Hermann Holzknecht

Geschwisterpaar

Alpine Architektur und Wahrnehmungsvermögen

Bauen in den Bergen unterscheidet sich in der Herangehensweise von Bautätigkeiten im urbanen Raum erheblich, weil die Rahmenbedingungen andere sind. Städtebauliche Aufgaben orientieren sich an einem Umfeld, wo Menschenwerk sich bereits manifestiert hat. Anders bei Projekten, die sich im alpinen Raum abspielen. Hier kommen unabdingbar von der Natur bestimmte Parameter zum Tragen, die bei Missachtung jeden Entwurfsgedanken ad absurdum führen. Bei städtebaulichen Projekten werden viel öfter Qualitätskriterien eingefordert, die einen akademischen und / oder gesellschaftlich relevanten Hintergrund haben, als dies vergleichsweise bei der alpinen Architektur der Fall ist. Ein gutes städtebauliches Projekt optimiert die urbane Qualität und bereichert den Menschen vor allem als Kulturwesen. Für gute alpine Architektur gilt dies natürlich sinngemäß auch, aber es kommt noch etwas hinzu: Es ist die Zwiesprache mit dem Umraum, der nicht von Menschen gestaltet wurde. Das heißt, dass die vorgefundene Landschaftsstruktur und das hinzugefügte Bauwerk als Gesamtkomposition wahrgenommen werden. Im unberührten Landschaftsraum zu bauen bedeutet, die tages- und jahreszeitlichen, sowie klimatischen Veränderungen mitzudenken.

Hermann Holzknecht, Rasthaus Timmelsjoch, 2015–2016, Foto: Thomas Defner

Lässt man sich im Entwurfsprozess von Bescheidenheit und Achtsamkeit leiten, führt dies meistens zu einem guten Ergebnis. Ein literarischer Hinweis: Im Zauberberg von Thomas Mann findet man die Sentenz: „Die Berge sind stumme Meister und machen schweigsame Schüler.“ Wenn das Eingreifen des Menschen in den unberührten Naturraum durch eine architektonische Maßnahme dazu führt, dass er selbst im Erfassen beider Qualitäten zum Schöpfer des Gesamterlebnisses wird, dann ist sie gut und Teil menschlicher Kultur. Dabei wird schnell klar, dass es um mehr gehen muss, als um formale, ästhetische oder technische Fragen. Natürlich ist es ein Konglomerat an Kompetenzen, die der Architekt mitbringen soll, aber die geschärfte Wahrnehmungsfähigkeit ist die mit Abstand wichtigste.

Hermann Holzknecht, Rasthaus Timmelsjoch, 2015–2016, Foto: Thomas Defner

Nachfolgende Gedanken in diesem Zusammenhang entspringen meiner Erfahrung und Beobachtung und besitzen keine wissenschaftliche Beweiskraft. Der Einfachheit halber unterscheide ich auch nicht zwischen organhaften Wahrnehmungen (alles, was mit den klassischen Sinneswahrnehmungen erfahrbar ist) und jenen, die in der feinstofflichen Welt angesiedelt sind wie das Spüren, Fühlen, Begreifen, Empfinden, Erahnen. Es ist auch nicht so wichtig, dahingehend eine Unterscheidung zu treffen, ob biologische oder psychologische Abläufe verantwortlich sind. Ebenso wie es nicht relevant ist, welchen Anteil das gespeicherte Wissen in unseren Genen hat, und wie viel davon abgerufen wird. Entscheidend ist, dass man die Wahrnehmungsmechanismen kultiviert und durch den ständigen Gebrauch weiter schärft.

Hermann Holzknecht, Rasthaus Timmelsjoch, 2015–2016, Foto: Thomas Defner

Der Einstieg in eine alpine Bauaufgabe beginnt für mich mit dem „Hinhören“, was der Ort mir „flüstert“, hinsichtlich Sonnenstand, Windrichtung, Regen und Schnee, welche topographischen Voraussetzungen gibt es, welche Materialien und Farben charakterisieren den Ort. Im Entwurfsprozess entstehen dann weitere Fragen, wie zum Beispiel die des Maßstabs, der architektonischen Form, der Materialität, der technischen Möglichkeiten und einige mehr. Architektur in der Gebirgslandschaft muss manchmal Akzente setzen, hie und da darf sie schrill und laut sein, oftmals provozieren, aber immer nur im Einzelfall und nur dann, wenn sie sich im Selbstverständnis erklären kann. Grundsätzlich aber denke ich: Alpine Architektur, die abzielt auf Stille und Kontinuität, Identität und Wahrhaftigkeit, ist jene, die unser Leben reicher macht, die uns beschenkt. Sie lässt zu, dass Wände erzählen, dass Orte Ruhe und Geborgenheit ausstrahlen, dass wir Räume mit Heiterkeit, aber auch mit Melancholie erleben, dass Emotionen und Gefühle im Bauwerk verankert werden, dass Architektur schlichtweg das Leben einkleidet und nicht zum Selbstzweck wird.

Hermann Holzknecht, Rasthaus Timmelsjoch, 2015–2016, Foto: Thomas Defner

Am folgenden Beispiel zeige ich, wie sich meine architektonische Haltung im konkreten Bauen äußert. Von den Grundbesitzern, Bauern von Zwieselstein, wurde ich mit der Modernisierung des Rasthauses an der Staatsgrenze am Timmelsjoch – auf 2.509 Metern über dem Meeresspiegel – beauftragt. Es handelt sich um die Sanierung des Bestandsgebäudes aus den 1960er Jahren mit der Erweiterung um eine teilüberdachte Terrasse und um einen kleinen, gewerblich notwendigen Zubau.

In schlaglichtartiger Manier seien hier die vordringlichsten Fragen, die sich mir bei der Bewältigung dieser Aufgabe stellten, gestreift: Es geht um eine Passüberschreitung in einer Grenzregion im hochalpinen Gelände; um ein während der Sommermonate touristisch genutztes Ausflugsziel mit gastronomischem Angebot; um einen Verweilplatz mit Sicht auf die wunderbare Bergkulisse. Darüber hinaus geht es um eine Architektur, in der die Maßstäblichkeit (drei kleingliedrige Baukörper), die Materialwahl (Holzschindeln und blanker Stahl), die Farbgestaltung (die Kolorierungen des natürlichen Umfelds), die architektonische Formensprache (klare Kuben) dem außergewöhnlichen Ort Präsenz verleihen.

Mag. Arch. Hermann Holzknecht (*1957) lernte zunächst Bäcker, dann technischer Zeichner und arbeitete bei Baumeister Pohl. Anschließend machte er Matura (1984) und begann ein Studium für Innenarchitektur an der Hochschule für künstlerische und industrielle Gestaltung in Linz, bevor er Architektur an der Kunstuniversität Linz studierte, 1993 erfolgte das Diplom. Hermann Holzknecht arbeitet seit dieser Zeit als freiberuflicher Architekt.

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