Christiaan Elshout im Gespräch mit David Kasparek

Beliebig ist uninteressant

Erhalt und originale Ergänzung im Automobilbau

David Kasparek: Welche Autos restaurieren Sie?
Christiaan Elshout: Vor allem italienische. Ich habe mit einem 1971er FIAT 850 Sport Coupe angefangen als ich 22 Jahre alt war – ohne Erfahrung und Geld. Damals gab es kein Internet und auch noch keine online-Diskussionsforen, so dass ich viele Fehler gemacht habe.  Aber das Auto war dann doch nach vier Jahren fertig. Danach habe ich mir einen schwarzen 1978er FIAT 127 Sport 70HP vorgenommen. Der ist so gut gelungen, dass ich ihn verkaufen und mir von dem Geld ein neues Auto kaufen konnte: das damalige „Auto des Jahres”, ein FIAT Uno…

…das war dann 1984?
Genau. Ein Verwandter, Architekt von Beruf, hatte mir zu dem Kauf geraten, da er die Gestaltung des Wagens besonders gut fand…

…das Design von Giorgo Giugiaro gilt heute als Klassiker. Wie ging es dann weiter?
Ich habe dann zunächst lange nichts mit alten Autos gemacht. Erst 1989 interessierte sich meine Frau für einen weiteren FIAT 850. Also bin ich nach Italien gefahren, um einen solchen zu suchen – erfolglos. Weil ich aber extra mit einem Anhänger unterwegs war, wollte ich nicht mit leeren Händen zurückfahren. Ein Italiener erzählte mir dann, er würde ein deffektes 1971er Lancia Fulvia Coupe für wenig Geld abgeben. Ich wusste damals nichts über dieses Auto, ergriff aber die Chance, nahm ihn mit nach Hause – und meine Frau verliebte sich direkt in den Wagen. Viele Jahre benutzte sie ihn und fuhr unsere drei Kinder damit herum. Erst 1998 wollte ich ihn verkaufen – er begann bereits ein wenig zu rosten. An dem Tag, als ich das Inserat für den Wagen in der Zeitung hatte, rollte der BMW 520 meines Nachbarn mit etwa 25 km/h seitlich in das Fulvia Coupe, weil er vergessen hatte, die Handbremse zu ziehen. Natürlich wollte niemand das beschädigte Auto kaufen, die Versicherung bezahlte nur 500 Euro, und so beschloss ich, den Wagen erneut selbst zu restaurieren – inklusive Interieur und Motor.

Foto: Christiaan Elshout

Pietro Castagnero, Lancia Fulvia Coupé, 1971, nach der Sanierung 2001; Foto: Christiaan Elshout

Bedeuten Ihnen die Autos, die Sie restaurieren, auch emotional etwas?
Ja, die Geschichte, die mich persönlich mit dem Wagen verbindet, ist das Interessante daran – ein x-beliebiger anderer Fulvia wäre weniger interessant für mich. Einen 1973er SEAT 600 zum Beispiel habe ich von dem gleichen Mann gekauft, der mir mein allererstes Auto geschenkt hatte. Einen 1989er Lancia Thema V6, wie den, den ich im letzten Jahr restauriert habe, hatte seinerzeit mein Schwiegervater 1991 gekauft; den 1967er Pontiac Catalina Stationwagon fuhren meine Eltern, als ich ein Kind war und wir in den USA lebten…

In welchen Zustand sind die Autos, wenn Sie sie finden?
Die Karosserie muss in gutem Zustand sein, das ist das wichtigste.

Foto: Christiaan Elshout

Jack Humbert, Pontiac Catalina Station Wagon, 1967, unsaniert 2012; Foto: Christiaan Elshout

Benutzen Sie zum Wiederaufbau nur Originalteile aus der Bauzeit oder dürfen auch neue Teile eingebaut werden?
Ich bin Maschinenbauingenieur und weiß, wie die Teile hergestellt wurden – nämlich maschinell. Durch meinen Beruf habe ich Zugang zu solchen Maschinen, ich kann also  Teile selbst herstellen. Aber: alles muss in Originalgröße sein. Kugellager, Kolben oder Kolbenringe werden ja nicht von Autoherstellern gemacht. Ich suche zunächst nach Originalteilen. Aber nicht über ein Händlernetzwerk, sondern bei den Originalherstellern wie SKF oder Federal Mogul. Karosserieteile baue ich zum Teil selbst und schweiße sie an das Auto. Für Stoßstangen, Außenspiegel und Edelstahlteile benutze ich Originalteile – auch weil es leicht ist, Edelstahl wieder wie neu aussehen zu lassen. Lancia etwa hat immer mit hochwertigen Materialien gearbeitet, was ein Vorteil beim Restaurieren ist. Sogar beim Lancia Thema waren diese Teile einfach zu reinigen und frei von Rost – eben wegen des Edelstahls.

