Ökologie und Verantwortung

Houston, we have a problem

Mit dem Schritt aus dem Orbit unseres Planeten fallen in den 1960er Jahren zwei scheinbar paradoxe Entwicklungen in das gleiche Jahrzehnt: Der Beginn des Raumfahrtzeitalters markiert auch den der modernen Umweltbewegung. Radikale Gläubigkeit an ein Leben jenseits der Erde auf der einen, und die Bewusstwerdung, dass der Planet Erde und unsere eigene Existenz in einem sehr fragilen Zusammenhang stehen, auf der anderen Seite. Das nachweislich erstmals 1879 von dem US-amerikanischen Ökonomen Henry George eingeführte Diktum von einem „Schiff, auf dem wir durch das All fahren“(1) wird in dieser Epoche vielfach zitiert. Richard Buckminster Fuller etwa soll sich dieser Analogie, die 1968 in seinem veröffentlichten „Operating Manual for Spaceship Earth“(2) ihren für Architekten bekanntesten Widerhall findet, bereits 1951 bedient haben. Sechzig Jahre nach dieser Veröffentlichung ist man sich darüber einig, dass sich die Erde im Zeitalter des Anthropozän befindet. Der Mensch hat die Erde nachhaltig verändert, technische Zivilisation und Natur befinden sich in einer dynamischen Wechselwirkung, die wir nicht länger beherrschen zu scheinen. Krise und Fortschritt sind Teil des gleichen Systems: Das Raumschiff Erde aber hat keinen Notausgang, wie Paul Crutzen, Mike Davis, Michael D. Mastrandrea, Stephen H. Schneider und Peter Sloterdijk 2011 feststellten.(3)

Doch statt in einen Fatalismus von sich ständig ablösenden Alternativlosigkeiten zu verfallen, der für einen Großteil gesellschaftlicher Lähmungserscheinungen verantwortlich zu sein scheint, könnte das Denken in Szenarien und ein neuer Mut zu Utopien dazu beitragen, das Raumschiff auf Kurs zu halten. Ähnlich der Besatzung der Apollo 13 ist es der Menschheit schließlich möglich, diesen Kraftakt zu bewerkstelligen. Was dazu zählen kann, soll aus Sicht verschiedener Disziplinen erörtert werden und in Positionen aus Soziologie, Politik, Ökonomie, Landschaftsarchitektur, Klimafolgenforschung und Energieversorgung beleuchtet werden.

Blue Marble, Östliche Hemisphäre, Foto: NASA Earth Observatory 2014 (CC BY 2.0)

Im Dezember 2018 fragten der Bund Deutscher Architekten BDA gemeinsam mit dem Deutschen Architektur Zentrum DAZ und dieser Zeitschrift im Rahmen eines Call for Projects, wie mutiges Handeln jenseits der verordneten Alternativlosigkeit aussehen kann. Bis Ende Januar 2019 sind rund 150 Projekte eingegangen. Diese Studien, städtebaulichen Planungen und realisierten Häuser sind der Grundstock des Diskussionspanels „Architektur in Zeiten des Klimawandels“ des BDA-Tags in Halle an der Saale (siehe S. 68-69), und einer Reihe von Gesprächen und Präsentationen im DAZ in Berlin sowie in dieser Ausgabe. Neben theoretischen Texten zeigt dieses Heft in kurzen Schlaglichtern auf, wie vermeintlich utopische Modelle und die Wirkmächtigkeit der Disziplinen Architektur und Stadtplanung als Beitrag zur Lösung aktueller Probleme herangezogen werden könnten.

Zwar stehen wir als globale Gesellschaft mit dem Klimawandel und seinen Folgen vor Herausforderungen, die so groß und komplex sind, wie wohl keine zuvor, doch es wäre paradox, wenn ausgerechnet wir davon ausgingen, dass sich der Zustand des dauerhaften „Fünf vor Zwölf“ nicht ändern ließe. Wir haben es heute mit einer der wohl am besten ausgebildeten und bestinformierten Generation von Architektinnen und Architekten zu tun, die je agiert hat. Um Adaptionen einer Architektur zu entwickeln, die den seit Generationen aufgehäuften Problemen etwas entgegenzusetzen hat, bedarf es wohl des Abschieds liebgewonnener Gewohnheiten – etwa dem massenhaften Einsatz von Beton. Dabei wird es auch in Zukunft immer sinnvolle Einsatzmöglichkeiten für Beton geben, nur werden wir ihn aufgrund seiner CO2-Billanz womöglich eher so behandeln wie ein Edelmetall. Auch dieses nutzen wir ja, „nur eben nicht für jede Schraube, jeden Beschlag und jeden Gitterost“.(4)

Nehmen Architektinnen und Architekten sich und ihre Profession dahingehend ernst, speist sich aus dieser Architektur-Entwicklung unmittelbar „eine wirkliche Relevanz, die über die bisher vollzogenen Änderungen des Bauens und der Architekturgeschichte weit hinausgeht“.(5) Zu sehen, an welchen Stellen bereits gehandelt wird, und zu realisieren, dass es oftmals Akteure unserer Profession sind, die zukunftsfähig handeln, sollte uns allen Mut machen. Es ist wieder Zeit für Zukunft.
David Kasparek

Anmerkungen
1 George, Henry: Progress and Poverty (1879), Buch IV, Kapitel 2, Cosimo, New York 2005, S. 173.
2 Buckminster Fuller, Richard: Operating Manual for Spaceship Earth, Southern Illinois University Press, Carbondale 1969.
3 Crutzen, Paul K. / Davis, Mike / Mastrandrea, Michael D. / Schneider, Stephen H. / Sloterdijk, Peter: Das Raumschiff Erde hat keinen Notausgang. Energie und Politik im Anthropozän, Berlin 2011.
4 Kasparek, David: Architektur für den Endgegner, in: Ausdruck AKJAA – Arbeitskreis
Junger Architektinnen und Architekten. Positionen junger Architekten im BDA, Berlin 2018, S. 18.
5 Ebd., S. 19.

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