Buch der Woche: Home Smart Home

Daueronline und ständig erreichbar

Voller Akku, voller Empfang, High-Speed Connection ins World Wide Web, daueronline und ständig erreichbar, „Alexa: Spiele meine Lieblingssongs“, Mittagessen bei Lieferando, später die neue Serie auf Netflix streamen und dabei endlos durch Instagram scrollen. Dass die virtuelle Welt mehr und mehr unser Leben einnimmt, ist kein Geheimnis mehr. Nicht nur beim Arbeiten, auch im Privaten, bei Freizeitaktivitäten und innerhalb der eigenen vier Wände ist der digitale Raum kaum noch wegzudenken. Der Wunsch nach problemloser Vernetzung hat sich in den Köpfen festgesetzt. Social Media und diverse Apps sollen dabei zugleich den Konsumdrang stillen als auch das Leben erleichtern. Man ist durch eine sekündlich erneuerbare Bilderflut dazu gezwungen, sich permanent mit anderen Menschen und den zur Schau gestellten Lebensentwürfen und -umfeldern zu vergleichen.

Hybride überall: Arbeitsschlafzimmer und Homeschooling-Küche, Studio für Gestaltung, Köln, Chan Sperle, Dominik Kirgus

Auf das private Wohnumfeld hat die Digitalisierung somit sehr unterschiedliche Einflüsse: Zum einen versprechen Technologien wie das Smart Home, als Alltagshilfen zu dienen, zum anderen bringen die sozialen Medien einen enormen Leistungsdruck mit sich  Räume sollen repräsentable Bilder für den Feed abgeben, Wohnungen müssen fotogen sein, am besten, indem sie scheinbar größer, teurer und moderner sind als die der anderen. Eine Sehnsucht nach dem Herausragenden, nach Luxus, nach andauerndem Urlaubsgefühl macht sich im eigenen Zuhause breit. Allerdings ist dieser Wunsch angesichts mangelnder Wohnflächen nicht immer einfach zu stillen. Es gilt, Kompromisse zu finden und kreativ zu werden.

Auch in Oliver Herwigs Buch „Home Smart Home. Wie wir wohnen wollen“ werden diese Widersprüche des Wohnens im digitalen Zeitalter thematisiert. Herwig beschreibt, wie Großstädte heute mit Wohnzellen, sogenannten flächenoptimierten Mikrowohnungen – „anderthalb- oder zwei Zimmer(n), Küche und Bad“auf den schwindenden Wohnraum reagieren. Denn viele Menschen sind bereit, auf Quadratmeter zu verzichten, solange sie in der Stadt, im Geschehen leben können. Smart Homes dienen dabei als Hilfsmittel, die eine gewisse Form des Komforts ermöglichen, um zu „wohnen wie in Fünf-Sterne-Hotels“, wie Herwig es formuliert. „Ultraflache Displays verschwinden bündig in der Wand oder werden zu handlichen Fernsteuerungen, mit denen nicht nur Licht und Lichtfarbe, sondern auch Wassertemperatur, Intensität oder Position des Duschstrahls gesteuert werden können. Das smarte Bad bietet womöglich auch bald Musikwellness samt HiFi-Qualität“.

Heißes Herz: Küche, Studio für Gestaltung, Köln, Chan Sperle, Dominik Kirgus

Die mit Digitalisierung verbundenen Wünsche scheinen gegensätzlich zu sein: Einerseits gibt es die Suche nach Weiterentwicklung und Geschwindigkeit, nach ständig neuen Eindrücken, nach Vernetzung. Andererseits wächst die Sehnsucht nach Einfachheit in einem immer schnelleren Leben. Geräte wie Smart-TVs, Surround-Systeme und Thermomix sind für viele Menschen heute selbstverständlich. Aber auch Staubsaugroboter sowie Sprechanlagen mit Kamera und Fingerabdrucksensor werden beliebter. Sie sollen uns Arbeit abnehmen, Raum und Zeit zur Verfügung stellen – „Rundumversorgung heißt eben Konzentration auf das Wesentliche: das Leben“, so Herwig.

Gerade während den letzten zwei Jahre konnte man zudem immer häufiger ein Verschwimmen der Grenzen von Büro- und Wohnfunktionen beobachten, welches ebenfalls mit der Digitalisierung zusammenhängt. Arbeit, Wohnen und Freizeit, Privates und Öffentliches vermischen sich miteinander. Das Bett wird zum Arbeitsplatz, der Esstisch zum Ort eines Meetings und das Wohnzimmer zum Atelier. „Wohnen ist im Wandel. Es entstehen Räume ohne klare Zuordnung“ (S. 11). Das Leben in einer medienorientierten Gesellschaft fordert eine besonders flexible Wohnform, die sich den wandelnden Anforderungen anpassen kann.

Halböffentlicher Ort: Schlafzimmer, Studio für Gestaltung, Köln, Chan Sperle, Dominik Kirgus

Zugleich lösen sich die Vorstellungen von einer klassischen Wohnung, bestehend aus Küche, Bad, Wohnzimmer und Schlafzimmer, zunehmend auf. Räume werden gemeinschaftlich genutzt, Möbel verschwinden, Bibliotheken und Mediatheken sind über iBooks, Kindle und Spotify zugänglich. Ist dies eine Chance, den vorhandenen Raum noch effektiver zu nutzen? Ist es das Ende des Wohnens, wie wir es bisher gekannt haben?

Oliver Herwig glaubt: „Das Leben von morgen ist bequem, vollelektrisch, interaktiv – und doch womöglich etwas einsam“. Im Zuge dessen brauchen wir eine neue, hybride Form des Wohnens – eine, die Öffentlichkeit und Rückzugsort vereint. Abseits davon, wie sich die Vorstellungen des Wohnens verändern und wie „smart“ unsere „Homes“ sein werden, wird sich daher in Zukunft auch die Frage stellen, wie viel privater Raum im öffentlichen Leben Bestand hat und wie wir der von Herwig prognostizierten Vereinsamung entgegenwirken können.

Moana Ühlein 

Herwig, Oliver: Home Smart Home. Wie wir wohnen wollen, 176 S., 32.– Euro, Birkhäuser Verlag, Basel 2022, ISBN 978-3-0356-2442-7

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