tatort

Auf der Lichtseite des Lebens

Auch diesmal fahnden wir nach einem Bauwerk, das eine besondere Rolle in der Architekturgeschichte spielt oder gespielt hat – sei es durch eine besondere Eigenschaft, eine ungewöhnliche Geschichte oder eine spezifische Merkwürdigkeit. Welches Gebäude suchen wir, wo steht es, und wer hat es entworfen? Lösungsvorschläge können Sie per Post, Fax oder E-Mail an die Redaktion senden. Unter den Einsendern der richtigen Antwort verlosen wir ein Buch. Einsendeschluss ist der 9. September 2013.

Unser neuer „tatort“ befindet sich nicht weit entfernt von einem anderen markanten Ort der Hauptstadt, der ein Wendepunkt in der Geschichte der Industriearchitektur des 20. Jahrhunderts war. In diesem Rahmen hat auch das nun gesuchte Bauwerk eine Rolle gespielt. Aber anders als die 15 Jahre später für einen großen Elektrokonzern entstandene Montagehalle für Turbinen in der Nachbarschaft hat man dem gesuchten Bauwerk niemals fehlende Materialgerechtigkeit oder allzu große Theatralik vorgeworfen. Trotzdem hat das Gebäude, das ebenfalls von einem Wegbereiter der Moderne errichtet wurde, einen starken Auftritt. Es handelt sich um ein großes Doppelhaus, das mit seinem architektonischen Ausdruck die meisten Wohngebäude seiner näheren Umgebung übertrifft. Neben den beiden ionisch gerahmten Eingängen bilden seitlich angebrachte Giebel ein imposantes Hoheitsmotiv, das nur durch die riesige Dachfläche übertroffen wird. Das Ungewöhnlichste der Fassade sind indes die durchlaufenden Balkone, die zum dominanten Motiv der Straßenseite des Gebäudes geworden sind. Ein begrünter Innenhof, für hauptstädtische Verhältnisse ordentlich ausgeführte Hinterhäuser und ein separater Kinderspielplatz belegen den hohen architektonischen Anspruch. Das Sensationelle dieses Baus besteht schließlich darin, dass der Architekt, der kurz vorher durch einen Kaufhausbau berühmt geworden war, hier nicht für das wilhelminische Großbürgertum gebaut hat, sondern im Auftrag einer Wohnungsbaugenossenschaft eine Heimstatt für Arbeiter und Handwerker entwarf, die hier ohne Mietwucher unter guten hygienischen und sozialen Bedingungen wohnen konnten. In einem Buch zum „Arbeiterhaus“ äußerte der Architekt wenige Jahre später, dass es keineswegs gleichgültig sei, ob dessen Inneres zweckmäßig oder unzweckmäßig gestaltet, oder ob seine Gestalt ansprechend sei oder darauf hinweise, „dass hier eine Menschenklasse wohnt, die von den Lichtseiten des Lebens ausgeschlossen ist“. Vielmehr sei durch eine einfache künstlerische Gestaltung eine Lösung zu erzielen, „auf der das Auge mit Befriedigung ruht.“ Diesen Anspruch hat der Architekt, der übrigens ehrenamtlich für die Baugenossenschaft arbeitete, am Tatort mit großer Verve umgesetzt. Um welches Gebäude handelt es sich, und wer war sein engagierter Architekt?

Der gesuchte „tatort“ aus der letzten Ausgabe war die Tabakfabrik Yenidze in Dresden, die der Dresdner Architekt Martin Hammitzsch 19091912 entwarf, der später die Halbschwester Adolf Hitlers heiratete. Der Buchpreis geht an Johannes Schaffner in Weil der Stadt.

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