Kulisse und Substanz

Der Bestand – die spaßfreie Zone?

Theorie III: Wechselspiel von Stadt, Energie und Klima
Von Robert Kaltenbrunner

Mit dem Jahresthema „Kulisse und Substanz“ nimmt der BDA sich 2019 verstärkt den drängenden Fragen rund um den Themencluster Ökologie und Verantwortung an. Dabei steht die Diskussion im Vordergrund, welche Maßnahmen uns substanziell dabei helfen können, die Effekte des Klimawandels zu gestalten, und welche Eingriffe, Postulate oder Moden nur Kulisse bleiben. Bereits vor zehn Jahren haben zahlreiche Verbände – darunter auch der BDA – das Klimamanifest „Vernunft für die Welt“ verfasst und damit auch eine Selbstverpflichtung kundgetan, sich für eine Architektur und Ingenieurbaukunst einzusetzen, „deren besondere Qualität gleichermaßen durch funktionale, ästhetische und ökologische Aspekte bestimmt wird“. Auch der diesjährige BDA-Tag in Halle an der Saale wird sich am 25. Mai dem Thema annehmen und einmal mehr ein ökologisch-gesellschaftliches Umdenken anregen. Wir veröffentlichen an dieser Stelle Texte und Gespräche erneut, die seit der Publikation des Klimamanifests erschienen sind.

In seinem Beitrag geht Robert Kaltenbrunner den Voraussetzungen für eine energieeffiziente Stadt nach. Dass der Menschheit die Endlichkeit der fossilen Energiereserven nun dämmere, rufe einen Handlungsdruck hervor, der eine Entwicklung, die Nachhaltigkeit nicht nur als Worthülse versteht, unterbinde. Er kritisiert die stiefmütterliche Behandlung des Großteils des Stadtbestands, die das „besser machen“ als Neubau und nicht als Umbau versteht. Außerdem sieht er die Rolle des Bürgers, der zwar auf nichts verzichten, das aber ökologisch tun möchte, kritisch. Es brauche eine neue Planungskultur, die die Menschen von ihrer Rolle als passive Konsumenten emanzipiere. Ähnliches gelte auch für Architekten, deren Umgang mit Zwängen und ungeliebten Vorgaben schließlich zur raison d’etre ihres Berufs gehöre.

Die Siedlung in der Dortmunder Kronprinzenstraße vor der Sanierung, Foto: Alexander Pellnitz, Deutschen Institut für Stadtbaukunst der TU Dortmund

Es gäbe, formulierte der französische Philosoph Blaise Pascal schon im 17. Jahrhundert, zwei gleichermaßen „gefährliche Abwege: die Vernunft schlechthin zu leugnen und außer der Vernunft nichts anzuerkennen“. So ähnlich scheint es sich bei der Frage zu verhalten, wie mit der bestehenden Stadt (und ihrem Besatz an existenten Bauten) unter dem Doppelaspekt ‚Energieeinsparung/Klimaschutz’ umzugehen ist. Die einen geben vor, die Vernunft gepachtet zu haben: errechnete Daten, ingeniöser Pragmatismus und klares ökonomisches Kalkül gehen ihnen über alles. Die anderen haben damit vermeintlich gar nichts am Hut: Sie sorgen sich vor allem um das Erscheinungsbild, und wenn das nicht gut genug ’rüberkommt, wollen sie vom Inhalt nichts weiter wissen. Die konfligierenden Lager könnte man der Einfachheit halber „TS“ (wie Thermohaut auf Styroporplatte) und „BK“ (wie Baukünstler) nennen.

