Quintus Miller, Paola Maranta, Jean-Luc von Aarburg

Die Seele im Gebauten

Rekonstruktion: Das Alte Hospiz am Gotthardpass

Der Gotthardpass ist einer der symbolträchtigsten Alpenübergänge der Schweiz. Seit Jahrhunderten bildet er die wichtigste Verkehrsader zwischen der italienisch- und der deutschsprachigen Schweiz und ist gleichzeitig auch eine bedeutende Verbindung im innereuropäischen Verkehrsnetz. Die Ankunft auf der Passhöhe wird baulich von der Alten Sust und dem Hotel St. Gotthard dominiert. Das Alte Hospiz liegt etwas zurückversetzt, hat mit seiner hohen, nach Süden gerichteten Giebelfassade aber eine einprägsame Fernwirkung. Die kleine Kapelle aus dem 16. Jahrhundert schmiegt sich an der Nordseite an das Gebäude. Ursprünglich als Haus des Priesters 1623 erbaut, wurde es im 18. Jahrhundert nach dem Niedergang der Lawine vom Monte Prosa als eigentliches Kapuzinerhospiz neu aufgebaut. Das Hospiz wurde nach und nach vergrößert und den jeweiligen Bedürfnissen angepasst. Nach dem großen Brand von 1905 musste die innere Struktur vollständig ersetzt  werden, die Kapelle wurde mit einer mehrgeschossigen Aufstockung überbaut und dabei in seiner Gestalt verunklärt.

Das Projekt für die Nutzung als zeitgemäßes Hotel von Miller & Maranta ging 2005 aus einem Wettbewerb hervor.  Es stellt über dem ersten Obergeschoss innerhalb der bestehenden und um ein Geschoss aufgestockten Fassade eine Holzkonstruktion in Ständerbauweise mit Bohlenfüllung ein, die auch die Lasten der neuen vereinheitlichenden Dachstruktur aufnimmt.

Miller & Maranta, Altes Hospiz St. Gotthard, Gotthard-Pass, Schweiz 2005-2009, Lageplan

Miller & Maranta, Altes Hospiz St. Gotthard, Gotthard-Pass, Schweiz 2005-2009, Lageplan

Der Eingriff will dem prägenden Charakter des Gebäudes gerecht werden und mit dem notwendigen Respekt vor dem kulturellen Denkmal eine neue Zeitschicht mit angemessenen Mitteln hinzufügen. Die baulichen Maßnahmen umfassen sowohl das Entfernen verunklärender Eingriffe, als auch das Hinzufügen angemessener neuer Teile und nicht zuletzt eine gezielte Stärkung der Wirkung der vorgefundenen architektonischen Form in der Landschaft.

Palimpsest
Das Eingreifen in die Landschaft macht die Inanspruchnahme des Territoriums als Lebensraum des Menschen physisch sichtbar. Die Naturlandschaft wird zur Kulturlandschaft, die sich spezifisch auf die Lebensform der Menschen als Gemeinschaft bezieht. Man kann die Eingriffe als Abdruck des menschlichen Lebens in der Landschaft verstehen. Es geht dabei um den Charakter der Landschaft, die spezifische Form der Siedlung und die Typologie der Bauten. Dabei lässt es sich noch vertiefter verfolgen: an der konkreten Gestalt der Architektur lässt sich gar ablesen, wie das Essen zubereitet oder die Wäsche gewaschen wird, es wird erkennbar, wie gearbeitet wird oder wie eine Gemeinschaft zusammenlebt. Die menschliche Kultur kristallisiert regelrecht im Bauen zu Materie. Während das Leben selbst naturgemäß etwas Flüchtiges darstellt und sich nur in der Erinnerung erhält, überdauert das Gebaute als Materie die Zeit. Anhand des Gebauten bleibt die Form des Lebens auch ohne die Menschen ihrer Zeit ablesbar. Insofern ist das Bauen eines der Zeitgedächtnisse menschlicher Kultur, das sich durch die Zeit hindurch stetig überlagert und damit auch inhaltlich verdichtet und relativiert. Darin liegt die große Bedeutsamkeit der Baukultur für die Menschheitsgeschichte begründet.

