Spaziergänge mit Heiner Farwick

am engelbecken

Nichts geht über das Gespräch mit einem anregenden Gegenüber in anregender Umgebung. Deswegen haben der Präsident des BDA, Heiner Farwick, und Andreas Denk, Chefredakteur dieser Zeitschrift, den wahrscheinlich letzten schönen Sommertag in Berlin einem Spaziergang rund ums Engelbecken in Berlin-Kreuzberg gewidmet. Der Kontrast könnte nicht größer sein: Vom historistischen Stadtidyll über Bruno Tauts Gewerkschaftshaus, den angrenzenden polykulturellen Kreuzberger Kiez bis zur neuen Investoren-Banalretro-Wohnhausarchitektur wird den Diskutanten viel geboten: Ihnen jedoch geht es um das dominierende Thema dieser Tage.

Andreas Denk: Die Überraschung war groß, als man in der Bundesrepublik auch seitens der Regierung zur Kenntnis nehmen musste, dass der Strom der Flüchtlinge aus Syrien und anderen Ländern nicht nur in erheblichem Ausmaß, sondern auf Dauer nach Deutschland fließt. Dabei hat sich herausgestellt, dass Deutschland insgesamt unvorbereitet auf den – erwartbaren – Zustrom war. Eigentlich erstaunlich für das EU-Musterland, oder?

Heiner Farwick: Man darf schon den Eindruck haben, dass die Überraschung nicht nötig gewesen wäre. Wir wissen schon lange, dass die Zahl von Migranten weltweit erheblich anwachsen wird: Wenn sich die Lebensverhältnisse in manchen Ländern nicht verbessern, ist es unausweichlich, dass die Menschen dorthin gehen, wo ein besseres, auskömmliches Leben möglich ist. Deutschland, auch das ist nicht neu, gehört zu den Ländern, in denen man daher Zuwanderung erwarten kann. Nicht erst seit gestern, sondern seit Jahren gibt es Diskussionen über das Thema. Erstaunlich ist es, dass politisch Verantwortliche, aber auch wir als Gesellschaft uns nie mit dieser Fragestellung auseinandergesetzt haben – möglicherweise aus der Angst heraus, sich zu Wahrheiten bekennen zu müssen, denen sich manche nicht stellen wollen.

Andreas Denk: Wir haben schon im vergangenen Jahr in dieser Zeitschrift vom „Jahrhundert der Flüchtlinge“ gesprochen. Selbst wenn die Migration durch die Auseinandersetzungen im nahen Osten beschleunigt worden ist, war klar, dass durch Klimaveränderungen und politische, soziale, wirtschaftliche Ungerechtigkeiten große Wanderungswellen auf die „erste“ Welt zukommen. Aber was meinen Sie mit „Wahrheiten, denen sich manche nicht stellen wollen“?

Heiner Farwick: Dass tatsächlich ein gewisses Maß an Wanderung unausweichlich ist. Dass es nicht nur um eine kurzfristige Flüchtlingshilfe geht, weil viele Menschen, die kommen, bleiben wollen. Und dass dadurch politische und soziale Veränderungen auf uns zukommen, die unsere Gesellschaft auch belasten werden. Es werden erheblich mehr sein, die bleiben – nicht allein, weil sie unter Flucht, Vertreibung und Verfolgung leiden, sondern auch weil sie ihre Lebens-umstände dauerhaft verbessern wollen. Wir reden da zwar schnell von „Wirtschaftsflüchtlingen“ – aber wer will Menschen absprechen, sich nach einem Platz umzusehen für sich und die Familie, wo sie ein auskömmliches Leben führen können?

Andreas Denk: Aber genau dafür scheint im heutigen Europa kein Verständnis zu bestehen. Solange die Anwesenheit von Migranten angesichts von deren „Humankapital“ als geldwerter Vorteil erkennbar ist, sind sie mehr oder minder willkommen. Sobald es ans „Eingemachte“, um Wohlstand und Pfründe geht, wenn es ums Teilen geht, sind Flüchtlinge nicht gern gesehen.

Heiner Farwick: Wir haben uns hierzulande viel zu wenig damit beschäftigt, wie Einwanderungsmodelle aussehen könnten. Und wir haben die Erfahrungen, die in Deutschland bisher mit Einwanderung und Integration gemacht worden sind, nicht genutzt, um eine entscheidende Fragestellung weiterzuentwickeln: Denn alles in allem geht es doch darum, wie Zuwanderer integriert werden können. Welche Voraussetzungen und welche Folgen hat eine gelingende Integration? Und da müssen auch Architekten und Stadtplaner zu Wort kommen: Wie sehen Stadträume aus, wie Wohnformen, die auf Integration zielen? Die Debatte, die dazu geführt worden ist, ist bisher völlig unzureichend.

