Unbestimmtheit als Typologie

Das Berliner Zimmer

Am Übergang von Vorder- beziehungsweise Hinterhaus zu den verbindenden Seitenflügeln ergibt sich im Berliner Wohnungsbau der Gründerzeit das sogenannte Berliner Zimmer. Jan Herres widmet sich der Rezeptionsgeschichte und den Qualitäten dieses meist großzügigen Raums, der von den einen gehasst und von den anderen geliebt wird. In seiner Untersuchung erkundet Herres vergangene und heutige Nutzungsweisen. Dabei sieht er Potenzial, das Berliner Zimmer auch im künftigen Wohnungsbau wieder aufleben zu lassen.

Das Berliner Zimmer existiert seit über 200 Jahren und prägt die Identität des Berliner Wohnungsbaus. Spätestens seit der massenhaften Verbreitung dieses Raumtyps in der Gründerzeit – infolge der Veröffentlichung des Assmann’schen Mustergrundrissbuchs(1) – ist es ein Teil der DNA des Berliner Etagenhauses. Es wird seit jeher verachtet und geliebt, wurde 1925 per Bauverordnung abgeschafft und hält nun wieder im Neubau Einzug.

Die sechs Grundtypen des Berliner Zimmers, Abb.: Jan Herres

Innerhalb des Berliner Mietshauses haben sich sechs Grundtypen des Berliner Zimmers herausgebildet, die in ihrer Ausführung geringfügig abweichen können. Die Vielfalt an Lösungen für die immer gleiche architektonische Aufgabenstellung ist beeindruckend und verdeutlicht zugleich, dass es für die Baumeister der Stadt Berlin und der damaligen Vorortgemeinden der Raum im Massenwohnungsbau war, an dem sie sich am stärksten abgearbeitet haben.

Das Berliner Zimmer ist wie kein anderer Raum geprägt durch eine hohe Ambivalenz – es ist eine Zone des Durchgangs und des Verweilens, ein verbindender Raum und eine Pufferzone zu den darauffolgenden Räumen im Seitenflügel.(2) In diesem Raum findet Gemeinschaft statt – er ist die Agora der Wohnung. Es verwundert nicht, dass vor allem bei Kindern eine ganz besondere Begeisterung für diesen Raumtyp festzustellen ist(3), bietet er doch so viele Schnittstellen mit den angrenzenden Räumen, die das Spielfeld nach Bedarf situativ erweitern können. Für das Familien- oder Gemeinschaftsleben ist die Verortung eines zentralen Durchgangsraums, in dem man sich zwangsläufig begegnet, mit Blick auf die heutige Architektur wegweisend – verbringen die Menschen in ihrem Haushalt, auch schon vor der Corona-Pandemie, einen Großteil ihrer Lebenszeit in separierten Räumen, am Schreibtisch und PC sitzend(4).

Das Berliner Zimmer als Bibliothek, Foto: Jan Herres

Durch das hohe Potenzial der situativen Aneignung ist das Berliner Zimmer heutzutage der Raum in den Altbauwohnungen, der am häufigsten neu möbliert wird und sich in den unterschiedlichsten Ausformungen zeigt. Er wird als Bibliothek, Arbeitszimmer, Privatgalerie, Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche, Gästezimmer oder Hobbyzimmer genutzt. Mitunter finden sich auch Berliner Zimmer, die durch neue Zwischenwände innenräumlich in mehrere Raumeinheiten aufgeteilt sind. Letzteres ist oftmals eine Folge von Wohnungsteilungsmaßnahmen nach der Weltwirtschaftskrise zu Beginn der 1930er-Jahre und nach dem Zweiten Weltkrieg. Es existieren auch Berliner Zimmer von einstmals hochherrschaftlichen Wohnetagen, die heute Teil einer in sich abgeschlossenen Ein-Zimmer-Wohneinheit sind, inklusive Küche und ergänztem Badezimmer. Möglich ist dies durch die in Berlin weitverbreitete Doppelerschließung der Wohnungen über ein Haupt- und ein Nebentreppenhaus.