Foto: Christiaan Elshout

Giorgio Giugiaro, Lancia Thema V6, 1989, während der Sanierung 2012; Foto: Christiaan Elshout

Was ist wichtiger: ein Original wieder herzustellen, oder etwas wieder aufleben zu lassen?
Das Original! Aber es muss für den täglichen Gebrauch nutzbar sein… show and go! (lacht)

Wo finden Sie die Teile, die zum Wiederaufbau der Autos benötigt werden?
Inzwischen über Klub-Seiten im Internet. In den ersten Jahren war es wesentlich schwieriger, aber es gab – und gibt ihn bis heute – Martin Willems im holländischen Emmer Compascuum, einen Spezialisten, der nicht zu teuer ist – und der inzwischen auch eine Internetseite hat.

Foto: Christiaan Elshout

Giorgio Giugiaro, Lancia Thema V6, 1989, nach der Sanierung 2012; Foto: Christiaan Elshout

Was steckt hinter Ihrem Engagement für alte Autos, was treibt Sie an?
Ich liebe high tech und state-of-the-art design. Italienisches Design war meiner Meinung nach immer seiner Zeit voraus – sowohl technisch wie formal. Der Pontiac Catalina fasziniert mich auch, weil der schon 1967 mit 300 PS ausgerüstet wurde.
Inzwischen bin ich in der Lehre tätig und sehe in den neuen Designs die Dinge, die diese Wagen bereits vor 25 bis 40 Jahren hatten. Ich mache immer einen „Essensvergleich” zwischen den USA, Deutschland und Italien: Auf der einen Seite Big Mac und Cola, was Spaß bringt, letztlich aber nicht gut ist, hier Bratwurst und Bier, was groß und fett, aber ohne echten Geschmack ist – und auf der anderen Seite Carpaccio und Wein, was zwar wenig, aber mit viel Sorgfalt hinsichtlich des Geschmacks ist.

Wie weit geht Ihre Eigenleistung? Würden Sie zum Beispiel auch Sitzbezüge neu nähen?
Ja, das mache ich auch. Die Sitze lasse ich von einem  Polsterer machen, die Sitzbezüge oder Seitenverkleidungen nähe ich auf einer Nähmaschine zu Hause.

Wann ist ein Auto fertig?
Wenn man ein Auto für die alltäglichen Dinge benutzt, ist es nie fertig. Aber ich strebe trotzdem 95 Prozent Perfektion an – 100 Prozent ist nicht zu erreichen, entweder weil es dann zu teuer wird, oder es würde das Verhältnis zum Fahrspaß aus dem Gleichgewicht bringen. Eine zu große Perfektion nimmt den Spaß beim täglichen Fahren. Aber es sollte schon besser aussehen und sich auch besser fahren lassen als 98 Prozent der vergleichbaren Autos.

Foto: Christiaan Elshout

Pietro Castagnero, Lancia Fulvia Coupé, 1971, nach der Sanierung 2001; Foto: Christiaan Elshout

Wie wie viel Zeit brauchen Sie für ein Auto? Wie lange hat es gedauert, den Pontiac wieder fit zu machen?
Der Pontiac ist noch nicht fertig. Mit zwei Jahren Pause habe ich für den Fulvia fünf Jahre gebraucht, den Seat 600 hatte ich in fünf Monaten fertig. Es ist ein Hobby – und wenn man sich nicht danach fühlt, weiter zu machen, sollte man sich auch nicht zwingen.

Was passiert mit den Autos, die fertig sind: Behalten und fahren oder verkaufen?
Fahren!!! Und genießen. Und (noch) nicht verkaufen.

Christiaan Elshout (*1959) ist ausgebildeter Fahrzeugtechniker und Werkzeugbauer. Er war im nigerianischen Dschungel beim technischen Ausbau von Krankenhäusern tätig und arbeitete in verschiedenen Mechanikbetrieben, ehe er sich 1993 selbständig machte. Zusätzlich erlangte er in einem postgraduierten Studiengang die Zulassung als Hochschullehrer und ist seit 1995 am Albeda College, Rotterdam, und seit 2011 als Berufsschullehrer für Automechanik tätig. Christiaan Elshout lebt im niederländischen Ridderkerk.

Dipl.-Ing. David Kasparek (*1981) studierte Architektur in Köln. Er war Mitarbeiter des „Unortkataster Köln“ an der Kölner Kunsthochschule für Medien und als Gründungspartner des Gestaltungsbüros friedwurm: Gestaltung und Kommunikation als freier Autor, Grafiker und Journalist tätig. Nach einem Volontariat in der Redaktion der Zeitschrift der architekt ist er dort seit 2008 als Redakteur tätig. David Kasparek lebt und arbeitet in Berlin.

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