Andreas Denk: Das liegt wohl im Ressortdenken begründet, das die Politik unserer Republik dominiert. Integrative Lösungen werden derzeit von Sozialwissenschaftlern, Psychologen und Wohnungswirtschaftlern erwartet – aber Architekten sind in die Diskussion nicht eingebunden. Die „Fachleute“ können zwar für die nötige Quantität an Unterbringungsmöglichkeiten sorgen, aber mit der Frage nach Qualität und Aussehen der Unterkünfte – und damit auch mit einem wichtigen Bestandteil gelingender Integration – sind sie überfordert.

Das Engelbecken in Berlin-Kreuzberg, Foto: Andreas Denk

Das Engelbecken in Berlin-Kreuzberg, Foto: Andreas Denk

Heiner Farwick: Ich glaube, dass wir in genau solche Gedanken- und Produktionsprozesse intensiv einsteigen müssen – und zwar sehr schnell. Jetzt gerade geht es zunächst darum, Primärbedürfnisse der Flüchtlinge zu erfüllen. Aber wir müssen gleichzeitig überlegen, was wir im nächsten, im übernächsten Jahr und was wir in fünf oder zehn Jahren tun müssen, um denjenigen, die hier bleiben können, Lebensmodelle anzubieten – bei allen Schwierigkeiten, die da auf uns zukommen. Die Modelle, die beispielsweise der Bewältigung der gigantischen Flüchtlingswellen nach dem Zweiten Weltkrieg dienten, haben von der Siedlungsform bis zur Ausstattung der Kleinwohnung mit dem Garten zur Selbstversorgung eine auf Nachbarschaft beruhende Motivkette formuliert, die das Zusammenleben auch unter widrigen Umständen erleichtern sollte. Bei einer – sicherlich nur analog möglichen – Übertragung solcher Modelle auf heute könnte man sich überlegen, ob die beliebige separate Verteilung der Flüchtlinge nach ihrer Duldung oder der Zuerkennung des Bleiberechts immer richtig ist. Es könnte auch sein, dass man Menschen der gleichen ethnischen oder staatlichen Herkunft in Siedlungsformen durchaus als Gruppe belässt, um ihnen Heimat, Schutz und Identität zu geben.

Andreas Denk: Auch die Wiederbelebung verödender ländlicher Gegenden durch die Ansiedlung von Flüchtlingen könnte ja ein Modell sein, bei denen neue Methoden des Landbaus erprobt werden und die Neuankömmlinge dadurch nicht nur ihre eigene Existenz sichern, sondern auch einen zusätzlichen Verkaufsgewinn erzielen können. Dabei darf es keine Denkverbote geben: Denn es geht nicht nur darum, den Flüchtlingen ein Dach über dem Kopf zu besorgen, sondern ihnen auch Arbeit zu verschaffen. Bei den bisherigen offiziellen Überlegungen zur Integration ist genau dieser Bereich völlig unterbelichtet. Dabei ist der Faktor der Wertschätzung einer produktiven Leistung, der sich wiederum auf das Selbstwertgefühl und den Respekt der anderen auswirkt, ein entscheidender Punkt des Integrationsprozesses…

Heiner Farwick: …und dazu kommen die Fragen, wo und wie die Orte der Versammlung, der Religionsausübung, der Freizeitgestaltung sein sollen. Wir wissen nicht genau, wie das sein kann, welche Bedürfnisse die Menschen haben, aber wir können es herausfinden.

Andreas Denk: An vielen Hochschulen und in manchen Büros sind inzwischen durchaus plausible Modelle nicht nur für „Erstaufnahmeeinrichtungen“, sondern auch für integrierende Städte und Häuser entwickelt worden, die aber nur als Kuriosa gelegentlich in Tageszeitungen auftauchen. Nimmt man uns nicht ernst?

Heiner Farwick: Wir müssen uns einbringen, und man muss uns einbinden: Am Ende muss Integration räumlich konkret werden. Dafür sind Architekten die Fachleute, die Fachwissen mitbringen oder neue Lösungen entwickeln. Um als Architekten in einer so volatilen Welt zu agieren, müssen wir die Vision einer möglichen Gesellschaft entwerfen, für deren Ziele und Bedürfnisse wir uns ins Zeug legen wollen. In der Vorausschau ist uns vielleicht eine Neuformulierung von Teilen der Stadt möglich, die sich wieder einem gesellschaftlichen Ideal nähert, ohne das ein friedliches Zusammenleben so heterogener Gruppen und Individuen gar nicht möglich ist.

Andreas Denk: Architekten sind schließlich im Gegensatz zu anderen Disziplinen im Besitz von Raumwissen: Sie kennen Bedingungen der Behausung, der Begegnung, des Privaten und des Öffentlichen, des Eigenen und des Fremden, von Rückzug und Öffnung. Trotzdem sitzt in der nahezu ständig tagenden Ministerkonferenz der Bundesregierung, die sich mit der Flüchtlingsproblematik beschäftigt, kein Architekt am Tisch. Eigentlich gehörten Sie zu dieser Runde mit dazu!

Heiner Farwick: Eine Einladung würde ich sicherlich annehmen.

Foto: Andreas Denk

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