Miller & Maranta, Altes Hospiz St. Gotthard, Gotthard-Pass, Schweiz 2005-2009, Grundriss EG

Miller & Maranta, Altes Hospiz St. Gotthard, Gotthard-Pass, Schweiz 2005-2009, Grundriss EG

Entwerfen
Die Wahrnehmung und das Verstehen von Architektur ist stets mit Erinnerung behaftet, weshalb wir auch beim Entwerfen fortwährend in Bezug zu schon Gedachtem und Gebautem stehen. Dabei sind wir aber nicht in Konkurrenz zum Bestehenden, sondern wir befinden uns im kritischen Dialog. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage nach dem Original oder dem Plagiat nicht. Die kritische Betrachtung des Vorhandenen schließt das Plagiat aus, so wie auch die genuine Originalität eines Bauwerks den ernsthaften Bezug zum Kontext verhindert. Sich auf Baukultur zu beziehen, ist Ausdruck einer Verantwortung für unseren Lebensraum – aber sie verlangt auch profundes Wissen über unsere baukulturelle Basis.

Miller & Maranta, Altes Hospiz St. Gotthard, Gotthard-Pass, Schweiz 2005-2009, Schnitt

Miller & Maranta, Altes Hospiz St. Gotthard, Gotthard-Pass, Schweiz 2005-2009, Schnitt

Unsere Sinneswahrnehmungen interpretieren wir mithilfe unseres Gedächtnisses. Die während des Lebens fortlaufend gesammelten Erfahrungen geben uns die Mittel, das Wahrgenommene zu entziffern und in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Dieser Prozess, die Wahrnehmung ins Bewusstsein zu bringen, ist in erster Linie ein Prozess des Individuums: Sinnesempfindungen können wir nur mit der Realität in Beziehung setzen, wenn unsere Wahrnehmung mit einer Erinnerung verbunden wird. Wir vergleichen die Wahrnehmung mit der Erinnerung und machen uns dabei ein Bild der Realität. Dabei profitieren wir von der menschlichen Fähigkeit, das Wahrgenommene schnell auf seine essenziellen Eigenschaften hin zu überprüfen. Im Vergleich mit der Erfahrung verifizieren wir nicht nur Gleiches und Anderes – wir unterscheiden auch die Verwandtschaft der Eigenschaften, formale Ähnlichkeiten oder inhaltlich Analoges. Damit vermögen wir nicht nur wiederzuerkennen, sondern haben auch die Fähigkeit, das Neue durch den Vergleich mit verwandten Eigenschaften zu deuten. Mit diesem intellektuellen Prozess entfernt sich die Wahrnehmung von einer retrospektiven Perspektive; die Fähigkeit zur Assoziation öffnet uns einen weiten Blick auf das Neue. Sie ermöglicht uns, neue Ideen zu formulieren und ein architektonisches Thema zu umreißen, das den Entwurf inhaltlich nährt: Es geht darum, dem Projekt einen inneren Zusammenhalt zu geben, eine Seele, die auch im Gebauten stets präsent ist.

Miller & Maranta, Altes Hospiz St. Gotthard, Gotthard-Pass, Schweiz 2005-2009, Ansicht Bestand

Miller & Maranta, Altes Hospiz St. Gotthard, Gotthard-Pass, Schweiz 2005-2009, Ansicht Bestand

Ambivalenz
Im trutzigen Ausdruck des Bauvolumens auf der dem harten Bergklima ausgesetzten Passhöhe und in der aufrechten, südwärts gerichteten Hauptfassade mit ihren gedrungenen Fensteröffnungen fand sich im angetroffenen Alten Hospiz ein starkes Potential für die entwerferische Arbeit am Projekt. Diese Elemente prägten und prägen sich dem Reisenden als Erinnerung an den bedeutungsvollen Ort innerhalb der beeindruckenden Landschaft ein und transportieren mit der Gestik des Gebäudes die Symbolik des Ortes. Der Entwurf für das Alte Hospiz versucht in diesem Sinne, den Gehalt des Bauwerks zu verdichten und mit der neuesten baulichen Schicht zu einem gültigen Ganzen zu verschmelzen, er ist angetrieben von der Suche nach einer neuen Einheit, die dem Erhalt des materiellen Bestands kein höheres Gewicht als der Stärkung der inhaltlichen Substanz beimisst.

