Kulisse und Substanz

Mit den Stärken arbeiten

Kita Goldhofer

Mit dem Jahresthema „Kulisse und Substanz“ nimmt der BDA sich 2019 den drängenden Fragen rund um die Themen Ökologie und Verantwortung an. Dabei steht die Diskussion im Vordergrund, welche Maßnahmen uns dabei helfen können, die Effekte des Klimawandels zu gestalten, und welche Eingriffe, Postulate oder Moden nur Kulisse bleiben. Im Dezember letzten Jahres hat der architekt gemeinsam mit dem BDA und dem Deutschen Architektur Zentrum DAZ den Call for Projects „Houston, we have a problem“ gestartet und um Einreichung solch substanzieller Beiträge gebeten. Bis Ende Januar 2019 sind rund 150 gebaute und gedachte Projekte zusammen gekommen. Im Wochentakt stellen wir an dieser Stelle ausgewählte Beiträge vor.

heiler geiger architekten, Kita Goldhofer, Memmingen 2015-2019, Foto: Nicolas Felder

Im Norden Memmingens wurde mit der Kindertagesstätte der Alois Goldhofer Stiftung eines der interessantesten Projekte der Stadt in Bayrisch-Schwaben, am nördlichen Rand des Allgäus, fertiggestellt. Das pädagogische Konzept der Kita orientiert sich an der von Loris Malaguzzi in den 1970er Jahren entwickelten Auffassung, nach der sich Kinder individuell, ihren Möglichkeiten entsprechend entfalten können. Malaguzzi ging dabei vom „kompetenten Kind“  aus, das selbst aktiv wird und seine Umwelt eigenständig erforscht. Elementar dabei ist, dass die Erzieherinnen und Erzieher nicht gegen die Schwächen, sondern mit den Stärken der Kinder arbeiten. Malaguzzi sah diese Pädagogik als Aufgabe der gesamten Stadtgesellschaft. Da die Konzeption in der italienischen Stadt Reggio nell’Emilia erstmalig in die Praxis überführt wurde, ist sie inzwischen als Reggio-Pädagogik in den entsprechenden Diskursen eingeführt und erlangte Anfang der 1990er einige Berühmtheit, als das Newsweek Magazine sie zum besten „Early Childhood Education“-Programm der Welt kürte.

heiler geiger architekten, Kita Goldhofer, Memmingen 2015-2019, Foto: Nicolas Felder

Mit den Stärken und nicht gegen die Schwächen arbeiten auch die Architekten Jörg Heiler und Peter Geiger mit ihrem Entwurf für die Kindertagesstätte. Die Kita sollte in das bestehende, ehemalige Wohnhaus der Stifterfamilie ziehen. Statt nun gegen die Schwächen des Bestandsbaus anzugehen, etwa mit dem Einsatz von Wärmedämmverbundsystemen oder dergleichen, entschieden sich heiler geiger architekten dafür, die Stärken des Hauses zu betonen und diese für den Kita-Betrieb nutzbar zu machen. Dafür haben sie die drei, durch Dächer verbundenen Gebäudevolumen freigestellt und mit einem gemeinsamen Kleid aus Polycarbonatstegplatten umhüllt.

heiler geiger architekten, Kita Goldhofer, Memmingen 2015-2019, Foto: Nicolas Felder

Diese zweite Haut funktioniert wie ein „Energiegarten“ – ein von Günter Pfeifer geprägter Begriff, auf den sich die Architekten explizit berufen. Er erlaubt den Verzicht auf eine Dämmung und macht es möglich, dass die Wände der Bestandsbauten unverpackt ins neue innere Außen treten können. Zwischen den Außenwänden der Bestandsbauten und der neuen, kybernetisch wirksamen Hülle bilden sich unterschiedlich große Zonen, die für den täglichen Ablauf des Kita-Lebens ebenso praktisch genutzt werden können wie sie als thermodynamischer Puffer zwischen Innen und Außen dienen. Hier finden sich nun Garderoben, flexibel nutz- und schaltbare Räume und der gemeinsame Essbereich des Ganztagsbetriebs. Die Polycarbonathülle bildet ein neues Gebäudevolumen, das in etwa die Form eines Y hat und der nach Osten hin abfallenden Topografie folgt. So stellt sich der Bau von Westen aus eingeschossig dar, im Innern geht es aber entlang der Südost-Ecke des Kita-Bereichs eine generöse Treppe hinab. Hier bilden die Architekten einen großzügigen zweigeschossigen Raum aus, der als Bewegungsraum ebenso genutzt werden kann wie als Forum für Elternabende oder Teamsitzungen.