Nutzungsoffenheit

Das Berliner Zimmer als Galerie, Foto: Jan Herres

Eine Besonderheit des Berliner Zimmers ist das Potenzial der „geplanten Unbestimmtheit“(5). Es ist ein Möglichkeitsraum innerhalb der Wohnung. Die Räume des Wohnungsbaus heutiger Prägung lassen ein vielfältiges Angebot an Umnutzungsmöglichkeiten in aller Regel vermissen. Ein Großteil der Wohnungsbauarchitektur erscheint noch immer erstarrt in den funktionalistischen Innenraumprinzipien der klassischen Moderne. Bereits mit Werner Hegemanns „Das steinerne Berlin“(6) von 1930 wurde das Berliner Mietshaus zum Feindbild der modernen Architektur erkoren. Auch widerstrebte es den funktionalistischen Entwurfsvorstellungen der Architekten der ersten CIAM-Generation, nutzungsoffene Räume wie das Berliner Zimmer zu entwerfen. Ihr Wunsch nach Zonierung kam nicht nur auf städtebaulicher Ebene zum Ausdruck, sondern auch im Wohnungsbau, deren Grundrisse streng zoniert wurden. Ein jeder Raum wurde hinsichtlich seiner festgelegten Bestimmung hin entworfen. Die offenen und fließenden Grundrisse der klassischen Moderne indes waren nur für einen sehr limitierten Personenkreis bestimmt. Allem voran wurde die „Wohnung für das Existenzminimum“(7) propagiert. Den Räumen dieses weitverbreiteten Wohnungstyps fehlt jedoch das soziale Moment, das dem Durchgangsraum Berliner Zimmer per se innewohnt.

Das soziale Moment

Das Berliner Zimmer als Wohnzimmer, Foto: Jan Herres

Das soziale Moment gewann in der strukturalistischen Phase der Architektur der 1960er- bis 1970er-Jahre – insbesondere innerhalb des Team X – deutlich an Bedeutung. Auch kam in dieser Zeit die Forderung nach mehr Polyvalenz im Wohnungsbau auf,(8) damit „jedermann seine eigene Interpretation innerhalb der kollektiven Struktur (der Architektur) verwirklichen kann“(9). Im Zuge dessen fand auch das Berliner Zimmer in neuinterpretierter Form wieder Einzug in den Wohnungsbau. Ein interessantes Beispiel findet sich in dem zwischen 1966 und 1969 im Märkischen Viertel von Berlin errichteten strukturalistischen Wohnungsbauvorhaben des Team-X-Mitglieds Oswald Mathias Ungers(10), zu dem sich die werk-archithese seinerzeit eher verhalten äußert: „(D)as Wohnzimmer als Berliner Durchgangszimmer ist nicht nach jedermanns Geschmack“(11). Ungers beabsichtigte jedoch, innerhalb des regulatorischen Korsetts des sozialen Wohnungsbaus „Raum zu schaffen; (…) also den Wohnraum, als ‚halböffentlichen Familienraum‘, in dem wie auf einer Piazzetta das Leben stattfindet, und (den) Einzelraum, der Schlafraum des Einzelnen, (als) individuellen Rückzug(sort)“.(12) Das zentrale Durchgangszimmer soll bei Ungers „einen Platz (innerhalb der Wohnung) bilden“(13).

Das Berliner Zimmer als Küche, Foto: Jan Herres

Ein wesentliches Ziel der strukturalistischen Bewegung in der Architektur war es, die Human- und Sozialwissenschaften in den architektonischen Diskurs zu integrieren. Es wurden wieder Gebäude entwickelt, deren Architektur, entgegen dem generischen International Style, kulturelle, historische und soziale Aspekte mit berücksichtigt.(14) In diesem Zusammenhang betrachteten die Architekten verstärkt Baukonzepte vergangener Zeiten, um menschliche Bauprozesse allumfassend zu verstehen und sich gegen eine „einseitig mechanische, technisch orientierte Architekturauffassung“(15) zu wenden. Auch das gründerzeitliche Berliner Mietshaus mit seinem nutzungsoffenen Grundriss geriet hierbei in den Fokus. Die Bauherren in der Stadt Berlin errichteten im Großen und Ganzen jedoch weiterhin Wohnungen, die sich vor allem durch eine funktionalistische Determiniertheit auszeichnen.

