Houston, we have a problem

Ein Manifest der Aktionen

Ein globaler Konflikt von mythischer Dimension
Von Raoul Bunschoten

Mit dem Jahresthema „Kulisse und Substanz“ nimmt der BDA sich 2019 verstärkt den drängenden Fragen rund um den Themencluster Ökologie und Verantwortung an. Dabei steht die Diskussion im Vordergrund, welche Maßnahmen uns substanziell dabei helfen können, die Effekte des Klimawandels zu gestalten, und welche Eingriffe, Postulate oder Moden nur Kulisse bleiben. Bereits vor zehn Jahren haben zahlreiche Verbände – darunter auch der BDA – das Klimamanifest „Vernunft für die Welt“ verfasst und damit auch eine Selbstverpflichtung kundgetan, sich für eine Architektur und Ingenieurbaukunst einzusetzen, „deren besondere Qualität gleichermaßen durch funktionale, ästhetische und ökologische Aspekte bestimmt wird“. Auch der diesjährige BDA-Tag in Halle an der Saale wird sich am 25. Mai dem Thema annehmen und einmal mehr ein ökologisch-gesellschaftliches Umdenken anregen. Wir veröffentlichen an dieser Stelle Texte und Gespräche erneut, die seit der Publikation des Klimamanifests erschienen sind.

Klimawandel ist der Name der Auseinandersetzung zwischen erster und zweiter Haut der Erde. Diese Auseinandersetzung verlangt nach neuen Methoden der Gestaltung und der Planung, genauso wie nach der Entwicklung von „Prototypen“, so der niederländische Stadtplaner Raoul Bunschoten. Städte müssen die Rolle von Inkubatoren übernehmen, um die neuen Methoden und Prototypen zu testen, weiterzuentwickeln und zu verbreiten. Das Thema Stadt und Energie stellt eine verdichtete Form, eine Art Mikrokosmos, der globalen Auseinandersetzung dar.

Auch nach der finanziellen Krise wird es die klimatische Krise geben. Nur dass diese länger, wesentlich gefährlicher und potentiell katastrophal sein wird. Heutzutage haben wir eingesehen, dass die menschliche Gesellschaft ihren Teil zu den Klimaveränderungen beiträgt und diese sehr wahrscheinlich auch verursacht hat. Menschen, und von Menschen geschaffene Technologien, produzieren unter anderem Kohlenstoffe, die den Treibhaus-Effekt und andere atmosphärische Veränderungen hervorrufen.

Der BDA hat zusammen mit anderen Organisationen ein Manifest ins Leben gerufen, um auszudrücken, was wir – als Experten für Städte – tun sollten, um dieser gewaltigen Krise entgegenzutreten. Wie wir die Abwärtsspirale, die außer Kontrolle zu geraten droht, stoppen können, wie wir die Folgen des Klimawandels mildern und die Ursachen mit höherer Energieeffizienz, durch erneuerbare Energien und der schrittweisen Abkopplung von fossilen Brennstoffen, bekämpfen können.

Wikinger Knoten, Abb.:
Raoul Bunschoten

Dieses Manifest wurde am 17. März an Bundesminister Tiefensee übergeben. Die Übergabeveranstaltung war ein ernsthafter und symbolischer Akt, der Bundesminister drückte seine Entschlossenheit aus, die Inhalte des Manifests so weit wie möglich umzusetzen oder in Gesetze einfließen zu lassen. Da ich Mitunterzeichner dieses Manifests war, fühle auch ich mich verantwortlich, meinen Teil zu leisten und den Text in die Praxis umzusetzen. Die Erstellung des Manifests und die Übergabe an das Ministerium sind ein großer Schritt und sehr positiv zu betrachten. Aber was wird als nächstes passieren? Was sind die tatsächlichen Möglichkeiten eines Ministeriums? Wie können die Verfasser und Unterzeichner des Manifests die beschriebenen Ziele umsetzen? Wie können wir die radikalen Veränderungen unseres Berufes voraussehen, um das umzusetzen, was wir predigen? Wie können wir in Universitäten und an Schulen Veränderungen ins Leben rufen, um die nächste Generation auf die genannten Anforderungen vorzubereiten? Wie können wir Entscheidungsträger mit an Bord holen? Und am wichtigsten: wie können wir die Menschen in diesen Prozess einbinden? Wir brauchen die Unterstützung der gesamten Gesellschaft mit ihren Möglichkeiten der Zusammenarbeit, einer kollektiven Vorstellungskraft und Entscheidungsmacht, um die Ziele des Manifests umzusetzen und sogar noch weiterzutragen.