Gewiss ist eine solche Dichotomie viel zu holzschnittartig, um real zu sein. Dennoch schweben beide Haltungen insofern in Gefahr, auf Abwege zu geraten, als sie die Problemlage je einseitig verkürzen. Zumal Stadtgestaltung durchaus etwas mit kulturgeschichtlichem Bewusstsein zu tun hat. Noch vor hundert Jahren waren Bauten eine besonders handfeste Wirklichkeit, weil ihre Voraussetzung eine zwar nicht handfeste, dafür aber gefühlsfeste, noch stabilere sinnbildliche Wirklichkeit war – ein Interpretationszusammenhang der Welt, der mit den Begriffen ‚Kultur’ oder ‚Stil’ gefasst wird. Architektur war darin ein Leitsystem, in dem und an dem sich Glaube und ‚Absicht’ einer Kultur mit einer je spezifischen symbolischen Wirklichkeitsauffassung objektivierte. Und Städtebau basiert zu einem guten Teil auf jenem empirischen Wissen, welches Gesetze und Entscheidungen aus Erfahrung und Beobachtung herleitet. Markenzeichen eines solchen Bewusstseins ist, dass man sich innerhalb des (Vor)Wissens bewegt, sich ‚haushaltend‘ damit auseinandersetzt, dass man Anwendung, Zweck und Gebrauch bedenkt, vorhandenen und möglichen Widersprüchen begegnet und gleichwohl nach der Gesetzmäßigkeit sucht.

Doch damit ist es wohl nicht mehr weit her. Die globalen Klima(schutz und -folgen)-Debatten haben politische Regulative hervorgebracht, die nun ihrerseits problematisch werden. Bildhaft vor Augen steht da das forcierte ‚Einpacken’ bestehender Bauten.(1) Indes wäre es naiv zu glauben, dass etwa der Tübinger Oberbürgermeister mit seiner Auffassung und der Art seiner Handlungsorientierung allein dasteht: „Warum fällt die Ästhetik hinten runter? Offen gestanden, weil ich glaube, dass der Ausgangszustand der meisten Gebäude so anspruchslos ist wie das, was nach der Sanierung dasteht. Ich bin nicht angetreten, um die Architektur der Stadt in herausragender Weise zu verbessern, sondern den Energieverbrauch zu reduzieren. Deshalb ist Architektur für mich Nebensache.“(2) Nun stellt Energieeinsparung zwar ein bedeutsames Ziel (3), aber lediglich einen Teilaspekt der Nachhaltigkeit dar, welche sich wiederum auf Mentalitäten, Produktionsweisen und Entscheidungsprozeduren bezieht. Wer lediglich fragt, was an Ressourcen und Schadstoffemissionen eingespart werden kann, scheint zu vergessen, was zuvor für Herstellung und Installation eingesetzt werden muss. Die endlichen (fossilen) Energiereserven einerseits und die drängende Sorge um das Weltklima andererseits erzeugen offenbar einen derartigen Handlungsdruck, dass die Frage, wie wir die Herausforderungen in Taten umsetzen – etwa bei der Wärmedämmung unserer Gebäude – gar nicht mehr gestellt werden darf.(4) Zumal es sich als nicht eben effektvoll erweist, wenn je Quadratmeter umbauten Raums mit vielerlei Maßnahmen nur noch die Hälfte Energie verbraucht wird, dafür aber je Person die doppelte Fläche in Anspruch genommen wird.

Fragen und Aspekte

Die Siedlung in der Dortmunder Kronprinzenstraße vor und nach der Sanierung im Vergleich, Foto: Alexander Pellnitz, Deutschen Institut für Stadtbaukunst der TU Dortmund

Richtig jedenfalls ist, dass die einseitige Fokussierung auf den Aspekt Energieeinsparung (5) unter dem Deckmantel ‚Nachhaltigkeit’ einen ganzen Kosmos von architektonischer Gestaltung vernachlässigt beziehungsweise vernichtet – einen Kosmos, in welchem sich Erfahrung, Sparsamkeit, Klugheit und Kreativität generationenlang manifestiert hat. Einerseits. Andererseits muss man einräumen, dass der zukunftsträchtige Umgang mit dem, was physisch und mental vorhanden ist, im Metier selbst nie sonderlich beliebt war, deshalb auch keinen Eingang in die wichtigen architektonischen und städtebaulichen Programme gefunden hat. Unstillbar scheint die Neigung, immer wieder von vorn anzufangen. Der planerische Idealzustand ist wohl stets eine tabula rasa: Ein Neuanfang gleichsam im freien Feld, bei dem alles – baulich, technisch und gesellschaftlich – ‚besser’ gemacht werden kann. Der Bestand (das heißt die vorhandene, zumeist wenig spektakuläre Stadt-, Siedlungs- und Baustruktur) hingegen galt immer als Stiefkind. Freilich muss der Ansatz heute gerade darin liegen, einen behutsamen und schonenden Umgang mit dem bereits Gebauten zu (er)finden.(6) Was aber umgekehrt nicht heißt, dass das Bestehende unantastbar ist. Vielmehr geht es um Strategien des Umbaus: um neue Funktionen in, um moderne Strukturen an und auf bestehenden Gebäuden.

