Editorial

E wie Faltung

In der Publikation „Getting to Yes“ von 1981 wurde eine bis heute anerkannte Technik beschrieben, mit der Konflikte zwischen Menschen gelöst werden können. Das sogenannte „Harvard-Konzept“ entwickelte Kriterien, mit denen ein Streit selbst in ausweglos erscheinenden Situationen friedvoll beigelegt und eine für alle Parteien befriedigende Übereinkunft gefunden werden kann. Die dritte der insgesamt vier Bedingungen, die dort als Grundlage für eine gelingende Verhandlung vorgeschlagen werden, ist das Schaffen einer Vielzahl von Optionen und die Erwägung unterschiedlichster Handlungspfade – davon ausgehend, dass Parteien oft starr auf ihren Forderungen und dem Finden der einen, „allerbesten Lösung“ beharren. Das hemmt die Kreativität für weitere Lösungsmöglichkeiten. Hinzu kommt die Sorge, für frei geäußerte, neue Vorschläge Kritik und Spott zu ernten. So bleibt es oft bei festgefahrenen Forderungen und Positionen, die einer Einigung im Weg stehen.

In Bezug auf den Jahrtausendkonflikt der Klimakrise geht der Physiker und Komplexitätsforscher Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) in eine ähnliche Richtung, obschon er die Lösungsvielfalt weniger als Methode, denn als gewünschtes Ergebnis betrachtet. „Wir befinden uns am Ende eines Zeitalters, des Zeitalters der Expansion – und brauchen ein neues Narrativ für den nächsten Schritt“, so Levermann in einem Artikel in der FAZ. Denn: „Der verzweifelte, wenn auch verständliche Ruf nach Verzicht und Rückbesinnung ist hilflos und wenig zielführend“. Als Lösung schlägt er das aus der Mathematik entlehnte Prinzip der Faltung vor: „Nicht Wachstum ins Mehr, sondern Wachstum in die Diversität.“ Es geht ihm in erster Linie darum, dem gängigen Wachstumsbild ein alternatives Bild entgegenzustellen, und Kern dieser Vorstellung bildet die der Chaosforschung zugrundeliegende „Herausforderung, unendliches Wachstum im endlichen Raum zu ermöglichen“. Dem Prinzip der Faltung folgend, könne sich ein System innerhalb eines begrenzten Raums „zurück in den Raum falten“. Notwendige Voraussetzungen dafür seien das stetige Voranschreiten, also die Beweglichkeit des Systems sowie ein klar begrenzter Raum. Auf den Klimawandel übertragen könnte Letzteres beispielsweise ein bevorstehendes Verbot von CO2-Emissionen sein.

Beide Voraussetzungen für die Faltung sind in der Architektur nicht gegeben. Von einem klar begrenzten Raum, etwa den ehrgeizigen Zielen der EU, bis 2050 einen CO2-neutralen Gebäudesektor zu schaffen, sind wir noch weit entfernt. Zum anderen fehlt es an Beweglichkeit: Das Übermaß an Normen und Verordnungen schränkt Architektinnen und Architekten regelmäßig dabei ein, klimafreundlicher zu bauen. Ein Vorstoß, dem hypertrophen Regelwerk etwas entgegenzustellen, wurde jüngst von den Architektenkammern – unterstützt vom BDA – unternommen, die einen neuen „Gebäudetyp E“ vorschlagen: E steht hier für „Experiment“. Für Projekte des Typs E dürften gewisse Normen und Standards außer Kraft gesetzt oder gemindert werden. Das nachhaltige und kostengünstige Bauen könnte damit im Fokus stehen und Handlungsoptionen, vor allem im Umbau und im zirkulären Bauen, um ein Vielfaches vermehrt werden.

Hoffentlich erhöht die Einführung eines Gebäudetyps E auch in den Köpfen die Bereitschaft, freier und offener über kreative Lösungen nachzudenken, wie es das Harvard-Konzept zur Einigung von Konflikten vorsieht. Auch Anders Levermann lässt sich mitunter auf kühne Gedankenexperimente ein. So berechnete er beispielsweise mit seinen Kolleginnen und Kollegen am PIK, was nötig wäre, um so große Massen an Wasser in die Mitte der Antarktis zu pumpen, dass dies den zu erwartenden Meeresspiegelanstieg um hunderte Jahre verzögern beziehungsweise „einfrieren“ könnte. Rund 850.000 Windräder wären den Berechnungen zufolge notwendig, um die Pumpen zu betreiben. Das klingt nach Wahnsinn und ist es vermutlich auch – dennoch wäre es wünschenswert, wenn wir unseren Hirnfaltungen auch solch abenteuerliche Gedankenspiele erlauben.
Elina Potratz

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