Die Haut der Erde

Metaspace, Abb.:
Raoul Bunschoten

Um die aufgeworfenen Fragen zu beantworten, möchte ich zwei Themen anführen. Das erste Thema handelt von dem Verhältnis zwischen erster und zweiter Haut der Erde. Die Problematiken des Klimawandels und der Energieversorgung sind globaler Natur. Sie betreffen jeden und sind nicht auf einzelne Länder, Kontinente oder Staatenverbände begrenzt. Sie resultieren von der Interaktion zwischen erster Haut – alle Dinge, die die Natur verkörpern – und der zweiten Haut – alle Dinge, die mit der Menschheit assoziiert sind oder von ihr hervorgerufen werden. Der Klimawandel und die Dynamik der Energieversorgung und der Energiepolitik sind globale Kräfte, die stellvertretend für einen schon fast mythischen „Kampf“ zwischen erster und zweiter Haut der Erde stehen. Ich habe keinen Zweifel wer, wenn es einen Gewinner geben sollte, der stärkere sein wird.
Aber wir, als Protagonisten der zweiten Haut, können mit der ersten Haut verhandeln. Wir können ihre Kräfte akzeptieren und wir können versuchen, zu koexistieren. Dies ist die eigentliche Aufgabe des Manifests und eine enorme Herausforderung, die unsere gesamte Erfindungsgabe und Kreativität benötigt. Es ist genauso eine technische wie kulturelle Aufgabe, eine politische und poetische, eine wirtschaftliche und künstlerische sowie gleichzeitig eine soziale und individuelle Aufgabe.

World Color Spam, Abb.:
Raoul Bunschoten

Im Laufe der Geschichte war Architektur und Stadtplanung immer von Pragmatik und Vorstellungskraft bestimmt. Gebäude und Städte sind Ausdruck von funktionellen Anforderungen genauso wie von Visionen, spirituellen Zuständen oder kosmologischen Ordnungen. Ein einfaches Farmhaus, ein Tempel oder eine Kirche, die Pyramiden, eine Bahnstation, eine neue Stadt oder vom Menschen geformte Landschaft, all diese Strukturen haben etwas von der genannten Dualität. Geschaffen durch den Prozess der Verinnerlichung der Welt im Schaffen einer neuen, durch unsere Arbeit. Ein schönes Beispiel dafür ist der Wikinger-Knoten: ein simples und funktionelles Gerät, das es Menschen ermöglicht, den Raum zu erforschen und Horizonte zu verschieben, und ein Modell des dynamischen Kosmos im Prozess der kontinuierlichen Veränderung. Dieser Knoten ist beides, funktional und visionär. Wie beispielsweise an norwegischen Kirchen zu erkennen ist, bildete er auch die architektonische Ausprägung einer neuen Typologie.

Heute stehen wir vor den gleichen Voraussetzungen: es gibt einen globalen Konflikt von mythischen Dimensionen, jedenfalls für diejenigen, die weder den Klimawandel noch die Evolution bestreiten.

Städte als Inkubatoren

Das zweite Thema dreht sich um Experimente und Anpassung. Wir müssen alle Gebäude und Planungsprojekte als Labor begreifen. Projekte als Prototypen, Städte als Inkubatoren der Innovation. Die menschliche Gesellschaft muss ihre Strukturen, ihre Architektur und Städte, sowohl funktional als auch in visionärer Hinsicht, an die Auseinandersetzungen und die Dynamik des Klimawandels und der Energieproduktion anpassen. Der globale Charakter des Themas Klimawandel muss die neue Ordnung werden, welche Gestaltung, Stadtplanung, Infrastruktur, Räume und Netzwerke antreibt.

