Buch der Woche: Archigram – The Book

Für Schmetterlingshirne

„Wir müssen an die Zeitungen schreiben!“, „Wir müssen etwas machen!“, „Lasst uns Wettbewerbe machen!“ Laut Peter Cook waren das die treibenden Gedanken einer Gruppe junger Architekten, die sich mit den bestehenden Verhältnissen ihrer Zeit nicht länger abfinden wollten. Anders als viele, die auch heute wieder rufen „Da müsste doch mal jemand was machen!“, handelten Cook und seine Mitstreiter. Gemeinsam mit David Greene und Michael Webb beschloss Cook „in einer Zelle“ aktiv zu werden: Mit Hilfe der umschmeichelten Sekretärin des Büros von James Cubbit, in dem Cook und Greene arbeiteten, und dem dortigen Gestetner-Kopierer fertigten die drei die erste Ausgabe einer Zeitschrift, die sie Archigram nannten – als Amalgam der Wörter ARCHItecture und teleGRAM. Gezeigt wurden – neben eigenen Entwürfen – Projekte unterschiedlicher Architekten wie Timothy Tinker, Steve Osgood, Robert Manley, John Outram, Edward Reynolds, Paul Drake und Alan Lee.

Archigram 4, Front Cover, 1964, Abb.: Archigram Archives

Das Konstrukt einer relativ festen Kerngruppe, die um andere Architekten erweitert wurde, behielten Cook, Greene und Webb auch für die kommenden Ausgaben von Archigram bei – Warren Chalk, Dennis Crompton und Ron Herron ergänzten den Kern und mit Peter Taylor entwarf „ein echter Typograf“, wie Cook rückblickend schreibt, die Cover der nächsten zwei Ausgaben. Comicstrips, Gedichte, Essays und utopische Stadtentwürfe wurden auf großformatigem und günstigem Papier in einer Auflage von 300 Exemplaren gedruckt.

1963 bekam die Gruppe die Chance, im Institute of Contemporary Arts eine Ausstellung zu machen. „Living City“ wird von Reyner Banham wahrgenommen, seine Erwähnung „der Archigram-Jungs“ hievte das Projekt auf ein nicht geahntes Level. Philip Johnson und Buckminster Fuller meldeten sich bei Cook und seinen Mitstreitern, die 1.000 Exemplare von Archigram3 waren innerhalb von wenigen Wochen ausverkauft. Peter Cook, Warren Chalk, Dennis Crompton, David Greene, Ron Herron und Michael Webb selbst beschlossen fortan, unter diesem Namen aufzutreten: „If that´s what they call us that´s what we are“.

Warren Chalk, Bathamatic, Archigram 1969, Abb.: Archigram Archives

In der Folge publizierte Archigram insgesamt neun Ausgaben des gleichnamigen Magazins und ging mit Ausstellungen regelrecht auf Tour. All das fasst ein monumentales, von Park Books und Circa Press gemeinsam verlegtes Buch nun auf 300 Seiten zusammen. Mit allen Abbildungen aus den neun Archigrams, sowie ergänzend dazu von „Archigram Opera“ und einer Vielzahl von Entwürfen und Beiträgen „der Archigram-Jungs“ liest es sich wie eine kommentierte Werkschau der Gruppe. Opulent bebildert mit 27 Zentimetern in der Höhe und knapp 35 in der Breite lässt sich das Buch an einigen Stellen mittels Faltungen auf gut einen Meter ausklappen – was die Entwürfe umso eindringlicher erscheinen lässt und wundervoll zur Geltung bringt.

Peter Cook, Plug-In City, Max Pressure Area, Schnitt, Archigram 1964, Abb.: Archigram Archives

Wie sehr Architektur hier den Versuch unternommen hat, popkulturelles Phänomen zu sein, und wie sehr dieser Versuch geglückt ist, macht das Vorwort von Michael Sorkin deutlich, der die 1960er als Dekade der britischen Invasion in den USA ausmacht und das frühe Wirken der Architektengruppe Archigram mit den Charterfolgen der Beatles, Rolling Stones, Searchers, der Animals und einigen mehr gleichsetzt. Die Briten kamen in die Staaten und brachten eine Frische mit, die dort in jener Zeit wenig zu finden war.

Michael Webb, Cushicle in three states, Archigram 1966, Abb.: Archigram Archives

Bei aller Kritik, die Archigram ob ihrer unbedingten Technikgläubigkeit und utopischen Fortschrittsidealisierung berechtigter Weise entgegengebracht wurde, merkt man den Blättern noch heute an, welche Wirkmächtigkeit sie in den konservativen frühen 1960er-Jahren gehabt haben. Zumal die Archigram-Ausgaben eben nicht allein und für sich stehen, sondern durch Texte der noch lebenden Mitglieder sowie – neben Sorkin – Reyner Banham und Martin Pawley ergänzt werden. Funktionalismus schließlich, so Michael Sorkin, beginnt für Archigram stets mit Spaß. Das wird bereits bei den wenigen Worten deutlich, die David Greene dem Buch voranstellt: „Wir möchten uns vorstellen, Archigram sei für Schmetterlingshirne“. Greene fügt dem  noch einige andere Dinge an wie „Träumer und Faulpelze“, „Arbeiter für die Schönheit von Ideen“, „Gefangene der Drehtür zwischen dem Zweifel genannten Raum und jenem, der Glaube genannt wird“ oder „Jene, die denken, ein Stau sei eine temporäre Stadt.“

Archigram. The Book

Bemerkenswert ist bei diesen und den anderen Beschreibungen die Doppeldeutigkeit und Poesie, die in den Worten zu finden sind. Butterfly Brains sind im Englischen eben nicht nur die Denkorgane verwandelter Raupen, sondern auch hochgradig vergessliche Menschen…

David Kasparek

Archigram. The Book, hrsgg. und mit Texten von Warren Chalk, Peter Cook, Dennis Crompton, Ron Herron, David Greene und Michael Webb. Beiträge von Reyner Banham, Martin Pawley und Michael Sorkin, engl., 300 S., 396 farb. und 216 sw. Abb., gebunden, 125, Euro, Park Books, Zürich 2018, und Circa Press Ltd, London 2018, ISBN 978-3-03860-098-5

Artikel teilen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*