Spaziergänge mit Heiner Farwick

am michaelsberg

Der letzte Sonnentag im Spätherbst. Heiner Farwick, Präsident des BDA, und Andreas Denk, Chefredakteur dieser Zeitschrift, treffen in Siegburg aufeinander. Die Kleinstadt bei Bonn präsentiert ein beschauliches Feierabendtreiben bei allmählich sinkender Sonne. Laxe Ferienstimmung könnte aufkommen, doch unsere beiden Recken zieht es hinauf auf den steilen Berg: Über Siegburg thront nämlich anstelle der namensgebenden Burg des Kölner Erzbischofs seit 1064 die recht imposante Abtei Michaelsberg. Nachdem die Benediktiner die Stätte 2012 verließen, wird die Abtei umgebaut: Dann soll hier der Orden der Unbeschuhten Karmeliten und das Katholische Soziale Institut (KSI) einziehen. So weit wie die Ordensleute gehen Farwick und Denk nicht: Mit festem Schuhwerk erklimmen sie den Abteiberg und sprechen derweil über das Thema, das auch dieser Ausgabe des „architekten“ den Titel gab.

Andreas Denk: Wenn wir gegenwärtige Fragen der Architekturausbildung an den Hochschulen bedenken, stellen wir fest, dass immer intensiver die Frage danach gestellt wird, welche Rolle die Architektur im Kanon der Disziplinen hat. Die traditionelle Zuordnung zu den ingenieurwissenschaftlichen Fächern wird weder von den Ingenieuren noch von den Architekten vollständig geteilt. Die Idee, was das Wissenschaftliche in der Architektur sein könnte, unterscheidet sich offensichtlich grundsätzlich vom Selbstverständnis der Ingenieure. In der Architektur gibt es nur manchmal etwas zu beweisen und nur teilweise etwas zu berechnen. Der Rest ist Entwicklung, Invention, mitunter Phantasie und Kunst. Architektur ist nicht berechenbar…

Heiner Farwick: Architektur hat eine Sonderrolle. Die meisten Ingenieurschulen bauen vor allem auf den Methoden und Erkenntnissen der Naturwissenschaften auf, um dann die Sachverhalte, die für ihre spezifische Fragestellung nötig sind, für die unmittelbare Umsetzung herauszupräparieren. Architekten sind breiter aufgestellt, weil es in der Architektur eben nicht nur um die technisch-mathematisch exakte ingenieurstechnische Umsetzung geht, die zwar auch Teil unseres Berufsbildes ist. Es geht uns vielmehr um die Verantwortung im gesellschaftlichen Sinn: Wir destillieren die Notwendigkeiten des Bauens für die Gesellschaft. Dieser Erkenntnishorizont basiert auf der Geschichte der Stadt, die immer ein Spiegel der gesellschaftlichen Entwicklung ist, und der Geschichte des Bestandes, weil in vielen Gebäuden, auch in neueren, weitaus mehr „Geschichte“ vorhanden ist, als man oft zugestehen möchte.

Andreas Denk: Die Architektur umfasst den merkwürdigen Spagat zwischen dem streng Handwerklichen und dem freien Künstlerischen. Als dritten Pol hat sie schließlich auch noch die unterschiedlichen technischen Disziplinen, die ihr von der Materialkunde bis zur Konstruktion weitere Teilwissenschaften angliedert…

Heiner Farwick: Es ist gerade der künstlerische Aspekt, der in unserer Zeit oft mit Argwohn betrachtet wird, obwohl er eine Grundvoraussetzung für die Formfindung ist. Es ist eben nicht allein das Technische: Wir sehen das bei Bauwerken, die wir als Investorenarchitektur beschreiben. Dort fehlt genau dieser künstlerische Ansatz, und wir konstatieren eine gewisse „Blutleere“, einen Mangel an geistigem Gehalt. Auch dem laienhaften Betrachter fällt auf, dass da etwas fehlt. In unserer Zeit, in der es so sehr um das „Vermessen“ geht, ist das Künstlerische nur schwer zu greifen.