Auf pragmatischer Ebene ist diese These mit zwei Tatsachen verknüpft: Erstens lebt die Mehrheit der Menschen in Städten, was bedeutet, dass diese zum Haupthandlungsort geworden sind, und zweitens schlägt das genannte Klimamanifest vor, jeden Aspekt der architektonischen Praxis zu evaluieren. Jedes Projekt muss die Themen des Manifests betrachten, jedes Projekt – ob Gebäude oder Stadtplanungsprojekt –, ist ein Prototyp. Die Themen Energie und Umwelt sind extrem komplex, wir müssen prototypische Beispiele erfinden und testen, da wir noch keine wirkliche Lösung zu den Herausforderungen gefunden haben. Die gesamte Stadt wird ein riesiges Labor.

Wir bewegen uns auf eine Phase der enormen Experimente zu, die die gesamte Welt umspannen. Experimente, die auch auf Netzwerken und supranationalen Beziehungen beruhen, und doch auch individuelle Kooperation und lokale Bedingungen benötigen. In diesen globalen kooperativen Netzwerken bilden Städte Inkubatoren der Innovation und repräsentieren eine Kultur des Wandels.

Test Kriterien
Wenn wir dieses gigantische und doch lokal praktische Experiment ernstnehmen wollen, müssen wir, wie schon erwähnt, alles als einen Prototyp sehen. Aber wie kann man gewährleisten, dass jedes Projekt, jedes Gesetz und jeder Plan getestet wird? Über lange Zeit haben wir in meinem Londoner Büro CHORA diese Fragen erforscht und es haben sich eine Reihe von Kriterien herausgebildet, wie Prototypen getestet werden können. Jeder Punkt der folgenden vier Kriterien beinhaltet ein Feld, in dem ein Prototyp effektiv sein muss. Die Kriterien vereinfachen komplexe Vorgänge und erlauben es, messbare oder zumindest qualifizierbare Variablen zu identifizieren.

Branding: Wir brauchen einen konstanten Strom von Geschichten, Bildern und Handlungssträngen. Wir müssen eine Kultur entwickeln, Lifestyles, Trends, die bekannt werden und die Stimmung in unterschiedlichen Gemeinschaften, Gesellschaften und Individuen beeinflussen. Wir konkurrieren mit Autofirmen, Produkt-Designern, Modeschauen, um Verlangen zu schaffen und Menschen zu motivieren.

Earth: Was sind die räumlichen Dimensionen des Projekts? Wir müssen unterschiedlichste Maßstäbe gestalten, und in jedem Maßstab neue Technologien einführen, von Show-Häusern zu Inkubator-Stadtteilen. Auch müssen wir Territorien definieren und dort Gesetze und Regeln anwenden und testen.

Flow: Wir müssen Prozesse verstehen und steuern, Städte als komplexe Organismen begreifen. Wir müssen dynamische Prozesse entwerfen und insbesondere Energieströme und Energienetzwerke als treibende Kraft der Stadt sehen.
Incorporation: Wir brauchen neue Konzepte, wie Planungsprozesse gesteuert werden können. Neue Management-Instrumente und intelligente Strukturen, die auf dynamische Gegebenheiten reagieren können.

Aktion:
politisch, didaktisch und pragmatisch
Wir müssen schnell handeln und bestehende Organisationen und Planungen nutzen, um die beschriebene Agenda voranzubringen. Zum Beispiel kann die IBA in Hamburg, auf der Elbinsel Wilhelmsburg, das Konzept und die Spielregeln eines Inkubators umsetzen. Die Insel hat eine ikonographische natürliche Form, ist sehr vielfältig und dadurch ein idealer Ort, um ein Testumfeld für „urbane Prototypen“ zu schaffen. Durch ihre Größe hat sie zudem die kritische Masse, um den Effekt eines Inkubators mit einer Vielfalt von Testprojekten zu messen.

CHORA mit Happold, Grossmax und Joost Grootens, Projekt für Berlin Tempelhof, Abb.: Raoul Bunschoten

Auch unser Wettbewerbsbeitrag zum Ideenwettbewerb „Prozessuale Stadtentwicklung Columbiaquartier“ (Berlin Tempelhof, 1.Preisgruppe2) schlägt solch einen Inkubator vor. Dieser Inkubator ist eingebettet in die weitbekannte Form und die emotionale Geschichte des Ortes. Historisches Gelände, die Entwicklung von Stadtteilen (im Rahmen einer IGA) sowie Parks und Freiflächen verbinden sich mit der Notwendigkeit, die gleiche Energiemenge wie ein traditionelles innerstädtisches Kraftwerk zu produzieren. (Vattenfall stieß zur gleichen Zeit wie der Wettbewerb auf Ablehnung, ein innerstädtisches Kohlekraftwerk zu errichten.)

