Buch der Woche

Bernd und Hilla Becher im Gespräch – Zwei Interviews

SZ: Sie haben ja Ihr Leben lang Industriedenkmäler photographiert: Hunderte von Hochöfen, Hunderte von Wassertürmen, Hunderte von Kohlebunkern. Geht es um Vollständigkeit?

Hilla Becher: Bernd hat gegen Ende seines Lebens oft gesagt: Hilla, wir sind nicht fertig geworden. Und dann haben wir uns fast gestritten, weil ich gesagt habe: Was stellst du dir denn vor? Unser Werk kann doch gar nicht fertig werden, das ist unendlich. 

Stirbt ein Künstler oder eine Künstlerin, wird ihr Werk schnell in allen Medien gefeiert und wiedergegeben. Bereits seit einigen hundert Jahren schafft der Tod oft, was Künstler in ihrem Leben nicht erreicht hat: Bekanntheit, Ruhm und Ehre. Vincent Van Gogh, Jackson Pollock und Stieg Larsson sind nur einige der populären Persönlichkeiten darunter. Bernd und Hilla Becher mussten in den ersten Jahren ihrer Karriere zwar auch auf den Erfolg warten, aber glücklicherweise nicht bis zu ihrem Tod. Sonst wären uns wahrscheinlich viele ihrer Arbeiten verwehrt geblieben. Was jedoch erst kurz vor dem Ende ihrer Schaffenszeit bekannter wurde, waren die Personen hinter den Künstlern.
Seit 1977 begleitete Lothar Schirmer als Verleger das Gesamtwerk von Bernd und Hilla Becher und veröffentlichte im Schirmer/Mosel Verlag bisher 22 Bände zu ihren Arbeiten. Nach dem Tode Bernd Bechers 2008 und Hilla Bechers im letzten Jahr, folgt jetzt eine Liebeserklärung an die beiden Personen hinter den Photographien. Zwei Interviews, eines aus dem Jahr 2002, das andere aus 2008, gewähren tiefe Einblicke in das Leben der Bechers und ihre besondere Arbeitsweise als Ehepaar: Wer war die treibende Kraft ? Wie entwickelte sich ihr Fokus auf die Typologien? Wie kam es zu der berühmten Becher-Schule?

Fast 50 Jahre Ehe, mehr als 40 Jahre Zusammenarbeit, und der Ursprung einer Photographen-Generation, die heute zu den bekanntesten der Welt gehört. Am Ende ihres Arbeitslebens konnten die beiden auf Ausstellungen im MoMa, der Documenta und einen Goldenen Löwen bei der Biennale in Venedig zurückschauen. Unter der Anleitung Bernd Bechers, aber auch Hilla Bechers im privaten Atelier, entwickelten sich die Photographen Andreas Gursky, Thomas Struth, Candida Höfer und Thomas Ruff.
Das erste Interview führte Ulf Erdmann Ziegler mit dem Ehepaar Becher in Englisch für die Zeitschrift Art in America. Der Schwerpunkt liegt hier auf der persönlichen Geschichte der beiden hin zur Photographie, der Entwicklung ihrer Technik, aber auch das Privat- und Familienleben dahinter.  Es war das erste große Interview, das die Bechers jemals gaben.
Das zweite Interview, kürzer aber nicht weniger aufschlussreich, führten Dominik Wichmann und Tobias Haberl für die Süddeutsche Zeitung 2008. Knapp ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes spricht Hilla Becher frei über das Leben danach, die Weiterarbeit am gemeinsamen Erbe und was sie ohne Bernd Becher anders gemacht hätte. Ohne Sentimentalität wird das Bild einer Frau nachgezeichnet, die Teil einer außerordentlichen Einheit, aber auch alleine eine herausragende Künstlerin war.

SZ: Wen vermissen Sie mehr, den Lebensgefährten oder den Künstler Bernd Becher?

Hilla Becher: Da gibt es für mich keinen Unterschied, aber wenn ich mich entscheiden müsste, natürlich den Lebensgefährten. Für mich wäre es auch in Ordnung gewesen, etwas weniger zu arbeiten, das Archiv halbwegs in Ordnung zu bringen und noch ein bisschen Spaß zu haben, ein bisschen zu reisen. Aber ich glaube, er hätte das nicht akzeptiert, und jetzt ist es ohnehin zu spät, darüber nachzudenken.

Robert Bauer

Ulf Erdmann Ziegler, Dominik Wichmann : Bernd & Hilla Becher im Gespräch – Zwei Interviews, Schirmer/Mosel, 120 Seiten, 45 Abbildungen in Farbe und Duotone. 16 x 23,9 cm, broschiert, Deutsche Ausgabe, ISBN 978-3-8296-0752-0

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