Buch der Woche: Iwan Scholtowski

Architekt Nummer Eins

Iwan Scholtowski wurde spätestens 1932 durch seinen Beitrag am Wettbewerb für den „Palast der Sowjets“ international bekannt. Der Wettbewerb gilt rückblickend als Zäsur: Mit der Prämierung des monumentalen Entwurfs von Boris Iofan, der sich unter anderem gegen Walter Gropius und Le Corbusier durchsetzte, wandte sich Stalin offensichtlich ab von der Avantgarde der russischen Konstruktivisten und hin zum „Sozialistischen Realismus“. In Russland gab es zwischen den Architekten, die sich der „Moderne“ und jenen, die sich der „Klassik“ zugehörig empfanden, schon seit den 1920er Jahren verschiedenste Kämpfe. Dabei muss man beachten, dass Kultur als politisches Mittel ge- und missbraucht wurde, Grenzen verschwimmen und letztlich niemand nur dem einen oder anderen „Lager“ zugeordnet werden kann.

Iwan Scholtowksi war „der Architekt Nummer Eins der Sowjetunion“ und galt als sehr einflussreich,  was sicherlich auch mit seiner Lehrtätigkeit bei der Aus- und Umbildung der sowjetischen Architekten zusammenhing, die er schon unter Stalin aufnahm. Außerhalb Russlands ist er dennoch kaum bekannt, was eine kürzlich im Verlag DOM publishers erschienene Publikation ändern möchte. In ihr widmet sich der Autor Dimitrij Chmelnizki erstmals umfassend seinem Werk und seiner Biographie und ordnet sie kritisch in den Kontext der Stalin-Zeit und danach ein.

Innerhalb von nur vierzig Jahren wechselten die stilistischen Hauptrichtungen vom Konstruktivismus über den Neotraditionalismus (gern auch als „Zuckerbäckerstil“ verspottet) zur Sowjetmoderne – doch trotz all der stilistischen Umbrüche in der sowjetischen Architektur blieb Scholtowski seinen der Klassik verhafteten Grundsätzen treu. Der Autor bezeichnet es als „sowjetischen Palladianismus“, wobei Scholtowskis Vorbild benannt ist, was sich auch aus seiner nicht-baulichen Tätigkeit ableiten lässt: Über zwanzig Mal erhielt der Architekt die Reiseerlaubnis nach Italien, die „Quattro Libri dell’Architettura“ übersetzte er ins Russische. „Palladianisch“ an seinen Bauten und Entwürfen ist das klassische Formenrepertoire (endlos scheinende Arkadenstellungen, große Ordnung,  Baukörpergliederungen, Bauschmuck), wobei sich sein Stil von einem eher weniger originellen Historismus Anfang des 20. Jahrhunderts zu einem elegantem Neo-Renaissance-Stil wandelte. Interessant ist, dass auch bei diesem Oeuvre nicht alles stilistische klar und rein ist – das zeigen seine Projekte für Bauaufgaben der Industrie, die untrüglich die Sprache der Moderne sprachen, wie etwa das Kesselhaus des Moskauer Kraftwerks (1927-29) mit seinen markanten trompetenförmigen Schloten.

Dass der Architekt über Jahre sowohl unter Stalin als auch unter Chruschtschow (und damit unter Machthabern mit geradezu gegensätzlichen architekturstilistischen Vorlieben) arbeiten konnte, belegt, dass Kontinuitäten bei russischen  Architekten-Biographien nicht nur vom jeweiligen politischen Wind abhingen, sondern vor allem davon, wie gut die Protagonisten vernetzt waren und auch politisch taktieren konnten. Scholtowski selbst hatte Kontakte zu Baupolitik und Architektenausbildung, das dürfte ihn so manches Mal gerettet haben, denn die eine oder andere Kampagne wurde auch gegen ihn angezettelt – damals standen bei solchen Aktionen nicht nur Karrieren auf dem Spiel, sondern sie konnten gar lebensbedrohlich sein. Aber: Es muss darauf hingewiesen werden, es ist nicht alles Schwarz-Weiß und auch in totalitären Systemen ist das Narrativ von Brüchen und scheinbar Unlogischem geprägt. Wie sonst lässt es sich erklären, dass gerade Scholtowski die ersten industriell gefertigten Wohnungsbauserien mit entwarf? Industrielles Bauen ist nun einmal nicht gleichzusetzen mit einer bestimmten Ästhetik, denn Effektivität und Kostenersparnis waren Interessen, die von Stildebatten losgelöst verfolgt wurden.

Die Monographie ist Auftakt einer Reihe, in der sich DOM publishers in Kooperation mit dem Schtschussew-Museum in Moskau Architektenpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts widmet. Zumindest der westliche Leser darf sich demnach gefasst machen auf weitere Neuentdeckungen.

Juliane Richter

Dmitrij Chmelnizki: Iwan Scholtowski. Architekt des sowjetischen Palladianismus, mit einem Beitrag von Anastasia Firsowa, in deutscher und russischer Sprache, 12 Seiten, über 180 Abbildungen, Softcover, 28,- Euro, ISBN: 978-3-86922-283-7

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