Andreas Denk: Aber das ist zugleich auch der Vorzug, den die Architektur hat: Sie kann nicht nur ein- oder zweidimensional, sondern im Sinne des Wortes dreidimensional argumentieren und dabei über zahlreiche Methoden der Gestaltfindung verfügen. Die Frage bleibt jedoch: Erreicht sie damit den Rang einer Wissenschaft, oder ist diese Frage eigentlich überflüssig?

Heiner Farwick: Überflüssig ist die Fragestellung nicht. Natürlich geht es nicht bei allen architektonischen Projekten darum, dass ihnen ein wissenschaftlicher Ansatz zugrunde liegt. Das wäre eine Überfrachtung. Aber es gibt immer wieder Aufgabenstellungen, die dieses Mehr erfordern, bei denen es im wissenschaftlichen Sinne dieses Erspüren, Erforschen, das In-die-Tiefe-Entwickeln geben muss.

Andreas Denk: Ein immer sinnvoller Ansatz ist das interdisziplinäre Denken und Arbeiten. Wenn es der Architektur gelingt, planmäßig und methodisch nachvollziehbar Ansätze anderer Wissenschaften aufzunehmen und im Denken und im Entwurf für sich nutzbar zu machen, könnte sich daraus eine wissenschaftliche Methode ergeben. Vielleicht ist das sogar die Möglichkeit, eine neue Form wissenschaftlichen Denkens über die Grenzen der einzelnen Disziplinen hinaus zu entwickeln. Vor einiger Zeit haben wir bei einem Berliner Gespräch darüber nachgedacht, ob sich die Architektur im Zusammenspiel mit anderen Gesellschafts- und Geisteswissenschaften zu einer „Lebenswissenschaft“ entwickeln könnte, die sich grundsätzlich mit der Einrichtung des Menschen in der Welt beschäftigt…

Heiner Farwick: Die interdisziplinäre Zusammenarbeit ist immer dann gut, wenn es um komplexe Bauaufgaben geht. Gerade dann kann es höchst gewinnbringend, ja unbedingt notwendig sein, sich mit Menschen auszutauschen, die nicht im Bereich der Architektur tätig sind. Sie ist vielleicht nicht immer vonnöten bei Entwürfen, für die ein vertieftes Hintergrundwissen schon vorhanden ist.

Andreas Denk: Wenn wir noch einmal zur Ausbildung zurückkehren, stellen wir fest, dass die Hochschulen auch von Architekturfakultäten immer mehr Forschungsleistungen erwarten, die mit entsprechenden Drittmittelakquisen verbunden sind. Forschung heißt dabei fast immer nur Material- oder Effizienzforschung. Entwurf und Gestaltung sind keine Felder, die allgemein mit dem Begriff „Forschung“ assoziiert werden. Halten Sie das für gerechtfertigt?

Heiner Farwick: Der Druck, Drittmittel einzuwerben, lässt sich natürlich eher in technischen Aspekten ablassen, an deren Erkenntniswert Industrien großes Interesse haben. Dass grundsätzliche Erkenntnisse und Ermittlungen zur Architektur und zum Städtebau als Forschungsergebnisse so wenig Beachtung finden, ist bedauerlich. Auch die Frage des Entwurfsprozesses an sich ist ja schon ein Teil der Forschung, der aber außerhalb unserer Disziplin kaum wahrgenommen wird. Unter dem großen Druck, der inzwischen auf den Architekturfakultäten und der Architekturlehre in Bezug auf Forschung und Drittmittel liegt, haben sicherlich die Freiräume gelitten, die Architekturlehrern heute zur Verfügung stehen, um sich mit solchen Fragestellungen auseinanderzusetzen. Ein Bewusstsein dafür, dass Architektur mehr ist als eine Anwendungsdisziplin, ist in den Hochschulen allgemein, in der Wirtschaft und in der Politik kaum vorhanden.