Fokussiert man indes stärker auf urbane Strategien, um dem Klimawandel zu begegnen, dann stellen sich ganz andere Fragen: Gibt es so etwas wie eine klimaangepasste, optimale Siedlungsstruktur? Falls ja, wie würde sich diese mit den heute gängigen städtebaulichen Leitbildern vertragen? Welche spezifische Anpassungsfähigkeit von Städten und deren baulicher und Netzinfrastruktur gibt es, von Ballungsräumen bis hin zu Kleinstädten? Worin liegen die neuen Aktionsfelder für städtebaulichen Klimaschutz und -anpassung? Was unterscheidet zeitgemäße, in ein Gesamtkonzept eingebundene Anpassungs- und Schutzstrategien von seit etlichen Jahren erprobten kommunalen Klimakonzepten? Welche Diskrepanzen können sich aus Klimaschutz- und Anpassungsmaßnahmen ergeben? Wo liegen Konflikte und Synergien mit anderen drängenden Herausforderungen? Welcher Handlungsdruck ergibt sich für wen? Wie gelingt ein langfristiger, klimagerechter Stadtumbau unter finanziellen Restriktionen und den Unsicherheiten von Szenarien der wirtschaftlichen, energiepolitischen, demographischen und klimatischen Entwicklung? Welche Entscheidungen sind auf kommunaler Ebene für den öffentlichen Raum zu treffen? Welche Anreize können für den privaten Bereich – insbesondere für eine Veränderung des Lebensstils – gegeben werden? Welche Relevanz hat der Klimawandel für die aktuellen Stadtentwicklungsprozesse – um hier nur demographische Alterung, Tertiärisierung der Produktionsstruktur, soziale Polarisierung, Innenverdichtung versus Stadtbrachen zu nennen?(7) Wie kann ‚Resilienz’ (Widerstandsfähigkeit) gefördert werden? Welche Risiken bestehen und was kann die Stadtentwicklung zum spezifischen Management von Extremereignissen beisteuern? Wo bedürfen sektorale Schutz- und Anpassungsstrategien einer spezifischen Flächenvorsorge?

Die Siedlung in der Dortmunder Kronprinzenstraße nach
der Sanierung, Foto: Alexander Pellnitz, Deutschen Institut für Stadtbaukunst der TU Dortmund

Und um den Betrachtungswinkel einmal umzudrehen: Sowohl für die Steigerung der Energieeffizienz, den Einsatz erneuerbarer Energien als auch für die Umsetzung von einschlägigen Klimaschutzzielen sind die sogenannten ‚Endverbraucher’ mit ihrem Investitions- und Nutzerverhalten eine entscheidende, wiewohl noch immer unterschätzte Determinante. Während man in den einschlägigen Fachkreisen, aber auch in der Wirtschaft und der (Kommunal)Politik mit der Thematik in aller Regel seit Jahren ver- und betraut ist, klafft hier eine Lücke. Die Potenziale von privaten Haushalten zur Reduktion der Treibhausgase werden keineswegs ausgeschöpft. Ist es eine Frage des Wissens, des Wollens, des Könnens, des Handelns oder gibt es andere Prioritäten? Verschiedene Hemmnisse bei den Kaufentscheidungen und beim Nutzerverhalten, Unsicherheiten durch Informationsdefizite, (Markt)Intransparenz durch eine Vielzahl von Labels, Tarifen oder Produkten, begrenzte finanzielle Ressourcen, aber auch unterschiedliche Motive und Interessenlagen spielen hier fraglos eine Rolle. Freilich ist dies bislang weder hinreichend untersucht, noch sind mobilisierende Gegenstrategien entwickelt worden.