Miller & Maranta, Altes Hospiz St. Gotthard, Gotthard-Pass, Schweiz 2005-2009, Ansicht Neubau

Miller & Maranta, Altes Hospiz St. Gotthard, Gotthard-Pass, Schweiz 2005-2009, Ansicht Neubau

Das Alte Hospiz bestand immer schon aus zwei baulichen Teilen, der Kapelle und dem Hospiz. Durch den Wiederaufbau nach dem Brand von 1905 wurde die Lesbarkeit der einst klar getrennten Volumetrie verwischt. Mit der erneuten Aufstockung ergab sich die Möglichkeit, mit dem großflächigen Bleidach dem Gebäude eine nicht dagewesene ambivalente Gestalt zu verleihen: eine auf den ersten Blick vereinheitlichende Maßnahme fasst Sakralbau und Hotel zusammen, doch beide bleiben auf den zweiten Blick getrennt lesbar.

Das Prinzip setzt sich in der Materialisierung fort: Der raue Putz an der Fassade unterhalb der Aufstockung ist historisch, der Putz darüber wurde in Materialität und Textur so nah an ihn herangeführt, dass der Altersunterschied nicht sichtbar wird, wenn man ihn nicht sehen will. Die Fenster der Südfassade stammen aus verschiedenen Zeiten und haben eine unterschiedliche Form: der Betrachter kann sich die historischen Zeitschichten am Gebäude erarbeiten, wenn er sich damit auseinandersetzen will.

Miller & Maranta, Altes Hospiz St. Gotthard, Gotthard-Pass, Schweiz 2005-2009; Foto: Ruedi Walti

Miller & Maranta, Altes Hospiz St. Gotthard, Gotthard-Pass, Schweiz 2005-2009; Foto: Ruedi Walti

Die entwerferische Haltung, die an das bestehende Bauwerk herangetragen wird, ist eine vielschichtige. Es geht darum, einem Monument mit großem Respekt gegenüberzutreten und gleichzeitig in dessen wechselvolle Historie ein weiteres, kulturell sorgfältig formuliertes Kapitel einzuweben. Diese Denkweise wird durch die Erkenntnis genährt, dass das ehrfürchtige Erstarren vor der historischen Substanz diese zwar unmittelbar sichert, langfristig hingegen deren Überleben selten garantieren kann. Dies kann nur dann nachhaltig gelingen, wenn das Bauwerk unter Maßgabe des Respekts für dessen Geschichte in das gesellschaftliche Leben integriert bleibt und neue Zeitschichten abbilden kann. Das wiederum ermöglicht die Fortschreibung der über Generationen gelebten Kontinuität des Relativen, die durch den Absolutheitsanspruch der Moderne und dem daraus logischerweise entstandenen strengen Schutzgedanken einen Unterbruch erfahren hat.

Prof. Quintus Miller, Dipl. Architekt ETH BSA SIA, ist Mitglied der Denkmalpflegekommission der Stadt Zürich und des Denkmalrates des Kantons Basel-Stadt. Seit 2009 ist Miller ordentlicher Professor an der Accademia di Architettura der Università della Svizzera italiana. Er führt das eigene Büro Miller & Maranta dipl. Architekten in Basel in Partnerschaft mit Paola Maranta und Jean-Luc von Aarburg.

Paola Maranta, Dipl. Architektin ETH BSA SIA, ist Mitglied der Ortsbildkommission von Riehen und Gründungspartnerin des Büros Miller & Maranta.

Jean-Luc von Aarburg, Dipl. Architekt ETH, ist Partner im Büro Miller & Maranta.

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