Das Berliner Zimmer reloaded
Im Zuge der „kritischen Rekonstruktion“ auf der IBA 1987 kam es wieder zu einem vermehrten Aufkommen von Berliner Zimmern im sozialen Wohnungsbau. Dass dieser Raumtyp zu jener Zeit eine Renaissance erlebte, lag zum einen an der Auseinandersetzung mit der ortsspezifischen Architektur, verbunden mit einem kritischen Rückblick in die Baugeschichte Berlins und zum anderen an dem Verständnis dafür, welche Anreize das Berliner Zimmer für die räumliche Interaktion und Interpretation bietet.

Das Berliner Zimmer als Schlafzimmer, Foto: Jan Herres

Doch weshalb ergeben sich diese Impulse so häufig innerhalb des Berliner Zimmers? Ein Grund scheint vor allem die raumimmanente Unvollkommenheit zu sein. Das Berliner Zimmer bietet Reibungspunkte, die den Bewohner dazu animieren, die eigene Wohnarchitektur weiterzudenken und individuelle Raumaneignungen bis hin zu baulichen Eingriffen vorzunehmen.(16) Ein wichtiger Nebeneffekt dabei ist, dass sich die Bewohner durch diese Interaktionen wesentlich stärker mit den eigenen vier Wänden identifizieren.(17)

Das Berliner Zimmer als Arbeitszimmer, Foto: Jan Herres

Die Geschichte des Berliner Zimmers ist wechselvoll und geprägt durch ein stetiges Auf- und Abtauchen in den Wohnungsgrundrissen der namensgebenden Metropole. Derzeit reüssiert es ausschließlich bei Neubaumaßnahmen im Luxussegment – es verleiht den hochpreisigen Wohnungen ein Stück „Stadtidentität“. Doch mit Blick auf die aktuellen Themen in der Architektur wie Nachverdichtung, Gemeinschaftswohnprojekte, Resilienz und das vermehrte Entstehen von Etagenhäusern mit Seitenflügeln herrschen derzeit Rahmenbedingungen vor, die dem 200 Jahre alten Berliner Zimmer einen Vorschub leisten könnten, auch in den allgemeinen Wohnungsbau wieder Einzug zu halten.

Jan Herres, Bauassessor M. Sc., ist seit 2017 Referent und Projektleiter bei der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen. Vorher arbeitete er in Architekturbüros in Stuttgart und Berlin. Er studierte Architektur mit den Schwerpunkten Stadtbaugeschichte sowie Architekturtheorie an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart und Technischen Universität Berlin und absolvierte im Abschluss ein Baureferendariat. Seine Arbeit zum Berliner Zimmer erhielt 2020 den Wissenschaftspreis des Vereins für die Geschichte Berlins und erschien kürzlich unter dem Titel „Das Berliner Zimmer. Geschichte, Typologie, Nutzungsaneignung“ im JOVIS Verlag.

Fußnoten

1 Gustav Assmann: Grundrisse für städtische Wohngebäude. Mit Rücksicht auf die für Berlin geltende Bau-Ordnung. XXII Grundrisse auf X Tafeln mit erläuterndem Text, Berlin 1862.