Diese hier lediglich angedeuteten Fragen und Aspekte machen evident, dass der Appell an eine nachhaltige Stadtentwicklung mit der Frage der Gesellschaft und ihrer Zukunft verquickt ist, und zwar auf eine überaus grundsätzliche Art und Weise: „Die Grundlage für eine umweltfreundliche Stadt liegt nicht unbedingt in einem besonders umweltfreundlichen Städtebau oder neuartigen Technologien, sondern viel eher darin, dem allgemeinen Wohlstand eine Priorität gegenüber persönlichem Reichtum einzuräumen. In den meisten Städten, gleichgültig ob in reichen oder armen Ländern, wird die potentielle Umwelteffizienz, die sich aus einer dichten Besiedelung ergibt, völlig außer Acht gelassen. Städte bieten enorme ökologische Möglichkeiten, die bislang noch völlig verkannt und ungenutzt sind. Unser Planet ist nämlich sehr wohl in der Lage, allen seinen Bewohnern ein Heim zu bieten, wenn wir bereit sind, unsere Gesellschaft auf demokratischem Gemeinschaftsdenken statt auf individuellem, privatem Verbrauch aufzubauen. […] Die egalitären Aspekte des Stadtlebens bieten die besten soziologischen und physikalischen Voraussetzungen für Ressourcenschonung und Reduktion des CO2 -Ausstoßes.“(8)

Die Siedlung in der Dortmunder Kronprinzenstraße nach
der Sanierung, Foto: Alexander Pellnitz, Deutschen Institut für Stadtbaukunst der TU Dortmund

Stadtentwicklung und Städtebau müssen nicht etwa nur die Voraussetzungen für quantitatives bauliches Wachstum (in Gestalt von Wohnraum, Gewerbeflächen, Infrastrukturangeboten, Bildungs- und Technologieplätzen) ‚irgendwie’ schaffen; sie haben auch dafür Sorge zu tragen, dass sich solches Wachstum in Stadt- und Siedlungsformen vollzieht, die den in der Gesellschaft vorhandenen unterschiedlichen Alltagsbedürfnissen und zugleich den Prinzipien der Nachhaltigkeit gerecht werden.(9) Dabei gilt nach Habermas: „Was systemfunktional ist für Wirtschaft und Verwaltung (…) muss sich im Horizont der Lebenswelt der Bewohner wie Anlieger keineswegs als ‚funktional’ erweisen. Die Probleme der Stadtplanung sind nicht in erster Linie Probleme der Gestaltung, sondern der Eindämmung und Bewältigung von anonymen Systemimperativen, die in städtische Lebenswelten eingreifen und deren urbane Substanz aufzuzehren drohen.“(10)

Deshalb ist es nicht sekundär, ob ‚Nachhaltigkeit’ gleichsam verordnet wird, oder ob sie für den Einzelnen ein Akt der Selbstaneignung ist. Möglicherweise muss man sich auf die „Frage einlassen, inwieweit die Mittel unserer Vernunft im Grunde den Charakter von Spielregeln tragen, das heißt lediglich innerhalb eines gewissen geistigen Rahmens Geltung haben, in dem man sie als bindend annimmt?“(11) Sustainability nur aus strikter Rationalität zu entwickeln, wäre in ihrer soziopsychologischen Wirkung beschränkt. Nähme man den Anspruch ernst und formulierte daraus ein Programm, so ginge es eben nicht mehr bloß um die arbeitsteilige Spezialisierung des wirtschaftenden Menschen, sondern tendenziell um ein anderes Menschenbild. Dafür wäre es möglicherweise hilfreich, eher das Spielerische zum Thema des Ausdrucks zu machen als den Verzichtanspruch, in dem doch immer nur Bevormundung mitschwingt.

