird bei einem rein auf das Sparen verengten Blick häufig vergessen. Der Beziehungscharakter monetären Sparens bedeutet gleichzeitig eine sehr fragile Grundlage: man kann nie wissen, ob man vom Sparen am Ende auch etwas hat.

Mit dem Aufstieg des Sparbegriffes zu einer zentralen Wertkategorie bürgerlichen Denkens verändert sich zudem die Logik der Sparhandlungen. Mit den Worten Max Webers (1984: 44ff) liegt mehr und mehr ein wertrationales Handeln vor, bei dem der Wert (Sparen) als Handlungsziel ungeachtet der Konsequenzen, die dieses Handeln zeigt, verfolgt wird. Der enorme Vorteil monetären Sparens, nicht im Vorhinein auf ein Objekt begrenzt zu sein, lässt sich deshalb auch als dessen größte Gefahr lesen: Es wird sehr schnell vergessen, warum eigentlich gespart wird. Zwar begleitet seit jeher das abschreckende Bild des Geizigen, der Sparsamkeit als Selbstzweck betreibt, das bürgerliche Denken (Simmel 2000, Münch 1984), jedoch fehlt es an klaren Kriterien, wann Sparsamkeit in Geiz umschlägt.

Werbung eines Fitness- Studios, Berlin 2012; Foto: David Kasparek

Werbung eines Fitness- Studios, Berlin 2012; Foto: David Kasparek

Handlungsorientierungen, die das Gegenteil von Sparen, nämlich das Verausgaben von Mitteln, bedeuten, ziehen in diesem auf der Wertebene angelegten Vergleich häufig den Kürzeren. Nächstenliebe, Ästhetik, Kunst und Qualität können so leicht auf der konsensuellen Grundlage, dass doch zumindest Geld gespart wurde, vernachlässigt werden. Dass diese Aspekte langfristig positive Konsequenzen haben könnten, wird dabei systematisch ausgeblendet – es sei denn, sie werden wiederum hinsichtlich eines langfristigen Sparpotentials in einen monetären Zusammenhang gestellt.

Monetäres Sparen erfüllt in einzigartiger Weise zentrale Handlungsziele von Individuen in einer modernen Gesellschaft: Es ist an Individuen adressiert und erfüllt den zentralen Wunsch nach Handlungsspielräumen in Anbetracht einer unbekannten Zukunft. Es ist daher wenig verwunderlich, dass Sparsamkeit zu einer zentralen Wertkategorie aufgestiegen ist. Damit geraten allerdings auch Konsequenzen von Sparhandlungen tendenziell aus dem Blick. Es kann daher viel gewonnen werden, wenn ab und zu über Gründe und Ziele eigener Sparhandlungen nachgedacht und Sparen nicht als Selbstzweck betrieben wird.

Anmerkungen
1 Im Umkehrschluss steht damit Nichterfolg immer im Verdacht, jene Tugend nicht befolgt zu haben.
2 Genauer gesagt, wird beim genannten Beispiel der Bank eine doppelte soziale Beziehung konstituiert. Einerseits wird eine soziale Beziehung mit dem Schuldner zur Überlassung von Anspruchsrechten (Geld) begründet. Diese Anspruchsrechte wiederum repräsentieren eine Forderung gegenüber der Gesellschaft als Ganzem (ähnlich: Ganßmann 2002).

Literatur
Deutschmann, C. (2008): Kapitalistische Dynamik. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Ganßmann, H. (2002): Die Ordnung der Gesellschaft als Zahlungswirtschaft, in: Deutschmann, C. (Hg.) (2002): Die Gesellschaftliche Macht des Geldes. Westdeutscher Verlag, 26-46.
Krünitz, J. G. (1832): Oeconomische (Oekonomisch-technologische) Encyclopädie, oder allgemeines System der Land- Hausund Staats-Wirthschaft. Berlin: Paulische Buchhandlung.
Löffler, K. (2009): Wer das Wort hat…über die Karrieren des Begriffs ‚Sparsamkeit‘, in: Beitl, M./Rapp, C./Rapp-Wimberger, N. (Hg.) (2009): Wer hat, der hat. Eine illustrierte Geschichte des Sparens. Wien: Metroverlag, 33-48.
Münch, P. (1984): Ordnung, Fleiß und Sparsamkeit. Texte und Dokumente zur Entstehung der ‚bürgerlichen Tugenden‘. München: Deutscher Taschenbuch Verlag. Paul, A. T. (2012): Die Gesellschaft des Geldes. Wiesbaden: Springer VS.
Simmel, G. (2000 [1915]): Geld und Nahrung, in: Simmel, G.: Gesamtausgabe Band 13. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 117-123.
Simmel, G. (2000 [1900]): Philosophie des Geldes. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
Weber, M. (1984): Soziologische Grundbegriffe. Tübingen: J.B.C. Mohr.
Wilke, F. (2010): Sparen aus Ungewissheit. Der Erhalt von Handlungsoptionen als Antrieb individueller Sparentscheidungen. Kassel: Kassel University Press.

Felix Wilke (*1983) studierte Soziologie an der Universität Leipzig und Politische Soziologie in Falun (Schweden). Seit 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Kassel und promoviert dort zu Entscheidungsprozessen bei der privaten Altersvorsorge. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört die Geldsoziologie, die Spar- und Vorsorgeforschung sowie die Soziologie der Sozialpolitik. Aktuell arbeitet er zudem am Drittmittelprojekt: „Orientierungssuche bei der privaten Altersvorsorge“.

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