editorial

Baut ihnen Heimat!

Und weiter kommen sie zu Tausenden: Die Menschenkette, die über Südosteuropa und Österreich sich kontinuierlich nach Norden bewegt, reißt nicht ab. Sie wird sich so schnell nicht auflösen, denn die Menschen kommen nicht nur aus Syrien, nicht nur aus Afghanistan, nicht aus einzelnen Regionen, sondern aus Asien, aus Afrika und aus Südosteuropa selbst. Nicht alle sind Kriegsflüchtlinge. Menschen, die auswandern, weil sie in ihrer Heimat aus klimatischen oder wirtschaftlichen Gründen kein Auskommen mehr finden, handeln aus genauso verständlichen Motiven; und auch jene, die aus unaushaltbaren politischen Verhältnissen den Weg antreten in ein gelobtes Land, in dem die – laut Forbes’ – mächtigste Frau der Welt mit politischem Kalkül seit jüngster Zeit Eigenschaften der Mutter Teresa mit dem Auftritt einer Schutzmantelmadonna vereint.

Zum Glück tut sie es – spätestens ihre (kurzen) Aufenthalte in Duisburg-Marxloh und in Heidenau haben „Santa Angela“, wie sie manche Flüchtlinge nennen, wohl auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Nicht ein „einig Volk von Brüdern“ ist in der Bundesrepublik zu regieren, sondern eine segregierte Gesellschaft, die im Kern – nämlich in ihrer Überzeugung von der Richtigkeit dieses Staatswesens – auseinanderzufallen droht. Nicht allein die „Ränder“ dieser Gesellschaft und Rechtsradikale betrachten die Migrationswelle als ernstzunehmende Bedrohung. Nur die Reaktionen fallen bislang unterschiedlich aus. Den Tausenden von Helfern am Münchner Hauptbahnhof, „Refugees-Welcome“-Demonstrationen in vielen deutschen Städten und dem Einsatz vieler Einzelner stehen immer wieder Brandstiftungen in Flüchtlingsunterkünften und bedrohliche Fackelmärsche zu Übergangslagern gegenüber.

Deswegen ist es gut, dass die Kanzlerin einmal, ein einziges Mal – nach der Abschaltung der Kernkraftwerke infolge der Fukushima-Katastrophe – in einer wichtigen weltanschaulichen Frage eindeutig gewesen ist. Nicht nur solche verhängnisvollen Typen wie der unsägliche ungarische Ministerpräsident Orban setzen der ostentativ vorgetragenen Akzeptanz und Offenheit der Bundesrepublik von Tag zu Tag mehr zu. Ob die Regierung bei ihrer Strategie bleibt, oder wie bei der „Energie-Wende“ deren schleichendes Ende vorbereitet, indem die derzeitige Öffnung der Grenzen für Migranten und Flüchtlinge nur das Vorspiel zu einer „alternativlosen“ Verschärfung der Einwanderungs- und Asylgesetzgebung ist, bleibt abzuwarten. Da ist es gut, dass nicht nur, sondern auch angesichts des politischen Handelns die Einsicht vieler Bundesbürger in die Notwendigkeit der Hilfe für die Grenzgänger größer geworden zu sein scheint.

Die Mobilisierung des freiwilligen Helfens und des Ehrenamts ist unbedingt nötig. Denn die Länder und Kommunen sind mit der so genannten „Erstaufnahme“ der Flüchtlinge, die auch deren „erkennungsdienstliche Behandlung“ beinhaltet, bereits bis zur Erschöpfung beschäftigt. Die „Erstaufnahmelager“, deren sehr unterschiedliche Qualität noch umstritten war, als die Massenwanderung in ihren Anfängen zu erkennen war, platzen inzwischen aus allen Nähten, so dass kaum noch jemand wagt, sich über die Unzulänglichkeiten der Unterbringungen Gedanken zu machen. Darüber, dass diese Form des „Wohnens“ auch eine sein könnte, die über eine „Ersthilfe“ wie nach Katastrophen hinausgeht, hätte man sich auf der politischen Ebene indes viel früher Gedanken machen müssen. Der Migrantenstrom ist immer prognostiziert worden – umso überraschender ist deshalb die „Überraschung“ und Verzögerung, mit der die Politik auf diese absehbare Herausforderung reagiert hat.

Der zweite Problemkreis schließt sich an den ersten an: Gebetsmühlenartig und reihum wird die inzwischen banale Erkenntnis geäußert, dass die Integration der Zuwanderer die eigentliche Großaufgabe ist. Für diese wichtigste Ebene gibt es indes bislang fast nur Beispiele privaten Engagements: Tausende von Arbeitsgruppen in ganz Deutschland sind mit Sprachkursen, Hilfen bei Amtsgängen, Beschäftigungsprogrammen, Hausaufgabenhilfe, Fußballturnieren, Grillparties und Ratschlägen für die Existenzgründung zur Stelle. Das ist als Hilfe zur Selbsthilfe sinnvoll, reicht aber noch nicht an den Kern des Problems. Integration passiert beim Wohnen: Es ist sehr gut, dass ein Bürgermeister einer ostdeutschen Stadt Flüchtlinge in seinem Haus aufnimmt. Aber die meisten anderen werden in eine ungewisse Umgebung entlassen, von deren sozialer Zusammensetzung es nicht unwesentlich abhängt, ob eine Integration gelingt oder nicht.

Um so erstaunlicher ist es, wie selten Architekten zu diesem Themenkreis befragt werden. Eigentlich müsste das eine Selbstverständlichkeit sein, denn schließlich ist es ihr ureigenes Metier, für das Wohnen und das Leben die nötigen Räumlichkeiten zu erdenken, zu planen und umzusetzen. Dennoch bleibt es – bisher – die Ausnahme. An Initiativen fehlt es nicht: An Hochschulen sind weitreichende Masterarbeiten zum Thema geschrieben worden; Seminare und Workshops haben über das Bauliche weit hinausreichende Integrationsmöglichkeiten untersucht; Architekten haben an einzelnen Projekten vorgeführt, wie temporäre Räume individuelle und gemeinschaftliche Bedürfnisse gleichermaßen befriedigen können.

Ideen für Siedlungsansätze auf dem stadtnahen Land hat der Kölner Architekt Oliver Hall noch vor kurzem bei einem gemeinsamen Workshop zur „Zukunftsstadt 2050“ von SCHÜCO und der Detmolder Hochschule ins Spiel gebracht. Der BDA Nordrhein-Westfalen hat eine intensive Beschäftigung mit dem Thema ins Visier genommen. Alle diese Ansätze gemeinsam oder im einzelnen wären in der Lage, unsere Republik mit humanistisch gedachten Lösungsansätzen auszustatten, die Integration nicht erst langfristig gelingen lassen könnten. „Heimat“ zu bauen, ist schwer, aber nicht unerreichbar, wie die Beispiele der deutschen Nachkriegsgeschichte gezeigt haben. Politiker aller Länder und Gemeinden, spitzt die Ohren: Wir haben die Ideen, nach denen Ihr sucht. Ihr müsst sie nur wollen.

Andreas Denk

Foto: Andreas Denk

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