Konzertierte Programme, unterschiedliche Politikebenen und Fachdisziplinen
Eine gesellschaftspolitische Hoffnung scheint nun im ‚bewussten Konsumenten’ zu liegen, dessen zum Lebensstil werdende Orientierung an Nachhaltigkeit einen Ausweg bieten mag. Handelt es sich dabei um eine ökologisch korrigierte Version des in die Jahre gekommenen homo oeconomicus – oder aber um eine ökonomisch aktive Spielart des den Kinderschuhen entwachsenen homo oecologicus? Wohl eher Ersteres. Das Ziel der LOHAS12 ist es nämlich, ein wenig zu ändern, um das meiste nicht ändern zu müssen – überspitzt gesagt: „ein Leben in Saus und Braus, das schon bald mit erneuerbaren Energien funktioniert“. Der LOHAS ist zudem ein Reduktionist: einer, der sich ganz auf Energieeinsparung und Kohlendioxidverminderung kapriziert – als gäbe es unter dem Aspekt der ökologischen Nachhaltigkeit nicht noch anderes zu berücksichtigen. Und er neigt – nicht weniger beunruhigend – zum Unpolitischen, zur „Verbraucherdemokratie“. Gleichwohl impliziert diese Grundhaltung, das Leben zwar in vollen Zügen, aber nicht auf Kosten der Umwelt oder der Mitmenschen genießen zu wollen, die Frage: Ist ‚Nachhaltigkeit’ auf nicht-dirigistische Weise herstellbar? Dass die Nachfrage das Angebot bestimmt, ist eine eherne Weisheit der Marktwirtschaft, und sie scheint auch unserer Gesellschaft in Fleisch und Blut übergegangen zu sein. Problematisiert jedenfalls wird sie kaum mehr, so als sei die Nachfrage etwas Festgelegtes, nicht wiederum das Ergebnis von Wünschen, also Bedürfnissen, die erneut und immer wieder neu erzeugt werden (können).(13) Die Frage, wie der Materialeinsatz optimiert und der Aufwand städtischer Lebensweisen – ohne fühlbare Einbußen in der Lebensqualität – reduziert werden kann, muss noch stärker in den Vordergrund rücken, und ebenso die Neubewertung von Stoffkreisläufen unter dem Aspekt von Umweltlasten. Dafür bedarf es konzertierter Programme unterschiedlicher Politikebenen und Fachdisziplinen. Und es braucht eine neue Planungskultur, die die Menschen von ihrer Rolle als passive Konsumenten emanzipiert und selber zu verantwortlichen Akteuren und Produzenten werden lässt. Freilich steht man schon zu Beginn vor drei schier unüberwindlichen Barrieren: Erstens ist die Naturnutzung nach wie vor viel zu billig; es fehlt an ‚Preiswahrheit’. Es mag sein, dass ‚peak oil’ die fossilen Energien absehbar verteuert; ob dies ausreicht, sei dahin gestellt. Zweitens entstehen die Lasten der Ressourcennutzung an anderer Stelle als am ‚Tatort’ oder zu anderer Zeit als zur ‚Tatzeit’; die Zusammenhänge entziehen sich mithin der sinnlichen Erfahrung. Grundsätzlich „wird bei komplexen Systemen das falsche Handeln lange nicht bemerkt. Auch das ist eine ihrer Eigenschaften, dass sie Störungen zunächst auffangen, auszugleichen versuchen, so dass eine Rückwirkung oft erst über viele Stationen zutage tritt, und dies dann oft auf Gebieten, in die wir bewusst gar nicht eingegriffen haben.“(14) Das soziale wie gebaute Gebilde ‚Stadt’ weist Ähnlichkeiten zu einem ökologischen System auf, bei dem jede Intervention systemische Folgen an anderen Stellen provoziert. Drittens besteht zwischen dem Wissen um Gefährdung und der Bereitschaft zur Verhaltensänderung weiterhin eine große Diskrepanz. Jeder Verbraucher spielt (s)eine Rolle bei der Inanspruchnahme der Umwelt, mag sich ihrer indes nicht recht bewusst werden. Doch „das schwerste Hindernis“, so einmal Ivan Illich, „ist weder der Mangel an Kenntnissen über die notwendigen Grenzen noch der an Menschen, die entschlossen wären, sie zu akzeptieren, falls sie unvermeidlich wären – es ist vielmehr die Macht der politischen Mythologie.“(15)

Die Vision einer CO2-freien Stadt
Politische Mehrheiten hängen, dem Opportunitätsprinzip folgend, stets dem Glauben an weiteres (Wirtschafts)Wachstum an. Und Politiker zeigen eine Scheu vor unpopulären Entscheidungen, nicht zuletzt, weil sie die erhoffte Wiederwahl gefährden. Deshalb erweisen sie sich häufig als immun gegen wissenschaftlich gestützten Sachverstand; sind sie es doch gewohnt, „politisch zu entscheiden“.(16)

