Buch der Woche: Monografie über Carsten Lorenzen

Fassaden Facetten

Beim Betrachten des schon vor Baubeginn viel umjubelten ersten Abschnitts der Hamburger Hafen-City hat sich nach Fertigstellung der Häuser rund um den Kaiserkai etwas Ernüchterung breit gemacht. Was sich an Gebautem seitdem im Hamburger Vorzeige-Stadtteil darbietet, ist eher mit Schatten denn Licht gesegnet. Eine wohltuende Ausnahme bildet ein Ensemble aus drei Bauten zwischen der Straße am Dalmkai und der am Wasser gelegenen Promenade.

Der vom Kölner Büro ASTOC erarbeitete Masterplan sah für diesen Bereich hofartige Gebäudegruppen vor, die aus je einer sich von Block zu Block bis zum Punkthaus verkürzenden Minizeile und einem L-förmigen Winkel bestehen – der sich ergebende Hof ist zur Straße abgeschirmt. Hier hat der 1953 im dänischen Tondern geborene Architekt Carsten Lorenzen ein Punkthaus an der Wasserseite und zwei Bauten im Schnittpunkt der beiden L-Schenkel entwickelt. Zwar ist das prominente Punkthaus mit seiner Kombination aus dunklem kohlegebrannten Wasserstrichziegel und goldeloxierten Blechen etwas anstrengend, dafür sind die beiden anderen Häuser umso bemerkenswerter.

Der Architekt  zeigt auf, welche Kraft das Material Backstein bis heute besitzt, und welche Ruhe und Souveränität es bei gleichzeitiger detaillierter Ausgestaltung ausstrahlen kann. Wie Fuge und Stein hier zum Ornament werden, ist ganz wunderbar. Beim „Haus der Schiffszimmerer“ hat Lorenzen die Ecke des Gebäudes und damit die des gesamten Winkels bewusst betont, in dem die Geschosse drei bis sieben über dem – mit der Belle-Etage verschmelzenden – Erdgeschoss nicht nur auskragen, sondern in einem anderen Erscheinungsbild verblendet sind.

Zwar ist der Ziegelverband der gleiche wie am übrigen Gebäude, durch ein Herausziehen einiger Steine aber entstehen mäandernde Bänder, die als fallende Strukturen über die Kubatur wandern. Am unmittelbar benachbarten „Haus der Fluwog“ setzt der Architekt wiederum auf dunkle, fast braune Klinker im Format 468x100x40 Millimeter. In einem wilden Verband sind hier Vorder- und Rückseite der flachliegenden Steine vermauert, was einen schönen Kontrast zum Blockverband der hellen, gelben Wasserstrichziegel des „Haus der Schiffszimmerer“ bildet.

Mit „Carsten Lorenzen. Wohnungsbau DK|DE“ hat Roland Züger als Herausgeber nun die erste Monografie über den Architekten im Hatje Cantz Verlag vorgelegt. Sie stellt rund 25 Projekte und Ideen des Architekten vor, die seit 1996 geplant oder realisiert wurden. Neben den Bauten in der Hamburger Hafen-City legt die Publikation mit Gebäuden wie „Fischers Höfe“ in Hamburg-Ottensen (2003-2008), den Stadthäusern am Bremer Stadtwerder (2009-2011) oder dem Projekt „Lotter Straße“ in Osnabrück (2009-2010) einen deutlichen Schwerpunkt auf all die Häuser, die in Backstein ausgeführt wurden. Covergestaltung und die ersten Seiten des Buches unterstreichen das. Hier werden die unterschiedlichen Ziegel und Klinker der verschiedenen Architekturen in ihren Verbänden und Formaten en detail und in seitenfüllenden Fotografien aufgeführt und legen den Facettenreichtum des Baustoffs dar.

Aber nicht nur wegen des teils feinsinnigen Umgangs mit diesem Fassadenmaterial ist die Publikation empfehlenswert. Die schön gezeichneten Grundrisse machen das Buch zu einer Art Bestandsaufnahme zeitgenössischen Wohnungsbaus: verschiedene Variationen städtischen Wohnens werden hier dargelegt. Durch ein Gespräch zwischen Walter Stamm-Teske und Carsten Lorenzen ist das Werk neben den Texten von Matthias Albrecht Amann und Roland Züger zusätzlich lesenswert.

Die Gestaltung des Buches stammt von Matthias Wittig (fernkopie) und will an einigen Stellen etwas zu viel. Beispielsweise: drei unterschiedliche Schriften in zwei verschiedenen Leserichtungen. Generell aber bindet das Layout Fotografien und Zeichnungen schön an die jeweiligen Schriftblöcke an. Wittig ist es hier – wie schon in anderen vom ihm und seiner Frau gestalteten Veröffentlichungen – gelungen, eine Manifestation zu entwickeln, die die Publikation bereichert und ihren Inhalt stärkt, ohne dabei eine von ihm losgelöste Rolle spielen zu wollen.

David Kasparek

Carsten Lorenzen. Wohnungsbau DK-DE, hrsgg. von Roland Züger, Texte von Matthias Albrecht Amann und Roland Züger, Interview mit Carsten Lorenzen von Walter Stamm-Teske, Deutsch/Englisch, 276 S., 400 Abb., gebunden, 58,– Euro, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2015, ISBN 978-3-7757-3842-2

Fotos: Martin Bockhacker/Oliver Heissner/Adrian Sauer/Hatje Cantz

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