Das 17. Berliner Gespräch des BDA

Architektur als Lebensmittel

Architekten planen in einer und für eine Welt, die von einer Vielzahl von nicht-architektonischen Problemen geplagt ist: Die energetischen und materiellen Ressourcenengpässe, der Klima- und Umweltwandel, die globale Migration, Schrumpfungsprozesse in makro- und mikrogeographischen Dimensionen, die immens höhere Lebenserwartung der Bevölkerung und die zunehmende Segregation der Gesellschaft werden künftig noch mehr als jetzt die Frage nach einer guten und richtigen Gestaltung unserer Lebensräume bestimmen. Dafür scheint mehr denn je ein Zusammenwirken aller gestaltenden und forschenden Kräfte nötig zu sein, um der Komplexität der Problemstellungen angemessene Lösungen zuordnen zu können.

Das 17. Berliner Gespräch 2012 hat den Begriff der Architektur als Teil einer Querschnittsdisziplin zur Diskussion gestellt. Für den architektonischen und stadtbaulichen Entwurf benötigen Architekten empirisches, konstruktives und technisches Wissen, mit dem sie Raumstrukturen, Typologien und Konstruktionen analysieren, finden, weiterentwickeln und anwenden. Sie benötigen aber auch kreative, intuitive und empathische Fähigkeiten, die den künstlerischen, den atmosphärischen, den individuell-menschlichen Anteil von Architektur ermöglichen. Zu „Querschnittswissenschaftlern” werden sie jedoch in ganz besonderem Maße, weil sie allgemeine Erkenntnisse der unterschiedlichen gesellschafts-, natur- und technikwissenschaftlichen Disziplinen in den Entwurf einfließen lassen können.
Das diesjährige Berliner Gespräch hat sich deshalb der Zukunftsperspektive einer Architektur gewidmet, die Erkenntnisse anderer Disziplinen nicht nur integriert, sondern als Sinn gebendes Ingredienz ihrer Entstehung auffasst. Jeweils zum Auftakt von drei Gesprächsblöcken haben ein Klimafolgenforscher, ein Soziologe und ein Politikwissenschaftler und Philosoph aus dem Blickwinkel ihrer Disziplin Szenarien für die zukünftigen Lebensbedingungen und die zu erwartende gesellschaftliche Entwicklung in Mitteleuropa entworfen. Ein ausgewähltes architektonisches Beispiel verdeutlichte anschließend die Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen Architekten und Fachleuten der einschlägigen Disziplinen. Die Erkenntnisse und Wissensbausteine wurden dann in gemeinsamen Gesprächsrunden in Bezug auf ihre Relevanz und Anwendbarkeit auf Architektur und Stadt diskutiert.

Bei der Eingrenzung des Klimawandels, bei der Bewältigung der erkennbaren demographischen Phänomene und gegen die Krise der demokratischen Systeme kann nur ein gemeinsames und solidarisches Handeln von Entwerfern, Gestaltern, Forschern und Produzenten, von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik helfen. Wenn diese Notwendigkeit dazu führt, die Architektur aus ihrer isolierten Situation als Kunst, Technik und Wissenschaft zwischen allen Stühlen zurück zu ihrem Zweck als „Lebensmittel“ zu führen, kann das für diese grundsätzliche Kulturtechnik nur gut sein.
Andreas Denk

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