Unbeschadet dessen kommen die Slogans der politischen Parteien recht vollmundig daher: „Unsere Vision für das 21. Jahrhundert ist die CO2-freie Stadt.“(17) Wie viel Realitätsgehalt verbirgt sich hinter einem solchen Postulat, oder umgekehrt: was steckt in ihm an symbolisch-diskursivem Mobilisierungspotential? Ist es ein seriöser, sinnstiftender Ausblick, kann er ein „Markenzeichen“ sein, das dabei hilft, politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Kräfte zu mobilisieren und zu bündeln um die Zukunftsaufgabe eines „Nachhaltigen Urbanismus“ zu bewältigen? Ist die Vision der CO2-freien Stadt ein starkes Leitbild, das politische und gesellschaftliche Energien freisetzen und bündeln kann oder ein Trugbild, das eine falsche Harmonie von der Vereinbarkeit modernen technik-basierten Lebens und Wirtschaftens mit nachhaltiger Entwicklung nur vorgaukelt und damit ein trügerisches Bild des „Weiter-so“ vermittelt? Wie auch immer: Ziele der Nachhaltigkeit dürfen nicht länger in der Unverbindlichkeit von Sonntagsreden verbleiben. Ihre Umsetzung muss durch klare Maßstäbe überprüfbar gemacht werden. Wir brauchen ‚Anzeiger’ für die Aufrichtigkeit und Konsequenz wohlfeiler Vorstellungen. Doch die Indikatoren müssen mit Bedacht gewählt werden; sie sind Leitplanken und Wegweiser. Zudem braucht es ein überschaubares Bündel an konkreten Zielen, die wiederum im Konsens aller relevanten Gruppen zu erstellen sind. Solche benennbaren Zielwerte können die notwendige Orientierung geben, wie weit man gekommen ist, was bereits erreicht wurde und wo noch Anstrengungen zu unternehmen sind. Dennoch – spätestens an dieser Stelle wird es schwierig; nicht nur, weil Zielkonflikte unvermeidlich sind.

Einerseits – und aus gutem Grund – wird in der Stadtentwicklung (wie in zahlreichen anderen Disziplinen auch) die Komplexität von Informationen durch Kennziffern, Durchschnittswerte, Benchmarks etc. handhabbar gemacht; werden in Abhängigkeit vorhandener Wertesysteme allgemeingültige Normen festgelegt und werden umgekehrt Qualitäten anhand von „Zahlen“ gemessen, verglichen und bewertet. Diese sind selbstverständliche Grundlage und Voraussetzungen für Gutachten, Wirtschaftlichkeitsberechnungen oder für städtebauliche Konzepte und Maßnahmen. Andererseits – und umgekehrt – muss klar sein, dass Stadt mehr ist als die Zusammenschau (wie auch immer) nachhaltiger Gebäude. Standortqualitäten sind ein komplexes Gebilde von Wertschätzungen. Städtische Strukturen erweisen sich als robust. Subjektive Werturteile, Zufriedenheit und Imagebildung indes unterliegen einem dynamischen Wertewandel. Stadtquartiere sind der Ort des Zusammenlebens von Menschen in sozialer Gemeinschaft – mit unterschiedlichen Ansprüchen und Erwartungen. Die Vielfalt unserer Städte lebt gerade davon, dass es keine verbindliche DIN-Norm oder technische Ausführungsbestimmung auf der Ebene der Stadt und des Stadtquartiers gibt und geben kann.(18)