heiler geiger architekten, Kita Goldhofer, Memmingen 2015-2019, Foto: Nicolas Felder

Wo das Äußere des Hauses durch das neue transluzente Kleid homogen wirkt, überrascht das Innere durch seine Vielschichtigkeit. Peter Geiger, Jörg Heiler und ihr Team haben alle Materialien im Innern exakt so belassen, wie sie sie vorgefunden oder verbaut haben. Das führt zu einem an manchen Stellen scheinbar wüsten Materialmix, der bei genauer Betrachtung aber als bauliches Pendant der pädagogischen Konzeption des Hauses funktioniert. Im Bereich der Garderobe und dem von den Architekten „Piazza“ getauften Raum südlich des Krippen- und westlich des Kindergartenbereichs findet sich der alte, mit dunklen Natursteinplatten belegte Außenkamin der Stiftervilla neben mit Backstein aufgemauerten Wandteilen, neben mit Porenbetonsteinen und Betonstürzen umfangenen, weiß verputzten Wandstücken. Dazu kommen Akustikpanele und die schwarzen Multiplex-Einbauten für die Garderoben.

heiler geiger architekten, Kita Goldhofer, Memmingen 2015-2019, Foto: heiler geiger

Alles bleibt authentisch, nichts versucht sich anzuheimeln – auch das schreiend Bunte, das an vielen anderen Häusern für Kindern immer direkt anzeigt, dass hier die Kleinsten untergebracht sind, sucht man in der Kita Goldhofer vergeblich. Die Architekten vermitteln hier gut durch die Maßstäblichkeit der Einbauten, für wen das Gebäude gedacht ist: für Kinder – ein Spielhaus samt Rutsche im Krippenbereich, Einbauten unter der Treppe, kleine Küchen und altersgerechte Möbel laden ebenso zum Experimentieren ein wie die Unmittelbarkeit der Materialien.

David Kasparek

Kita Goldhofer, Memmingen 20152019
Architekten: heiler geiger architekten und stadtplaner BDA
Auftraggeber: Alois Goldhofer Stiftung
Statik: IHW Ingenieure GmbH & Co. KG
Haustechnik: Ingenieurbüro Güttinger Ingenieure
Landschaftsarchitekt: Latz+Partner, Kranzberg
Lichtplanung: generation licht

Elektroplanung: Kettner & Baur
Fotos: Nicolas Felder, heiler geiger architekten

Bereits vor zehn Jahren verfassten zahlreiche Verbände – darunter auch der BDA – das Klimamanifest „Vernunft für die Welt“ und thematisierten damit auch eine Selbstverpflichtung, sich für eine Architektur und Ingenieurbaukunst einzusetzen, „deren besondere Qualität gleichermaßen durch funktionale, ästhetische und ökologische Aspekte bestimmt wird“. Auf dem diesjährigen BDA-Tag in Halle an der Saale stellt der BDA am 25. Mai mit dem Papier „Das Haus der Erde“ nun  „Positionen für eine klimagerechte Architektur in Stadt und Land“  zur Diskussion.

Im Rahmen des BDA-Tags werden Jörg Heiler, Architekt der Kita Goldhofer, und Robert Bachfischer, Vorstand der Alois Goldhofer Stiftung, den Bau vorstellen und mit anderen Architektinnen und Architekten über Architektur in Zeiten des Klimawandels sprechen.

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