Buch der Woche: Bremen und seine Bauten

1950 bis 1979

„Bremen und seine Bauten“ ist der inzwischen zum dritten Mal verwendete Buchtitel: 1900 hatte der Architekten- und Ingenieur-Verein auf fast 800 Seiten mit etwa genauso vielen Abbildungen und Beilagen alles Gebaute gesammelt, das „aus Handel und Wandel mit dem Ingenieurwesen in Verbindung steht“ – einschließlich Schifffahrt, Kanalisation und den Anfängen der „Elektrischen“ als Ersatz für die Pferdebahn. Ähnlich breit angelegt war „Bremen und seine Bauten 1900–1951“, herausgegeben von Carl Thalenhorst (1875–1964), der von 1920 bis 1931 als Mitglied der DDP Senator für das Bauwesen in Bremen war – mit Beihilfe von über 70 „Mitarbeitern“, vor allem Architekten und Beamte, deren Beiträge nicht auf Gebäude beschränkt waren, auch Schiffe und ihre Einrichtungen kamen vor. Seitdem spiegelt sich das architektonische Geschehen der Stadt in zahlreichen Veröffentlichungen. Beispielsweise in Architekturführern oder den seit 1974 regelmäßig alle vier Jahre erscheinenden Katalogen zum BDA-Preis, sowie in den Schriften des Bremer Zentrums für Baukultur, dessen wissenschaftlicher Leiter Eberhard Syring ist.

Syring will jetzt – im dritten Buch, das den Titel „Bremen und seine Bauten“ trägt – eine Gesamtdarstellung der gebauten Häuser und des zuvor Gedachten. Es wird zugegangen sein, wie im Märchen vom guten süßen Hirsebrei: Immer tun sich neue Quellen auf, die Material liefern. Forschungen neigen zur Gründlichkeit. So sind es 500 Seiten geworden. Allein für die Jahre 1950 bis 1979 mit fast 300 ausgewählten Bauten, mit über 1.200 historischen Fotos, Zeichnungen und Karten. Das ist keine Strandkorblektüre – eher eine Grundlage für einen neuen Architekturführer.

Gegliedert ist die Zeit in die Abschnitte 1950 bis 1964 und 1965 bis 1979. Zwei Überblicke in gleicher Gliederung zu den Themen sind vorangestellt: Architekturtrends, Architekten, Innenstadtkonzepte, Wohnungsbau und dergleichen. Obendrein sind Stichworte des Baugeschehens für jedes einzelne dieser Kalenderjahre verzeichnet. Die Aufteilung in jeweils 15 Jahre folgt dem Versprechen, die Zeiten ab 1980 in einem nächsten Band folgen zu lassen. Der zeitliche Ablauf dominiert sachliche Zusammenhänge, so dass spätere Umbauten und Überformungen nur hinweisartig erkennbar sind. Vielfach findet der Leser Planungsabsichten in Wettbewerbsbeiträgen oder auch verworfenen Projekten. Mitunter haben sich die einem häufigen Paradigmenwechsel unterworfenen Ideen kurzfristiger erwiesen als die baulichen Resultate, an denen Fachleute und Bevölkerung heute mitunter wenig Freude finden. Syring vermeidet allerdings schrille Verrisse vergangener Irrungen, sondern sucht eine kritische Reflexionsebene. Die Auswahl der Bauten erfolgt deshalb nicht nach ästhetischen Qualitäten, sondern nach ihrer Aussagekraft über deren Entstehungszeit. Dieser Ansatz verhindert ein Lamentieren über die Hässlichkeiten einer sonst ganz schönen Stadt, ohne dass vergessen würde, dass Fehler Fehler sind und bleiben.

Ein Beispiel liefert der Schulbau in Bremen – nach dem Krieg vorbildlich in der Republik, dann aus mancherlei Gründen die Baustelle für massenhafte Typenschulen mit „atmosphärischen Defiziten“. Zeitweise wurde ausdrücklich auf den Bezug zu einer architektonischen Qualität verzichtet. Syring sucht auch hier übergeordnete Zusammenhänge, beobachtet, analysiert, interpretiert und gibt so ein Vorbild für alle, die sich mit Stadtentwicklungsgeschichte der Orte zwischen Ems und Oder befassen wollen. Damit weist das Buch über Bremen hinaus. So kann man es machen – so muss man es machen.

Die Planer der künftigen Stadt kommen ohne das Wissen des Gewordenen und des Vermiedenen nicht aus. Das Vermächtnis einer Stadt darf die Architekturgeschichte nicht ausblenden. Leider ist die Vervollständigung der Geschichtsschreibung und Dokumentation nicht so schnell zu erwarten. Immerhin steht der im 19. Jahrhundert gegründete und immer noch im Familienbesitz befindliche Schünemann-Verlag zu dem Projekt des nächsten – dann vierten – Bandes „Bremen und seine Bauten“ und auch die vielen Unterstützer von Eberhard Syring in Hochschulen, im Bremer Zentrum für Baukultur und Architekten stehen zu der Idee.

Dr. Eberhard Groscurth

Eberhard Syring: Bremen und seine Bauten 1950–1979, 400 S., zahlr. Abb., Carl Schünemann Verlag, Bremen 2014, 39,90 Euro, ISBN: 978-3-944552-30-9

RA Dr. Eberhard Groscurth war bis Anfang 2015 Geschäftsführer des BDA im Lande Bremen – mehr als vierzig Jahre lang. Er ist als Vertrauensanwalt für den BDA tätig, dessen Ehrenmitglied er ist. Eberhard Groscurth lebt und arbeitet in Bremen.

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