Nachhaltigkeit gestalten
Gerade eine nachhaltige Stadtentwicklungspolitik muss sehr komplexen Anforderungen an urbane Lebensformen entsprechen. Daraus ergibt sich nun – paradoxer Weise – die Erwartung, diese Komplexität auf wenige Parameter zu komprimieren. Dass der Aspekt, die breite Masse des Bestands ‚energetisch zu ertüchtigen’, damit auf der Agenda ganz weit oben landet, dürfte allerdings nachvollziehbar sein. Natürlich ist das eine vielbemühte Einsicht, die eher häufig als selten zur bloßen Phrase verkommt.(19) Gleichwohl muss man sich damit auseinandersetzen – nicht nur praktisch, sondern auch intellektuell. Das jedoch passiert entschieden zu wenig; und die Architektenschaft übt sich bislang eher in Larmoyanz. Um aus dieser verfahrenen – teils selbstverschuldeten, teils fremd induzierten – Situation herauszukommen, ist man gut beraten, erneut die Bedeutung jenes symbolischen Kapitals anzuerkennen, das in der spezifischen Verräumlichungs- und Visualisierungskompetenz der Architekten liegt. Deren operatives Handlungswissen muss sich indes den geltenden Randbedingungen anpassen, damit es (wieder) zu einer kulturellen Praxis werden kann.

Um schließlich nochmals auf das Problem des ‚Einpackens’ zurückzukommen: Mit Zwängen und ungeliebten Vorgaben umzugehen, ist eigentlich eine raison d’etre der Architektur. „Eines der schönsten Gebäude der Weltgeschichte, das Erechtheion auf der Akropolis, war mit so vielen religiösen und liturgischen Auflagen belegt, dass dem Architekten, einem der größten Meister seines Fachs, beinahe kein Planungsspielraum blieb – und deshalb sollen die Architekten die Hindernisse und Auflagen, die ihnen das Gemeinwesen auferlegt, nicht als Last empfinden, sondern lieben lernen.“(20) Ohne aktuelle Parallele ist das ja keineswegs: Frank O. Gehrys Bankgebäude am Pariser Platz in Berlin gilt ja gerade wegen seiner kongenialen Interpretation der rigiden stadtgestalterischen Vorgaben als eines seiner besten Werke. Analog wäre die Bestandsfrage als die zentrale Herausforderung zu begreifen, an der man sich architektonisch misst. Nachhaltigkeit zu gestalten, lautet also die zentrale Aufgabe des Metiers. Wobei klar sein sollte, dass hochfliegende Konzeptionen dabei eher die Ausnahme sind; im Alltag geht’s ja oft eher um prospektive Bauschäden.(21) Im Sinne des Mies’schen „Weniger ist Mehr!“ könnte ein Weg in einer fehlertoleranten Baupraxis liegen; platt gesagt: lieber sechs Zentimeter richtige als 20 Zentimeter falsche Dämmschichtdicke. Doch offenbar ist nichts anspruchsvoller, als sich um solche Banalitäten zu kümmern. Nachhaltigkeit erreicht man nicht mit Gipfelstürmerei, sondern nur über die Mühen der Ebene; oder wie es das Büro Albert Speer & Partner definiert: „Sie beruht auf einer Realitätsprüfung, die das Zusammenspiel von Intuition und rationalen Erkenntnissen zum Tragen bringt.“(22) Auch das klingt sehr nach einer Definition dessen, was Architektur im Kern ausmacht.

