architekturbiennale 2018

Freespace: Das Instagram-Profil des Architekturdiskurses

Bereits die Auswahl der teilnehmenden Büros für die Hauptausstellung durch die Kuratorinnen Yvonne Farrell und Shelley McNamara bot im Vorfeld der diesjährigen Architekturbiennale wenig Überraschung: Von Amateur Architecture Studio bis Peter Zumthor zeigen sich die alten Bekannten. Freespace betitelten die beiden Irinnen „ihre“ Biennale. Dafür haben die Architektinnen ein Manifest geschrieben, in dem sie umreißen, was ihnen dieser Freespace, dieser Freiraum, bedeutet. In sieben, jeweils mit dem Wort „Freespace“ beginnenden Absätzen wird angedeutet, was Architektur heute alles sein könnte: sie könnte einen Beitrag zur Gesellschaft aller leisten, sie könnte sich in den Dienst der nächsten Generationen stellen, sie könnte auf die sozialen Probleme, auf die Ängste, Sorgen und Nöte unserer Mitmenschen eingehen, einen Beitrag zum Fortbestehen der Menschheit in Zeiten schwindender Ressourcen und immer dramatischer werdender Folgen des Klimawandels leisten, und sie könnte Fragen beantworten, wie und wo wir in einem entfesselten Kapitalmarkt leben können. Leider umschreiben Farrell und McNamara all das nur. Statt klar zu benennen, um was es geht, tanzen ihre Worte mystisch raunend um den heißen Brei herum. Aber auch das kann ja eine Form von Freiheit sein.

Freespace-Video-Installation im Arsenale, Foto: David Kasparek

Betritt man den Hauptpavillon der Freespace-Ausstellung auf den Giardini sowie das Arsenale, beschleicht einen schnell das Gefühl, dass die allermeisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieser Architektur-Leistungsschau mit der ihnen gewährten Freiheit nicht haben umgehen können – oder die Zeilen der Kuratorinnen schlicht nicht gelesen haben. Man erinnert sich an jene libertär erzogenen Kids, denen von ihren Eltern alle, aber auch wirklich alle Freiheiten ermöglicht wurden, immer in der Hoffnung, sie würden die relevanten Dinge des Lebens schon selbst herausfinden, nur um am Ende festzustellen, wie sie sich auf ihren Instagram-Accounts voller Selfies, Smoothie-Bowls, Klamotten und Fitness-tipps selbst entblößen.

Modell von Francesca Torzo Architetto, Foto: David Kasparek

Allein der Titel der Schau lässt schon alle Freiheiten – ja, noch einmal mehr als die der vergangenen Jahre. Diese Freiheit muss man also erst einmal aushalten – und daran scheitern viele Beiträge. Die Ausstellung verkommt zu einer Messe der Eitelkeiten. Die durch Migration, Umweltverschmutzung, Ressourcenmangel oder Kriege ausgelösten Krisen unserer Zeit bleiben weitgehend ausgeblendet. Stattdessen finden sich Projekte, die – ganz alte Schule – die Schönheit des Lichts auf Sichtbetonoberflächen feiern. Das kann man so machen. Mit Blick auf die Frage, welche Materialien wir uns als globale Gesellschaft heute und in Zukunft noch leisten wollen und – weitaus wichtiger – überhaupt noch leisten können, erschließt sich die Virulenz jedoch nicht. Vielleicht ist es sogar verantwortungslos, derart scheuklappenbehaftet auf die Ästhetik zu fokussieren.

Installation von Veronika Lena und Anna Heringer, Foto: David Kasparek

Aber es gibt auch Ausnahmen: den Beitrag von Veronika Lena und Anna Heringer etwa. Die Arbeit der beiden besteht aus einer textilen Hängung, die ein kleines Geviert definiert, und einem winzigen Raum, in dem ein Fernseher läuft. Es ist der Freespace der Arbeiterinnen, die aus den ländlichen Regionen Bangladeshs zu tausenden in die Metropolen ziehen, um dort in den großen Textilfabriken zu arbeiten. Sicherheit kann dabei kaum gewährleistet werden, sie kann nur in diesem kleinen, oft mit anderen im Schichtbetrieb geteilten Raum erfahren werden, in dem der Fernseher das Fenster zur Welt bleibt. Heringer und Lena haben gemeinsam mit Frauen aus Rudrapur und Umgebung mit „Didi Textiles“ eine Option geschaffen, die es der lokalen Bevölkerung ermöglicht, in ihren Heimatdörfern zu bleiben und dort mit einfachen Mitteln qualitativ hochwertige und schöne Kleidungsstücke zu fertigen. Ein Start-Up, das Kleidung fair und vor Ort produziert. Aus diesem Gewebe sind die das kleine Areal einfassenden Wandungen gemacht. So stellt der Beitrag von Veronika Lena und Anna Heringer nicht nur eine Form von Empowerment dar, sondern auch eine Möglichkeit, Kleidung fair in Bangladesh zu produzieren.

Rauminstallation von De Vilder Vinck Taillieu im Hauptpavillon in den Giardini, Foto: David Kasparek

Auch die Arbeiten von CASE Design und Tezuka Architects im Arsenale oder von De Vilder Vinck Taillieu und RMA Architects zeigen, dass Architektur eben doch eine soziale Disziplin ist, die – will sie ernst genommen und nicht zum Kaschieren von Oberflächen degradiert werden – die oben genannten Belange zum Ausgangspunkt ihrer Aufgabe macht. Ansonsten aber dominieren irrsinnig aufwendige Rauminstallationen, die in ihrer Aneinanderreihung an jene unerträgliche Leichtigkeit des Seins erinnern, die man nur zu gut von Verkaufsmessen kennt. Es werden viele schöne Architekturen gezeigt, in teils feinen temporären Raumhüllen, von denen man lieber nicht wissen will, was mit ihnen nach dem 25. November, dem Ende der Biennale, passiert und wie viel das dafür notwendige Material wohl gekostet haben mag.

Modell von Peter Zumthor im Hauptpavillon in den Giardini, Foto: David Kasparek

Vertritt man den Standpunkt, Architektur sei ausschließlich das wunderbare Spiel der Formen im Licht, so hat man auf dieser Biennale viel Freude. Auch als Beitrag zum Stand der Technik im Bereich des Modellbaus wäre die Ausstellung bemerkenswert. Peter Zumthor etwa hat hier eine Vielzahl eigener Projekte im Modell versammelt. Allesamt schöne Arbeiten, noch dazu handwerklich herausragend in Szene gesetzt, gefällig präsentiert – vor dem Hintergrund der anstehenden Aufgaben aber nur schwer zu ertragen.
Immer wieder ragt im Kleinen etwas heraus, überraschend ist das wenigste, manches gar ärgerlich. Und so ist die Haupt-ausstellung der diesjährigen Biennale wie eine jener Instagram-Seiten, die zu zigtausenden geliked werden: Alles kann, nichts muss. Schön und unverbindlich. Das ist oft hübsch anzusehen, macht für den Moment sogar Spaß, bleibt auf lange Sicht aber enttäuschend und unbefriedigend.
David Kasparek

Freespace
16. Architekturbiennale Venedig
Bis zum 25. November

Modellserie von Gumuchdjian Architects, Foto: David Kasparek

Artikel teilen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*