Houston, we have a problem

Höhle und Zelt

Es wird zunehmend deutlich, dass wir mit unserer Haltung des „Alles immer“ langfristig kein Umsteuern in Hinblick auf den Klimawandel erreichen können. So wie man Obst und Gemüse am besten saisonal kauft, schlagen die Architekten Jurek Brüggen und Sebastian Sailer mit ihrem „Haus am See“ vor, auch das Wohnverhalten an die Gegebenheiten der Jahreszeiten anzupassen.

Jurek Brüggen und Sebastian Sailer, Haus am See, Werder / Havel, 2018, Foto: Jurek Brüggen

Inmitten eines bunten Gemischs an Bestandsbebauung steht das „Haus am See“ auf dem höchsten Punkt der Insel Werder bei Berlin: Ein neogotischer Belvedere, eine Art déco-Villa, ein Stallgebäude mit angefügter neoklassizistischer Fassade sowie ein Bungalow aus DDR-Zeiten umzingeln das am Hang gelegene kleine Bauwerk. Wie ein massiver Stein scheint das Untergeschoss im Hang vertieft zu sitzen, der graue Sichtbeton hat Öffnungen mit tiefen Laibungen, die dem Bau etwas leicht bunkerartiges verleihen. Das darauf stehende Volumen dagegen tritt als leichte, fast ephemere Konstruktion auf. Schmale Holzstützen reihen sich als schmale Kolonnade um einen dahinterliegenden, halb transparenten Raum.

Jurek Brüggen und Sebastian Sailer, Haus am See, Werder / Havel, 2018, Foto: Jurek Brüggen

Der Eindruck ist bewusst so kontrastreich gestaltet, denn je nach Jahreszeit und Temperaturen soll der Bau unterschiedlich genutzt werden. Der rechteckige Pavillon oben, bestehend aus Holz und Glas, steht im Sommer als zusätzlicher Wohnraum zur Verfügung und bildet zudem die Übergangszone zu der umschließenden Dachterrassenfläche. Die Wohnfläche ist hierdurch in der warmen Jahreszeit verdoppelt, Falttüren können in verschiedenen Varianten zur Terrasse geöffnet werden und ermöglichen die Verschiebung der Grenzen zwischen Innen und Außen. Die Flexibilität des Wohnens wird durch eine mobile Küche bereichert. In den Übergangsmonaten dagegen kann der Dachpavillon je nach Temperaturen weitergenutzt und zur Terrasse hin geschlossen werden. Ist es im Winter dann richtig kalt, wird der Pavillon schließlich durch ein großes Schiebefenster komplett geschlossen und die Bewohner ziehen sich in den gedämmten Massivbau des Untergeschosses zurück. Die Wohnfläche ist jetzt verkleinert, muss daher weniger beheizt werden und wird sowohl durch die Erdmassen des Hangs als auch durch den Raum im Obergeschoss zusätzlich isoliert.

Doch auch im Winter ist das Obergeschoss nicht völlig nutzlos – es kann nun durch die Abwärme von unten als Wintergarten für Pflanzen genutzt werden und isoliert den Bau zusätzlich. Nicht nur formal, sondern auch inhaltlich gelingt dem Bau damit insgesamt eine sinnfällige Vereinigung der architektonischen Grundmotive der massiven Höhle und des leichten Zelts. Eine überzeugende Anregung, die sich durch die Jahreszeiten verändernden Anforderungen an Architektur stärker in die Konzeption miteinzubeziehen.
Elina Potratz

Haus am See, Werder / Havel, 2018
Architekten: Jurek Brüggen Arch BSc ETH, Sebastian Sailer (KOSA Architekten)
Bauherren: privat
Status: realisiert

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