Anmerkungen
1 Beispielsweise wurde moniert, dass die EnEV sich allein mit dem Einzelgebäude beschäftige, nicht mit der einzelnen Wohnung, aber auch nicht mit städtebaulichen Konsequenzen ihrer Umsetzung. Unabhängig davon scheint eine Vereinfachung der EnEV unabdingbar.
2 Boris Palmer im Gespräch mit Wolfgang Bachmann. In: Baumeister, 6, 2010, S. 65. 3 Wobei deren Relevanz natürlich anerkannt werden muss. Dem Gebäudebereich kommt dabei eine zentrale Rolle zu, denn dieser verursacht in Deutschland 20 Prozent der CO2-Emmissionen und verbraucht etwa 40 Prozent der Endenergie für Raumwärme, Warmwasser und Beleuchtung.
4 Dass umgekehrt mit der Nachhaltigkeitsdebatte auch die Kategorie des Raums implizit bedeutsamer wird – und zwar nicht im Sinne eines ‚spatial turns’ –, darauf hat unlängst Rolf Peter Sieferle hingewiesen. Rolf Peter Sieferle: Urbane Nachhaltigkeit – eine Utopie? In: Sophie Wolfrum, Winfried Nerdinger (Hg.): Multiple City. Stadtkonzepte 1908-2008. Berlin 2008, S. 197
5 Dessen innere Widersprüchlichkeit kann hier nur angedeutet werden. Es sei zum einen auf das sattsam bekannte Eigentümer-Mieter-Dilemma hingewiesen, zum anderen auf den Umstand, dass es alsbald nicht mehr nur um Wärmedämmung, sondern um Schutz vor Wärme gehen wird.
6 Dabei ist überall dort, wo Gebäudesysteme bei Energieeffizienz und Einsatz erneuerbarer Energien an technische, architektonische oder wirtschaftliche Grenzen stoßen – dies ist vor allem im Bestand der Fall – die klimagerechte Organisation, Umstrukturierung und Optimierung von Wärme- und Stromerzeugung sowie deren Verteilung immer wichtiger.
7 Nur angedeutet werden kann hier ein weiterer Aspekt: Im Zuge des globalen Klimawandels werden die gemäßigten Zonen (und relativen Wohlstandsregionen) u.a. Mitteleuropas aller Voraussicht nach zu einem bevorzugten Abwanderungsziel werden – insbesondere deren Städte, was wiederum den ‚Bestand’ einer neuen Belastung aussetzen wird.
8 Mike Davis: Wer baut uns jetzt die Arche? In: Süddeutsche Zeitung, 20.12.2008
9 Dabei darf man vermuten, dass die Städte den Austragungsort für eine ressourcenbewußte Entwicklung unserer Gesellschaft darstellen.
10 Jürgen Habermas: Die neue Unübersichtlichkeit. Frankfurt a.M. 1985, S. 24
11 Johan Huizinga: Homo ludens. Vom Ursprung der Kultur im Spiel. Reinbek 1956, S. 148 f.
12 LOHAS ist das Akronym für ‚Lifestyle of Health and Sustainability“, womit eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe anhand ihrer Präferenzen kategorisiert wird.
13 Im System der Beziehungen zwischen Mensch und Umwelt sind beide Pole Produkt menschlicher Geschichte, also prinzipiell variabel, und über die damit eröffneten Möglichkeiten lässt sich nur nach Maßstäben urteilen, die an einem Bild vom gewünschten und nicht an einem Bild vom natürlichen Leben orientiert sind.
14 Frederic Vester: Neuland des Denkens. Vom technokratischen zum kybernetischen Zeitalter. München 1984, S. 20.
15 Ivan Illich: Selbstbegrenzung. Eine politische Kritik der Technik. Reinbek 1975, S. 177
16 Das Dilemma offenbart sich exemplarisch bei der Behandlung der Themen ‚Autoverkehr’ und ‚Ausweisung von Bauland’.
17 Mit eben diesen Worten bekräftigten – laut Berliner Zeitung vom 20.06.2009 – CDU und CSU ihren Entwurf des gemeinsamen Wahlprogramms zur deutschen Bundestagswahl 2009.
18 Vgl. hierzu auch: Deutscher Verband für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung e.V. (Hg.); Elke Pahl-Weber u. Harald Bodenschatz (Bearbeiter): Zertifizierung in der Stadtentwicklung – Bericht und Perspektive. Berlin 2009
19 Eigentlich weiß man, dass es für den Klimaschutz in den meisten deutschen Städten kein systematisches Konzept gibt. Obwohl die Erhaltung des Klimas eine Gemeinschaftsaufgabe von Markt und Staat bedeutet, wird der einzelne Immobilieneigentümer in die Pflicht genommen und zu riskanten Investitionen genötigt, deren Erfolg fragwürdig sein kann.
20 Martin Mosebach: Und wir nennen diesen Schrott auch noch schön. In: FAZ, Sa., 26.6.2010, S. 41
21 Zu dichte Anstriche, das berühmt-berüchtigte Beta-Verfahren, verschimmelte Dämmschichten und viele andere Kapriolen neuzeitlicher Sanierungsmethoden begleiten den Baualltag auf Schritt und Tritt.
22 Jeremy Gaines, Stefan Jäger: Albert Speer & Partner. Ein Manifest für nachhaltige Stadtplanung. Think local, act global. München 2009, S. 20.

Dieser Text wurde zum ersten Mal publiziert in der architekt 4/2010 zum Thema Energie und Bestand. Gretchenfrage der Gegenwart.

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