Andreas Denk: Lässt sich daran etwas ändern?

Heiner Farwick: Architekten allein haben sicherlich einen schweren Stand, wenn sie damit alleingelassen sind. Die Frage knüpft sich an, inwieweit die Lehrenden, die Professoren sich darüber im Klaren sind, dass ein Gedankenraum notwendig ist, der sich über den engeren Begriff von Architektur hinaus öffnet. Und wieweit man es als Notwendigkeit erachtet, sich solche Freiräume jenseits von bodenhaftenden Entwurfsaufgaben immer wieder und immer neu zu erarbeiten…

Andreas Denk: …und es kommt auch auf die Sprachfähigkeit an: Gerade Hochschullehrer müssten eigentlich mehr darüber sprechen – auch und vor allem mit anderen – was das Besondere und das Eigentliche des architektonischen Entwurfs ist. Das passiert immer noch zu wenig.

Heiner Farwick: Das kann ich natürlich nicht abschließend beurteilen. Es drängt sich allerdings meiner Wahrnehmung auf, dass die Räume dafür nicht ausreichend groß sind, und das wenige, was an Freiraum zur Verfügung steht, mitunter nicht genügend genutzt wird.

Andreas Denk: Erkennen Sie aus Ihrer Sicht auf Ihre Bauherren ein gesteigertes Interesse an solchen Zusammenhängen oder sogar ein Verständnis für die wissenschaftlichen Aspekte von Architektur?

Heiner Farwick: Im Regelfall ist das nicht so, weil auch die Bauherrschaften sich unter dem Druck fühlen, ein ökonomisches Ergebnis verbuchen zu müssen. Für sie ist – ganz profan – zumeist entscheidend, ein realisierbares Projekt unter spezifischen Parametern zu bekommen, bei dem die Vielfältigkeit und Wirkung von Architektur untergeordnet sind. Es gibt Ausnahmen bei klugen Bauherren, die die vielfältigen Wirkungsweisen der Architektur durchaus einzuschätzen wissen.

Andreas Denk: Welche Optionen sehen Sie für den BDA?

Heiner Farwick: Der BDA setzt sich schon des längeren für eine integrale Sichtweise der Architektur als fächervereinende Disziplin ein – auch wenn dies nicht nur im Hinblick auf die Wissenschaftlichkeit der Architektur passiert. Wir verdeutlichen unsere Haltung und die Forderung, auch „über den Tellerrand“ hinaus zu blicken, immer wieder in unseren Veranstaltungen, seien es unsere eigenen Formate wie der Hochschultag, sei es im DAZ oder im „architekten“. Und auch diese Ausgabe unserer Zeitschrift ist wieder ein wichtiger Beitrag zu dieser Diskussion. Allerdings müssen wir uns immer wieder reflektierend fragen, ob wir in ausreichendem Maße tätig sind und ob wir unsere Ideen weit genug tragen.

Andreas Denk: Sinnvoll wäre es, sich mit den Vertretern der Bildungspolitik auf Bundes- und Landesebene auszutauschen – eine Ebene, die der BDA bisher kaum beschritten hat…

Heiner Farwick: Ein besserer Austausch könnte sicherlich die Reflexion über die Ausbildung und deren Ziele verbessern. Ich vermute, dass die Länder- und Hochschulgremien, die zumeist mit ihren eigenen Verwaltungsstrukturen und den dafür notwendigen Aufwendungen beschäftigt sind, den Raum für das freie Denken kaum mehr zur Verfügung haben. Dennoch müssen wir ihnen gegenüber, aber auch gegenüber den Hochschullehrern, von denen es sich der eine oder andere recht bequem eingerichtet hat, durchaus fordernder als bisher auftreten – allerdings, ohne jemals die Freiheit der Lehre beeinträchtigen zu wollen.

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