2 Wie in keinem anderen Wohnraum überlagern sich im Berliner Zimmer Raumeigenschaften und -nutzungen: Aldo van Eyck würde im Berliner Zimmer wohl die Erfüllung des von ihm unter dem Einfluss von Carola Giedeon-Welcker entwickelten „Zwillingsphänomens“ erkennen, das eine wesentliche Komponente strukturalistischer Architekturauffassung darstellt. Demnach „sollten Räume geschaffen werden, die Rücksicht auf das menschliche Gemüt nehmen und die den geteilten Zwillingsphänomenen eine größere Chance geben, sich zu erstellen wie z. B. Individuum-Gemeinschaft, Teil-Ganzheit, innen-außen, viel-wenig, groß-klein, Bewegung-Ruhe usw.“ (Arnulf Lüchinger: Strukturalismus. Eine neue Strömung in der Architektur, in: Bauen + Wohnen, Bd. 30, Nr. 1, 1976, S. 9).

3 Ergebnis von Interviews mit den Bewohnenden von Wohnungen mit Berliner Zimmern.

4 Siehe dazu Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Zeitverwendungserhebung. Aktivitäten in Stunden und Minuten für ausgewählte Personengruppen. 2012 / 13, Wiesbaden 2015.

5 Zur Terminologie der „Geplanten Unbestimmtheit“ in der Architektur siehe Katja Friedrich: Geplante Unbestimmtheit. Aneignungsoffene Architektur für Selbstbestimmung im gelebten Raum am Beispiel des Kölner Bretts, Schriftenreihe Architekturtheorie und empirische Wohnforschung, Aachen 2011 (Dissertation, TU Dresden, 2011).

6 Werner Hegemann: Das steinerne Berlin. 1930. Geschichte der größten Mietkasernenstadt der Welt, Berlin 1930.

7 Internationale Kongresse für Neues Bauen, Städtisches Hochbauamt Frankfurt am Main 1930.

8 Vgl. Max Risselada / Dirk van den Heuvel (Hrsg.): Team 10. 1953 – 81. In search of a Utopia of the present, NAi Publishers, Rotterdam 2005; Michael Hecker: Structurel | Structural. Einfluss „strukturalistischer“ Theorien auf die Entwicklung architektonischer und städtebaulicher Ordnungs- und Gestaltungsprinzipien in West-Deutschland im Zeitraum von 1959 – 1975 (Dissertation, Universität Stuttgart, 2006).

9 Herman Hertzberger: Strukturalistische Form, in: Arnulf Lüchinger: Strukturalismus in Architektur und Städtebau, Stuttgart 1981, S. 54.

10 Siehe dazu auch: Gerhard Ullmann: Märkisches Viertel, in: Werk-Archithese, Bd. 64, Nr. 5: Gross­überbauungen, 1977, S. 38.

11 Ebd.

12 „Jeder Platz, der gebaut wird, braucht Zeit, um ein Ort zu werden.“ Ein Gespräch mit Oswald Mathias Ungers, in: Brigitte Jacob / Wolfgang Schäche / Harald Bodenschatz (Hrsg.): 40 Jahre Märkisches Viertel, Berlin 2004, S. 176 – 191, hier: S. 180.

13 Ebd.

14 Vgl. Mustafa Baghdadi: Changing Ideals in Architecture. From CIAM to Team X, in: William O‘Reilly (Hrsg.): Architectural Knowlegde and Cultural Diversity, Lausanne 1999.

15 Jürgen Joedicke: Architektur im Umbruch. Geschichte, Entwicklung, Ausblick (archpaper-edition), Stuttgart 1980, S. 29.

16 Siehe zur Relativität des Raumes in der Architektur: Herman Hertzberger: Architektur für Menschen, in: Gerald Blomeyer / Barbara Tietze: Opposition zur Moderne. Aktuelle Positionen in der Architektur (Bauwelt Fundamente, Bd. 52), Braunschweig/Wiesbaden 1980, S. 142 – 148; Michael Frank / Bettina Gockel / Thomas Hauschild / Dorothee Kimmich / Kirsten Mahlke (Hrsg.): Räume. Zeitschrift für Kulturwissenschaften, Nr. 2, Bielefeld 2008; Karl Schlögel: Im Raume lesen wir die Zeit. Über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik, Frankfurt am Main 2006.

17 Ergebnis von Interviews mit den Bewohnenden von Wohnungen mit Berliner Zimmern.

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