Hoetger-Ausstellung in Hannover

Faszination Nofretete

Der in Dortmund-Hörde 1876 geborene Bernhard Hoetger war ein vielseitiges Talent. Neben der Plastik hatte er Architektur studiert, der Graphik war er genau so gewogen wie dem Möbeldesign. Wie Ahasver müsse er durch die Kunstgeschichte irren, urteilte sein Mäzen, der Kaffee-Hag-Produzent Ludwig Roselius über Hoetgers Vorlieben als Bildhauer. Auf den ersten Blick stimmt die Beobachtung, dass Hoetger unterschiedliche Stile erprobte: Roselius machte eine impressionistische, eine klassisch-griechische, eine buddhistische und eine ägyptisierende Phase bei ihm aus, man könnte getrost noch eine afrikanische und eine gotisch-nordische hinzufügen. Was den Künstler umtrieb, war ein ungeheurer Schaffensdrang, der – im Einklang mit Nietzsche und nicht wenigen Künstlern seiner Zeit – in der genial-schaffenden Facette des Menschseins den richtigen Ansatz für eine umfassende Lebensreform sah.

Im Niedersächsischen Landesmuseum Hannover unterzieht man gerade die „ägyptische“ Phase Bernhard Hoetgers einer Revision. In einer großartigen Synopse von ägyptischer Portraitplastik aus den Ausgrabungen in Tell-el-Amarna, deren Ergebnisse 1913 zum ersten Mal in Berlin präsentiert wurden, und den wenig später entstandenen Büsten und Ganzkörperfiguren aus der Hand Hoetgers wird der intensive Einfluss sichtbar, den der Künstler offenbar gern aufnahm. Am deutlichsten wird dieser Zusammenhang bei einer Gruppe von Portraits, die die Ausdruckstänzerin Sent M’Ahesa zeigen, die Hoetger schon während seiner frühen Zeit in Paris und später wohl auch in Deutschland sah. Die Ähnlichkeit der ins Allgemeine und dennoch Feine interpretierten Gesichtszüge und die oval nach hinten verlängerte Schädelkalotte haben so große Ähnlichkeiten mit den sogenannten Prinzessinnen aus Amarna, dass der in der Ausstellung etwas sensationslustig hervorgehobene Vergleich mit Nofretete überflüssig erscheint.

Doch nicht nur die eigentlich adlige Tänzerin aus Riga, die sich übergreifend safrangelb als „Ägypterin“ schminkte, sondern auch Hoetgers Frau Lee und das Hannoveraner Fabrikantenehepaar Bahlsen, dessen vier juvenile Söhne, sowie den Hannoveraner Stadtbaurat nebst Gattin und andere hat Hoetger unter gleichen formal-ästhetischen Prämissen mehrfach in Stein gehauen oder in Bronze gegossen. Mit dieser Werkgruppe entfernte sich der Künstler erheblich von der bei Rodin entlehnten expressiven Oberfläche der Skulptur und der bewegten Figur und reduzierte – mehr noch als Maillol – die geometrische Komposition bis ins Minimalistische.

Die Hannoveraner Motive deuten auf einen anderen Hintergrund, der den zweiten Schwerpunkt der Ausstellung bildet: 1916 hatte Hermann Bahlsen den inzwischen nach Worpswede gezogenen Hoetger mit dem Entwurf eines eigenen Stadtteils für seine Keks-Fabrik beauftragt. Analog zum Signet der Firma, für das man wegen einer neuen Verpackungsform das altägyptische Zeichen für Ewigkeit wählte, entwarf Hoetger eine „TET-Stadt“ genannte Anlage mit ägyptisierenden Produktionsstätten, Verwaltungsbauten, Arbeiterwohnungen und enormen Grünanlagen. 1917 wurde das symbolbeladene Vorhaben im Hannoveraner Kunstverein ausgestellt und dann bis zur Genehmigungsreife weiterentwickelt. Zeichnungen von und nach Hoetger, ein Modell und eine 3-D-Simulation dokumentieren das hypertroph wirkende Projekt, dessen Verwirklichung der Tod Bahlsens 1919 verhinderte.

Mit dem Scheitern des Bahlsen-Projekts gewannen der Erfinder des koffeinfreien Kaffees, Ludwig Roselius, und dessen Weltanschauung großen Einfluss auf Hoetger und seine Arbeit. Die nordischen Phantasien des Bremer Mäzens begeisterten auch den Künstler, der zugleich eine neue Phase der umgreifenden künstlerischen Gestaltung des Lebens heraufdämmern sah. In Worpswede, auch das wird in der Hannoveraner Schau kurz angeschnitten, entwickelte er schließlich mit seinen Wohnhäusern, der Großen Kunstschau und dem Café Worpswede, in Bremen mit der Bremer Böttcherstraße, dem phantastischen Saal des „Haus Atlantis“ und mit dem Café Winuwuk in Bad Harzburg mitunter skurrile Gesamtkunstwerke, bei denen er Einflüsse der Wikinger, der Indianer, der Südsee und der norddeutschen Tiefebene unter einen Hut zu bringen versuchte. Diese völkisch motivierte Synthese brachte Hoetger in unmittelbare Nähe zur Kulturideologie des Nationalsozialismus, dessen Vertreter aber Hoetgers expressionistische Formgebung als „entartet“ erklärten. Aber das ist ein anderes Kapitel. 1949 starb der Künstler in der Schweiz.
Andreas Denk

Faszination Nofretete. Bernhard Hoetger und Ägypten
26. April – 25. August 2013
Öffnungszeiten: Di – So 10.00 -17.00 Uhr / Do 10.00 -19.00 Uhr
Niedersächsisches Landesmuseum Hannover
Willy-Brandt-Allee 5
30169 Hannover
Eintritt:
8,- Euro / erm. 6,- Euro / Fam. 16,- Euro
www.landesmuseum-hannover.de
www.youtube.com/watch?v=YLRPBVx3A38

Artikel teilen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*