In unserem Konzept finden sich die vier Ebenen als spezifische Strategien wieder. Die historische Symbolkraft der Luftbrücke, der Ring und der zentrale Leerraum als räumliche Struktur, das Konzept der Energieproduktion und die dynamische Entwicklung sowie die neuartige Planungsorganisation.

Außerhalb des Maßstabs der Stadt-Inkubatoren müssen wir auch auf geopolitischer Ebene aktiv werden und Stadtplanung mit Themen wie beispielsweise Emissions-Handel und anderen internationalen Initiativen, den Kohlenstoff-Ausstoß zu verringern, verknüpfen. Für die Diplomaten, die das Nachfolge-Dokument des Kyoto-Vertrags in diesem Jahr in Kopenhagen aushandeln werden, müssen wir konkrete Vorschläge erarbeiten, wie Städte als Inkubatoren in den Vertrag aufgenommen werden könnten.

Ein Beispiel geopolitischer Aktion sind unsere Projekte mit zwei Städten auf beiden Seiten der ‚Strasse von Taiwan’. Wir erarbeiten derzeit zwei sehr ähnliche Masterpläne für beide Städte, die darstellen, wie Emissionen verringert und die Energieeffizienz der Stadt erhöht werden kann. Durch die Parallelität der Projekte wird die ‚Strasse von Taiwan’ zu einem verbindenden Element und zu einem regionalen Inkubator, über politische Grenzen hinweg und während einer Phase beschleunigter Urbanisierung.

Schulen müssen der primäre Ort sein, wo sichergestellt werden muss, dass die nächste Generation von Planern und Architekten mit den Inhalten des Manifests vertraut gemacht wird und die Ziele kontinuierlich weiterentwickelt werden. Universitäten bestimmen den Ton der Zukunft und sind verantwortlich für die Themen der Praxis. Studenten waren auch die treibende Kraft in der Entwicklung des „Taiwan Strait Atlas“3, einem Buch mit Karten unterschiedlicher Ebenen und Beziehungen beidseitig der Meerestrasse, welches den „Taiwan Strait Inkubator“ erst ermöglichte.

CHORA mit Happold, Grossmax und Joost Grootens, Projekt für Berlin Tempelhof, Abb.: Raoul Bunschoten

Ein Manifest muss immer die utopische Vision mit einer pragmatischen Realität verbinden, das poetische Bild mit dem Vermitteln von Wissen verknüpfen – und auch den Traum in die Wirklichkeit der wirtschaftlichen und finanziellen Krise einbetten. Schulen sind der Ort, wo sich der Traum und die Formulierung der nächsten Phase unseres Berufes verbinden. Auch Schulen müssen sich reformieren. Es muss sichergestellt sein, dass sie Träume formulieren können, aber auch Protokolle erstellen, wie unser Beruf in der Zukunft aussehen könnte. Das Manifest ist eine Richtlinie, ein Appell an die Vernunft. Damit es jedoch effektiver in der Auseinandersetzung zwischen erster Haut und zweiter Haut der Erde eingesetzt werden kann, sollte es zu einem aktiven Instrument entwickelt werden.

Anmerkungen
1 „Urban flotsam“ für die Einführung in das Konzept der ersten und zweiten Haut
2 Mit Büro Happold, Grossmax und Joost Grootens
3 Mit Joost Grootens, Yuyang Liu, Shosen Wang, Shuenn Ren Liou, the Universities of Xiamen and TungHai, Chris Huang of Green Action, the Cities of Xiamen and Taichung, und vielen anderen

Übersetzung: Daniel Wedler

Raoul Bunschoten (*1955) ist Gründer von CHORA research und CHORA architecture and urbanism (London, Amsterdam). Er ist Professor für Systematik der Stadtplanung, Landschaft und Freiraum sowie Entwurf an der Fachhochschule Düsseldorf (PBSA).

Dieser Text wurde zum ersten Mal publiziert in der architekt 3/09 zum Thema Ästhetik und Ökologie. Aufbruch in eine klimatische Moderne.

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